Noch mal die Kurve gekriegt

Der ehemalige Drogenabhängige Hermann Wenning stellte sich in der Realschule Süd den Fragen der Schüler. Foto: Tanja Pickartz / WAZ FotoPool
Der ehemalige Drogenabhängige Hermann Wenning stellte sich in der Realschule Süd den Fragen der Schüler. Foto: Tanja Pickartz / WAZ FotoPool
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Huckingen..  „Mensch, probier’ doch mal, schmeckt gut“ oder „Komm’, ist doch cool“, mit solchen oder ähnlichen Worten beginnt es meist, das Ausprobieren von Suchtmitteln, Alkohol und Zigaretten in erster Linie. Und dann will man als Jugendlicher dazugehören, will anerkannt sein, kein Außenseiter. Hermann Wenning, Ex-Drogenabhängiger und Beschaffungskrimineller, war jetzt an der Realschule Süd zu Besuch. Er demonstrierte den Schülern der 9a, in welche Schieflage man kommt, wenn das mit dem Ausprobieren außer Kontrolle gerät.

20 Jahre lang war er alkoholabhängig, nahm sieben Jahre harte Drogen. Und um das finanzieren zu können, ging er auf Diebestour, verbrachte dafür 30 Monate seines Lebens hinter Gittern. Wenning hat wieder zurück gefunden ins normale Leben, schrieb ein Buch über seine „Karriere“ und absolviert damit im Jahr 40 Lesungen in Schulen, Jugendzentren und Kirchengemeinden - so auch im Schulzentrum Biegerhof.

Dass er an Wochenenden aus seinem Heimatort, Legden im Münsterland, loszog und auf Feiern mittrank, war nichts Besonderes. In seinem Fall kam hinzu, dass er als Jugendlicher über seine Sorgen nicht sprechen konnte - sei es, weil ihm niemand zuhörte oder er ziemlich verschlossen war. Mit dem Rauchen konnte er Nervosität überspielen, und nach ein paar Gläsern fielen die Sorgen kleiner aus. Aber bei Schnaps und Zigaretten blieb es nicht. Wenning nahm Ecstasy-Pillen und Amphetamine, landete schließlich an der Heroin-Nadel und geriet in den Teufelskreis aus Abhängigkeit und Kriminalität, lebte auf der Straße. Und mit den Drogen war auch im Gefängnis nicht Schluss. „Im Knast gibt es fast so viele Drogen wie draußen.“

Rauschmittel verändern stark. „Nach „Ecstasy“ wirkt man arrogant“, so der Referent. „Alkohol macht gewalttätig und Kokain egoistisch.“ LSD schließlich sei der Horror, denn im Rausch erschienen einem die Menschen der Umgebung mit Tierköpfen. „Man hat dann Angst vor ihnen.“ Häufig seien psychische Erkrankungen die Folge, Depressionen und Angstzustände etwa, man höre bedrohlich laute Hubschrauber über sich.

Einige Zeit sei es ihm gelungen, ein Doppelleben zu führen, offiziell „clean“, ansonsten aber im Milieu verankert, wo die Mädchen auf den Straßenstrich gingen, um sich das nötige Geld zu verdienen. „Am schnellsten macht Nikotin abhängig“, so Wenning. Fast jeder, der harte Drogen konsumiere, rauche auch. Und es sei „hammerhart“, davon wieder loszukommen. Nikotin - Alkohol - Haschisch - LSD, das sei so eine „Karriere“.

Hermann Wenning war vor seiner Drogenlaufbahn sportlich. Ein Gefängniswärter motivierte ihn, für den 10 000-Meter-Lauf in Legden wieder mit dem Training zu beginnen. Dreimal hatte er diesen Lauf gewonnen. Um es ein viertes Mal zu schaffen, musste er „clean“ werden. „Sucht ist eine unheilbare Krankheit, gegen die man aber jeden Tag etwas tun kann“, gab er den Schülern mit auf den Weg. Er nahm die sportliche Herausforderung an und gewann den Lauf. Das verschaffte ihm das Selbstwertgefühl, um nach dem Knast ein neues Leben zu starten. Heute zählt er nicht mehr zu den 200 000 Abhängigen harter Drogen, den zwei Mio Alkoholikern und den 20 Mio Nikotinsüchtigen in Deutschland.

 
 

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