Kriegsgefangene im Uhrenturm

Hüttenheim..  Wer Heimatforschung betreibt, muss einen langen Atem haben. Und doch kommt man dabei voran. So jetzt Harald Molder, der endlich die Bestätigung dafür be­kam, dass im Uhrenturm schon im Ersten Weltkrieg Kriegsgefangene festgehalten wurden.

Das wusste er bis vor kurzem nur vom Hörensagen aus der von ihm geleiteten „Zeitzeugenbörse“. „Es war aber nicht auszuschließen, dass da eine Verwechslung mit russischen Kriegsgefangenen im Zweiten Weltkrieg vorlag“, sagt Molder. Die nämlich seien zu Zwangsarbeiten in der Mannesmannhütte herangezogen worden und hätten ihre Hütten an der Medefurthstraße gehabt.

Als Molder kürzlich im In­ternet unterwegs war, stieß er auf eine aus England stammende Seite mit einer alten Ansicht der Schulz-Knaudt-Hütte, wie die heutigen Hüttenwerke Krupp-Mannesmann vor dem Ersten Weltkrieg hießen. Sie stammte von Jill Marshall aus Manchester, einer Frau von heute Anfang Siebzig. Die Bilder stammten aus dem Nachlass ihres Großvaters Stanley. Beim weiteren Blättern auf ihrer Seite entdeckte Molder auch ein Gruppenbild von insgesamt 18 Soldaten.

Anhand der Schlagläden und der Ausführung der Haustüre konnte er feststellen, dass auch diese Aufnahme aus Hüttenheim stammte. Sie war vor der Fassade des Hauses Ro­senbergstraße 12 bis 14 ge­macht worden. Der Uhrenturm selbst trägt die Hausnummer 16. Auch er gehörte da­mals zur Hütte.

„In einem vergessenen Kü­chenschrank auf dem Dachboden hatte Jill Marshall die Bilder gefunden“, erzählt Molder. Großvater Stanley gehörte dem zweiten Bataillon des Manchester-Regiments der bri­tischen Armee an. Dessen erste Angehörige müssen schon im August 1914, also bei Kriegsbeginn, in deutsche Ge­fangenschaft geraten sein. Ob Stanley Marshall dazu gehörte, weiß Molder nicht. Das Gruppenbild aus Hüttenheim zeigt 18 Gefangene in britischen Uniformen im Jahre 1917. Sie tragen Armbinden. Ob es sich um Mannschaften oder Offiziere oder um eine gemischte Gruppe handelt, ist noch unklar.

„Die Gruppe gehörte zum Haupt-Gefangenenlager Friedrichsfeld bei Wesel“, so Molder. Offenbar gab es davon in Hüttenheim ein Nebenlager. Ob auch die Briten bei Schulz-Knaudt arbeiten mussten, ist nicht bekannt. „Das Gruppenbild deutet jedenfalls auf eine relativ entspannte Gefangenschaft hin“, so der Heimatforscher.

Auf jeden Fall eignete sich der Uhrenturm gut, um jemanden festzusetzen. Er verfügte über zwei Etagen. „Man konnte nicht aus dem Fenster klettern oder springen“, berichtet Molder von Teilnehmern der „Zeitzeugenbörse“.

Molders Internet-Suche hatte gar nicht dem Uhrenturm gegolten, sondern einer Anfrage von Nachfahren des Werksgründers Adolf Knaudt, die es nach Bolivien verschlagen hat.

 
 

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