„Kokolores, Fisimatenten und das ganze Gedöns geht verloren“

Laut Sprachforscher sprechen gerade in Duisburg nur noch wenige Menschen Platt.
Laut Sprachforscher sprechen gerade in Duisburg nur noch wenige Menschen Platt.
Foto: FUNKE Foto Services
Viele Worte der Mundart sind bildlich und kaum wörtlich zu übersetzen. Südredaktion und Leser bewahren die Ausdrücke des Sermer Platts.

Süd.. Das Platt des Duisburger Südens ist eine von 800 Mundarten, die in NRWs größtem Spracharchiv für die Ohren der Nachwelt verwahrt sind. Der Landesverband Rheinland (LVR) hat in den 1980er Jahren flächendeckend im Rheinland aufgenommen, was noch aufzunehmen war – unter anderem in Buchholz. Buchholz, nicht Serm? Ja – denn das, was heute landläufig Sermer Platt heißt, ist auch in weiteren Stadtteilen des Duisburger Südens verbreitet (siehe Grafik).

Die Dialekte verschwinden, weiß LVR-Dialektforscher Peter Honnen. Mit jeder Mundart verliert eine Region ein Stück sprachliche Bodenhaftung – und ihrer Geschichte. „Kokolores, Fisimatenten und das ganze Gedöns geht verloren“, sagt Honnen und legt allgemeinverständlich nach: „Es gibt Wörter, die kann man ins Hochdeutsche nicht übersetzen.“ Ist das Wetter uselig, beschleicht wohl jeden, der das Wort kennt, ein ungemütlich-kaltes Gefühl. Mit umständlichen Umschreibungen lassen sich solche Überbleibsel des Dialekts skizzieren, das Wort selbst aber verblasst. Damit geht auch Wissen um frühere Traditionen verloren, über die die Sprachforscher im Rahmen ihrer Aufnahmen stolperten. „Es ist ein Kulturverlust.“

Dabei ist die Anzahl der Wörter, die es zu bewahren gibt, gar nicht so groß: „Der mundartliche Wortschatz ist deutlich kleiner“, sagt Honnen und erklärt: „Da kommt nur die kleine, örtliche Welt vor, die für die Menschen damals von Bedeutung war: also vornehmlich Landwirtschaft und Handwerk“. Abstrakte Worte wie Heimat oder Liebe finden sich nicht. Honnen: „Da sagt man nur: Ich hab Dich gern.“

Dialekte sind deutlich älter als die Hochsprache; sie lassen sich zurückverfolgen bis zur Zeit Karl des Großen im 9. Jahrhundert. Mit jedem Dialekt stirbt also ein Stück mehr als 1000 Jahre alte Sprachgeschichte.

Die meisten Sprecher sind über 65 Jahre alt

Honnen sieht für die Dialekte wie das Süd-Platt „keine große Zukunft mehr“: „Wenn es überhaupt noch Sprecher gibt, sind die über 65 Jahre alt.“ Fast keiner dieser Sprecher pflegt den Dialekt mit seinen Kindern oder Enkeln. Wo heute Bedauern über das Verstummen des heimatlichen Platts herrscht, hatten früher Bedenken gegenüber dem Nicht-Hochdeutschen das Sagen. Honnen erinnert sich an seine eigene Studienzeit: „Da hieß es noch, Mundart ist eine Bildungsbarriere.“ Dabei gilt: „Mundart kann nur überleben, wenn sie gesprochen wird.“

Honnens Fazit für ein Weiterleben des hiesigen Dialekts fällt düster aus: „Nach unseren Erkenntnissen sprechen gerade in Duisburg nur noch wenige Menschen Platt.“

Politische und religiöse Dialektgrenze

Von der Sprache des übrigen Stadtgebiets ist das Platt im Süden „auffällig unterschieden“, sagt LVR-Dialektforscher Peter Honnen. Es „hat schon Anklänge an das Bergische und das Krefelder Platt.“ Sprachforscher Ahrend Mihm, emeritierter Germanistik-Professor der Universität Duisburg-Essen, präzisiert in einem wissenschaftlichen Aufsatz von 1985: Die Mundarten von Buchholz, Mündelheim, Serm und Rahm stimmen „in allen wesentlichen Merkmalen überein“. Und das sogar über den Süden hinaus: Bis nach Kaldenhausen erstreckt sich das Platt des Südens, während Wanheim sich „deutlich davon abhebt“.

Die Erklärung: Die Stadtteile, die das örtliche Platt eint, gehörten früher politisch gesehen zu einem gemeinsamen Einflussbereich, und zwar zu einem anderen als jene nördlich der Dialektgrenze. Zudem war der südliche Bereich überwiegend katholisch geprägt, während weiter nördlich die meisten Menschen der evangelischen Konfession angehörten.

Schicken Sie uns Ihr Lieblingswort auf Sermer Platt

Die Südredaktion schreibt in dieser Serie den Sprechern des örtlichen Platts nach dem Mund. Vielleicht gelingt es der WAZ und ihren Lesern zusammen ja, einige Worte zurück ins Gedächtnis zu rufen und so zu bewahren.

Dazu ist Ihre Mithilfe gefragt, liebe Leser: Welches Wort, welcher Ausdruck auf Sermer Platt spricht Ihnen aus der Seele? Haben Sie ein Lieblingswort? Welche Geschichte verbinden Sie damit? Sind Sie schon mal über einen Ausdruck gestolpert, der Sie neugierig macht auf seine Bedeutung und Herkunft?


Die Redaktion wird Ihre Anregungen fortlaufend veröffentlichen. Wir freuen uns, wenn am Ende dank Ihrer wortreichen Unterstützung ein kleines Wörterbuch des Platts im Duisburger Süden entsteht. Schreiben Sie Ihre Lieblingsworte per E-Mail an redaktion.du-sued@waz.de oder an die WAZ-Redaktion, Mündelheimer Straße 55.

 
 

EURE FAVORITEN