Promovierte Duisburger reden nach Guttenberg-Affäre über ihren Doktortitel

Andrea Müller, Martin Kleinwächter
„Wie sind Sie an Ihren Doktortitel gekommen?“. Und: „Was hat Ihnen die Promotion im Leben gebracht?“ Das wollten wir anlässlich der Affäre um Bundesverteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg von sechs Promovierten im Duisburger Süden wissen.

Duisburg-Süd. „Man hat als Chemiker einfach schlechtere Berufsaussichten ohne Doktortitel“, sagt Dr. Birgit Beisheim, Bezirksvertreterin der Grünen. Ihre Doktorarbeit hat sie Anfang der 90er Jahre geschrieben. „Damals haben 90 % der Chemiker promoviert. Es gehörte einfach dazu“, fährt sie fort. Lange Zeit leitete Dr. Beisheim das Labor der ehemaligen Metallhütte Duisburg.

Ihre Doktorarbeit hat rund 90 Seiten. Zweieinhalb Jahre hat sie neben ihrer Assistentenstelle an der Uni Dortmund daran gearbeitet. „Ich habe auf dem Gebiet der Elektrochemie promoviert“, erzählt sie. Verschiedene Materialien habe sie daraufhin getestet, ob sie in Geräten eingesetzt werden können, die schnelle Beschleunigungen oder Bewegungen messen müssen - z. B. für die Auslösung von Airbags.

Ja, die Promotion habe ihr genutzt, so Dr. Beisheim. „Sie gibt einem nochmal die Chance, selbstständig etwas zu erarbeiten.“ Sie sei danach, mit 28 Jahren, besser auf den Berufseinstieg vorbereitet gewesen als mit 25. Zu Guttenberg sagt die 48-Jährige: „Es kostet Zeit, zu klären, ob sich vorher schon ein anderer mit der Fragestellung der eigenen Dissertation beschäftigt hat. Wenn er abgeschrieben hat, hat er ein Problem.“ Literaturzitate müsse man kennzeichnen. „Sonst ist das unwissenschaftlich.“

Plagiaten kann man heute auf die Spur kommen

Dr. Wilfried Braun (66) engagiert sich im Bürgerverein Großenbaum/Rahm. Er ist Anglist, also Sprach-/Literaturwissenschaftler für Englisch. „Ich habe eine englisch-deutsche Shakespeare-Studienausgabe erstellt, mit Anmerkungen und Kommentaren“, sagt er zu seiner Doktorarbeit. Von 1972 bis 1975 habe er an den über 300 Seiten ge­sessen. 1980 sei sie dann als Buch erschienen.

„Man musste gute Noten ha­ben“, sagt Dr. Braun zu den Voraussetzungen für die Promotion. „Mein Professor hat mich da­mals angesprochen.“ Er be­kam eine Assistentenstelle an der Uni Bochum. Zum Nutzen sagt er: „Ich wollte ursprünglich in den Schuldienst, hätte auch noch Lehrer werden kön­nen.“ Dann aber, auch dank der Promotion, habe er eine Stelle bei einem Großunternehmen in Essen bekommen, war dort für Informationsbeschaffung und Re­cherchen zuständig.

Was Guttenberg getan habe, sei „relativ keckes Abschreiben“. Das sei ja auch erlaubt, wenn man nur angebe, woher man es habe. „Wer abschreibt, weiß, dass er abschreibt - und das tut man nicht“, so Braun. Die Gutachter hätten offenbar nicht darauf geachtet. Die technischen Möglichkeiten, dem Plagiat auf die Spur zu kommen, seien heute größer.

Viereinhalb Jahre für die Doktorarbeit

Den Fall Guttenberg möchte Dr. Ingulf Becker-Boost, Onkologe im neuen Gesundheitszentrum am Sittardsberg, nicht beurteilen. Zu sich selbst aber steht er Rede und Antwort: Der Doktortitel in der Medizin, „er gehört einfach da­zu“, sagt der 57-Jährige. „Wenn man eine Karriere an einer Uniklinik machen möchte, geht es gar nicht ohne.“ Er selbst habe sich da alle Möglichkeiten offen halten wollen.

Dr. Becker-Boost hat 1977 an der Universität Homburg/Saar mit einer Arbeit über Diagnostik und Therapie von Non-Hodgkin-Lymphomen promoviert, das sind Krebserkrankungen des Lymphsystems. „Ich habe 100 Fälle aus dem Saarland im Hinblick auf Laborwerte, Therapien und technische Besonderheiten ausgewertet“, erzählt er. Angefangen habe er damit nach der ärztlichen Vorprüfung. Abgeschlossen war die 110-seitige Arbeit nach dem Staatsexamen, nach viereinhalb Jahren.

Was es ihm genutzt habe? „An den Uni-Kliniken in Lü­beck, Essen und Glasgow, an denen ich gearbeitet habe, hätte ich ohne Titel vermutlich keine Stelle bekommen“, sagt der Arzt. Für seine jetzige Tätigkeit - ambulante Krebsbehandlung und Aids-Therapie - benötige er ihn nicht.

Diagramme noch mit Hand gezeichnet

Einen langen Titel trägt die Doktorarbeit von Dr. Leo Nelles, Leiter der Kokerei bei den Hüttenwerken Krupp-Mannesmann: „Die Abhängigkeit des Koksbildungsvermögens von der Korngrößenverteilung der Steinkohle bei unterschiedlichen Aufheizbedingungen und die Änderung der Elementarzusammensetzung des festen Pyrolyserückstandes in dem Temperaturbereich zwischen 570 und 1070 K“.

Knapp drei Jahre hat der Bergmann, der an der TU Berlin studiert hat, an der Dissertation gesessen - von 1975 bis 1978. Zahlreiche Versuche hat er durchgeführt, ausgewertet und bewertet. 107 Seiten lang ist das wissenschaftliche Werk geworden, es war Teil eines größeren Projektes, das am Institut für Verfahrenstechnik der TU durchgeführt wurde.

„Das Verfassen der Doktorarbeit war damals noch ein echter Aufwand, es gab ja noch keinen Computer. Ich habe Tabellen noch selber an­gelegt, Kurven von Diagrammen mit Tusche gezeichnet“, sagt Dr. Nelles lachend.

Ob ihm der Titel genutzt hat? „Geschadet hat er jedenfalls nicht. Und seit ich hier in der Kokerei tätig bin, gibt es ja sogar eine Verbindung zwischen meiner Doktorarbeit und meinem Job. Meine Erkenntnisse von damals haben ja etwas mit dem Tagesgeschehen in der Kokerei zu tun.“

Den Fall Guttenberg möchte Dr. Nelles nicht bewerten. „Die Dissertation ist in jedem Fach völlig anders. Da kann man schlecht Vergleiche ziehen und allgemeine Aussagen machen.“

Promotion ohne googlen

Empirische Testreihen hat auch Dr. Wolfgang Janko, Leiter der Christian-Zeller-Förderschule, für seine Promotion durchgeführt - und zwar in Haupt- und Sonderschulen. Das Thema seiner Arbeit im Fach Erziehungswissenschaften hieß: „Intelligenz und Psychomotorik“. Inklusive Literaturrecherche habe er etwa zweieinhalb Jahre auf die 150 Seiten-Dissertation verwendet. „Damals gab es noch kein Internet, da konnte man noch nicht googeln“, sagt er.

Ob ihm die Promotion nützlich war? „Wenn man einen Doktortitel hat, glauben die anderen ja, man sei schlau. Und das hilft schon ein wenig weiter“, so Dr. Janko schmunzelnd. Seine Meinung zu Guttenberg: „Er ist nicht der Einzige, der mal ein Zitat nicht gekennzeichnet hat - das passiert. Wenn man viel Literatur zu einem Thema liest, dann sieht man auch, dass sich Vieles in den Texten ähnelt. Ganze Passagen abzuschreiben, das ist allerdings etwas anderes.“ In der Regel bliebe Plagiat nicht unbemerkt. Denn: „Eine Doktorarbeit liegt einen Monat lang in der Fakultät aus, jeder Professor schaut mal hinein. „Da fällt vorher auf, wenn einer geschummelt hat.“

Noch schlimmer findet er: „Es gibt Studenten, die sich die ganze Arbeit von Ghostwritern schreiben lassen.“

Anständige Recherche

„Mein Doktorvater hat sehr darauf geachtet, dass man an­ständig recherchiert“, erinnert sich Dr. Horst Wegner, Be­zirksvertreter für die FDP. Da­bei seien die Literaturrecherche und das Verfassen einer Dissertation in den 60ern viel aufwändiger gewesen. Mit ei­ner alten Schreibmaschine ha­be er geschrieben. Sein Thema: „Einige Probleme bei Stirlingschen Zahlen zweiter Art unter besonderer Berücksichtigung asymptotischer Eigenschaften“.

170 Seiten umfasst die Doktorarbeit, die Dr. Wegner 1970 - nach drei Jahren Arbeit - an der Uni Köln abgab. „Nach dem Diplom hatte ich ein Jahr in der Industrie gearbeitet. Das war etwas einseitig. Deshalb habe ich das Angebot von einem Professor, zu promovieren, gern’ angenommen“, sagt er. Dr. Wegner blieb an der Hochschule, kam 1973 an die Uni Duisburg. „Ohne Doktortitel hätte ich dort keine Dauerstelle bekommen“, sagt er.

Und Guttenberg? „Blöde Sache für ihn, hat er sich selbst eingebrockt. Hat ihm wohl nicht genügt, adelig zu sein?“, so der Mathematiker witzelnd.