Tucholsky ist aktueller denn je

Okko Herlyn  Foto: Fabian Strauch / WAZ FotoPool
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Wanheim. Korruption, Plagiate, Gier, Verantwortungslosigkeit und Bürokratie erzeugen Politikverdrossenheit. Kurt Tucholsky könnte heute aus dem Vollen schöpfen, um seine satirischen Texte zu schreiben. Bei allen Unterschieden – es gibt viele Parallelen zwischen der Weimarer Republik und der Bundesrepublik anno 2012. Bei einer Lesung in der evangelischen Kirche Wanheim erinnerten die Duisburger Künstler Ursula Jung und Okko Herlyn an die Lebensgeschichte des genialen Berliner Autors und Journalisten (1890-1935). Sie lasen aus seinen Satiren, Gedichten und Essays. Rund 100 Zuhörer hörten sich die heiteren, ernsten, auch bitterbösen Texte gebannt an, entdeckten viel Gemeinsames zwischen Gestern und Heute.

Tucholsky, Sohn eines jüdischen Ehepaars und promovierter Jurist, beobachtete meist kritisch-spöttisch Zeitgeschehen und Zeitgeist des Kaiserreichs und der Weimarer Republik. Zeitlebens stritt der streitbare Publizist für Frieden, Freiheit, Demokratie und Gerechtigkeit, kritisierte mit der Macht seiner Worte die Feinde der jungen Demokratie - Militaristen, Bürokraten, Antidemokraten in Politik, Wirtschaft und Justiz. Seine agitatorische Plattform und schärfste Waffe zugleich war die Zeitschrift „Die Schaubühne“, später umbenannt in „Die Weltbühne“, die sein Freund und Mentor, der Verleger Siegfried Jacobsohn, in der gesamten Republik herausgab.

Schon 1918, am Ende des Ersten Weltkriegs, beschrieb Tucholsky weitsichtig, wie Monarchisten, Militaristen und Bürokraten, jetzt ganz in Zivil, sich in der neuen Republik einrichteten und überwinterten, auf die Rückkehr zum alten System warteten.

Tucholsky wurde in Berlin und in anderen deutschen Großstädten zum Star. Er war aber nicht nur Schriftsteller und Redakteur, Sozialist, Pazifist und Antifaschist in einer Person - er war auch Privatmensch, Ehemann dreier Frauen, Liebender und Romantiker. Auch davon gaben Okko Herlyn und Ursula Jung in ihrer Lesung in der Wanheimer Kirche Kostproben. Texte wie „Wie kommen die Löcher in den Käse?“ oder „Die drei Wanzen“ zeigten einen anderen Tucholsky, einen Menschen mit viel Humor, Liebe und Feingefühl. Diese Passagen ernteten bei den beeindruckten bis begeisterten Zuhörern besonders viel Schmunzeln.

 
 

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