Historische Schulfibeln spiegeln den Zeitgeist

Schulfibeln sind seine Leidenschaft. Eduard Stolz tauscht die Ansichtsexemplare im Laufe der Ausstellung aus.
Schulfibeln sind seine Leidenschaft. Eduard Stolz tauscht die Ansichtsexemplare im Laufe der Ausstellung aus.
Foto: WAZ-Fotopool
Ehemaliger Lehrer begeistert sich für Schulfibeln als historische Dokumente. Manche verherrlichen den Krieg oder spiegeln das Rollenverständnis.

Duisburg Buchholz.. Seine Stimme klingt geradezu enthusiastisch. Dabei geht’s um Bücher, teils mit deutlichen Gebrauchsspuren, die tausende von Kindern im Schulranzen hatten. Denn Eduard Stolz sammelt Schulfibeln. Für ihn sind diese Bücher historische Dokumente, Spiegel ihrer Zeit. Mal verherrlichen sie kämpfende Soldaten, wie zur Zeit des 1. Weltkriegs, mal den russischen Raumfahrer Gagarin im DDR-Regime. Über 1200 Exemplare hat er seit 1973 gesammelt. Einige sind vom heutigen Mittwoch bis zum 26. Februar in der Bezirksbibliothek Buchholz ausgestellt.

Zur Fibel entwickeln viele Menschen eine emotionale Beziehung. Es ist das erste eigene Schulbuch, soweit man sich noch daran erinnern kann, oder das Buch, aus dem später der Sohn oder die Tochter die ersten Sätze vorgelesen hat, etwas holprig noch, aber mit gewissem Stolz. In einer Glasvitrine in der Bücherei kann man seine Fibel, die man voreilig weggeschmissen hat, vielleicht wiederentdecken.

Der erste Mann bei der Hausarbeit

Die Ausstellung ist – offen gestanden – wenig spektakulär, ein paar Schautafeln, einige Fibeln im Schaukasten, viele werden achtlos daran vorübergehen. Umso interessanter sind die Inhalte, wenn man genauer hinschaut.

In einer DDR-Fibel aus dem Jahre 1980 taucht ein Vater auf, der Wäsche aufhängt. Der erste Mann bei der Hausarbeit, den Experte Stolz in einem Schulbuch entdeckt hat – ein Indiz für das gewandelte Rollenverständnis, das Stolz in seinen Schaubildern zum Familienbild aufnimmt.

Die Idee, Fibeln als Zeugnis ihrer Zeit zu betrachten, entstand im Unterricht. Stolz (74) hat jahrelang Schülern an der Gesamtschule Neudorf Geschichte und Sozialkunde beigebracht, diese haben auch Arbeiten zum Thema verfasst.

Ältestes Exemplar ist von 1775

Das älteste Exemplar der Sammlung wurde 1775 aufgelegt, eine sogenannte Hahnenfibel, ein Büchlein mit fünf Seiten, auf denen das ABC und das Vater Unser stand. Ein Reprint, das Original wäre viel zu wertvoll. Schon in seiner Entstehungszeit kostete eine Hahnenfibel drei Sack Weizen, das Buch wurde in der Familie von Kind zu Kind weitergereicht.

Alle Fibeln bekam Stolz geschenkt. In Grundschulen darf er ausgemusterte Exemplare mitnehmen. Manches Buch haben Erben im Nachlass ihrer Angehörigen aufgestöbert. „Die Nazi-Fibeln möchte man am liebsten gar nicht in die Hand nehmen“, sagt Stolz. Nach dem 2. Weltkrieg wurden Bücher zum Teil entnazifiziert, die Nazi-Symbole wurden oft überklebt, Seiten herausgerissen. denn 1946 gab es kein Lernmaterial, anders als heute.

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