Kabel 1 dreht im Duisburger St.-Anna-Krankenhaus

Und Schnitt: Am OP-Tisch finden Ärzte und Pfleger auch während der Operation Zeit und Ruhe für den einen oder anderen Scherz.
Und Schnitt: Am OP-Tisch finden Ärzte und Pfleger auch während der Operation Zeit und Ruhe für den einen oder anderen Scherz.
Foto: Funke Foto Services
Kabel 1 hat für eine Serie im Malteser-Krankenhaus St. Anna gedreht. Das Thema: Alltag an deutschen Kliniken. Doch können Operationen Alltag sein?

Duisburg-Huckingen.. „Das muss rausgeschnitten werden“, scherzt ein Mann in OP-Grün, und er meint nicht den Tumor an der Ohrspeicheldrüse des Patienten, sondern das Material, das Kabel 1 an diesem Morgen im Huckinger St.-Anna-Krankenhaus dreht. Die Kameras sind an diesem Tag auf Visite im HNO-Operationssaal, um Material zu filmen für eine Serie zum Thema Alltag in deutschen Kliniken. Kann es Alltag sein, ein Skalpell an menschlicher Haut anzusetzen, eine Krankheit aus einem lebenden Körper zu schneiden, Leben zu retten?

„Wenn man 35 Jahre operiert, ist jede Operation ein Standardeingriff“, sagt Prof. Stephan Remmert, seit 2003 Chefarzt der Klinik für Hals-, Nasen- und Ohrenheilkunde am Malteser-Krankenhaus St. Anna. Bei drei bis fünf Eingriffen pro Tag führt er selbst das Messer; 5000 Operationen gehen an der HNO-Abteilung des Krankenhauses pro Jahr über den OP-Tisch. Mit ihren 75 Betten ist die Abteilung eine der größten HNO-Abteilungen in Deutschland; hier lassen sich auch Patienten aus Russland oder Dänemark behandeln.

Keine Angst vor der OP, aber Respekt

Vom Patienten, der an diesem Morgen, begleitet vom allgegenwärtigen Piep, Piep, Piep den Narkoseschlaf schläft, ist nur ein Stück Hals und Kiefer zu sehen. Zwei Hautlappen hat der Operateur zur Seite geklappt wie die Seiten eines offenen Buches. Dem Patienten soll ein Tumor an der Ohrspeicheldrüse entfernt werden. Schneidet der Arzt zu wenig umgebendes Gewebe heraus, könnte der Tumor wiederkommen; durchtrennt er den Gesichtsnerv, „könnte die komplette Mimik einer Gesichtshälfte außer Funktion geraten“, sagt Remmert: Der Gesichtsnerv fächert sich an der Ohrspeicheldrüse auf; wir brauchen ihn zum Blinzeln, Nase rümpfen, Mund schließen. Trotzdem: Am OP-Tisch herrscht keine angespannte Ruhe; die drei Ärzte und zwei Pfleger finden sogar Zeit und Ruhe für den einen oder anderen Scherz.

Etwas „mehr Vorspannung“ bei einem solchen Risiko diagnostiziert Remmert bei sich selbst, „ohne dass man Angst hat. Die sollte man beim Operieren eh nicht haben“, denn aus Angst resultieren Fehler. Alltag ist der Schnitt in die Haut also insofern, als der Arzt keine Angst davor hat. Den „nötigen Respekt“ aber, den sollte man sich bewahren, erklärt Remmert. Denn der wiederum bewahrt den Arzt davor, sich selbst zu überschätzen.

Schnitt am millimeterdünnen Nerv

Hilfreich, wenn Remmert wie heute entlang eines Nervs operiert, der am Stamm gerade einmal drei bis fünf Millimeter dünn ist, und der „bis zu einem Millimeter und dünner“ wird, wo er sich verzweigt. Bevor der Professor die beiden Hautlappen zuklappt und zusammennäht, zieht er einen Muskel soweit darunter, dass er wie eine Isolierschicht zwischen Haut und Nerv liegt. Denn der Gesichtsnerv hat eine Verbindung zu sogenannten sekretischen Fasern. Wächst er bei Kontakt zur Haut in deren Schweißdrüsen ein, läuft dem Patienten beim Anblick von Essen nicht mehr das Wasser im Munde zusammen, sondern Schweiß den Körper herunter.

Ein Muskel als Isolierschicht: Remmert, der privat schon Möbel gebaut und an Motorrädern herumgeschraubt hat, schätzt das an seinem Beruf: „Operieren ist ein Handwerk“, sagt er, und gerade das macht ihm Spaß. „Das Schöne ist: Man sieht unmittelbar danach das Ergebnis“, beschreibt er Handwerk und Operation.

Das Ergebnis der heutigen Operation steckt keine anderthalb Stunden nach dem ersten Schnitt in einem Röhrchen, fertig zum Einschicken in die Pathologie: der Tumor, nicht einmal so groß wie ein kleiner Fingernagel, und das umgebende Drüsengewebe, etwa faustgroß. 80 Prozent der Tumore dieser Art sind gutartig, für den Patienten ist die OP also wohl gut verlaufen. Für die Klinik ist das allerdings nur ein Teil ihres Erfolgs.

Ein Muskel als Isolierschicht

„Die medizinische Fachkenntnis setzen die Patienten voraus“, hat Remmert beobachtet. Ob das Personal freundlich ist, das Zimmer sauber und das Essen gut – das sind die Dinge, die Patienten nach der OP ihren Freunden und Verwandten erzählen. Ein Grund, weshalb Remmert auf kollegialen Umgang im Alltag setzt: Ohne Angst operieren seine Ärzte besser, und mit einem Lächeln auf den Lippen gefallen die Pfleger den Patienten besser. Alles zusammen fasst er so zusammen: „Das ist unser PR-Effekt – das ein Patient zufrieden das Haus verlässt.“

EURE FAVORITEN

Weitere interessante Artikel