Flüchtlinge proben im Theater fürs Leben in Deutschland

Muhammad, Rana und Shata (hinten, von links) können erst ein paar Worte Deutsch, ihren Text haben sie aber an einem Tag auswendig gelernt.
Muhammad, Rana und Shata (hinten, von links) können erst ein paar Worte Deutsch, ihren Text haben sie aber an einem Tag auswendig gelernt.
Foto: FUNKE Foto Services
Vier junge syrische Flüchtlinge spielen im Theaterstück der Waldorfschule mit – obwohl sie kaum Deutsch sprechen.

Hüttenheim..  Stellen Sie sich vor, Sie müssten in einem syrischen Theaterstück mitspielen, auf Arabisch. Genau so ergeht es zurzeit vier jungen Syrern an der Waldorfschule: Seit knapp drei Wochen besuchen sie in Deutschland die Schule, am Samstag werden sie zum ersten Mal vor Publikum ihre Rollen spielen – auf Deutsch.

„Sie haben ihre Texte von einem auf den anderen Tag auswendig gelernt“, sagt staunend Heike Schata, Klassenlehrerin der 8. Klasse, die als Regisseurin in diesem Jahr E.T.A. Hoffmanns Fräulein von Scuderi auf die Bühne bringt. Dabei können die vier nur ein paar Brocken Deutsch: „Sprechen“, sagt Rana, „was“ kennt Moayed, „Seite“ hat Mohammad gelernt. Sechs Stunden pro Woche sitzen die beiden Jungs und die zwei Mädchen, zwischen 13 und 15 Jahre alt, im Deutschunterricht, ansonsten steht vier Wochen lang von 8 bis 16 Uhr auf dem Stundenplan: Probe.

Probe für das Klassenspiel, das in der Waldorfschule jede achte Klasse aufführt. „Geht Ihr mal einkaufen hinten?“, ruft Schata aus den Zuschauerreihen, als auf der Bühne Shata und Rana im Hintergrund stehen. Ruft, geht nach vorne, führt die beiden Mädchen sanft herum und gestikuliert, was ihre Aufgabe ist. Die Lehrerin springt wieder von der Bühne, die Probe geht weiter. Shata und Rana füllen ihren Korb mit imaginären Waren.

Eine Klassenlehrerin dolmetscht ins Arabische

Noch läuft die Kommunikation zwischen den vier jungen Syrern und ihren Mitschülern und Lehrern „mit Händen und Füßen“, wie Schata sagt. Für komplizierte Sachverhalte gibt es zwei Dolmetscherinnen: Eine Integrationshelferin spricht etwas Arabisch, eine Klassenlehrerin beherrscht es fließend, „das ist natürlich ein Luxus“, sagt Schata. „So können wir sie auch mal fragen: ‘Wie geht es Euch? Braucht Ihr was?’“ Sie brauchen nichts, aber mithilfe der Dolmetscherin erzählen sie: Dass ihnen das Theaterspielen gefällt, dass sie auf der Schule in Syrien auch Theater gespielt haben. „Das Neue ist die Sprache“, lässt Schata übersetzen.

Neu sind auch die Mitschüler, die Lehrer, die Schule, das Land. Nach dem Unterricht, wenn ihre Klassenkameraden nach Hause gehen, gehen Schata und Rana, Muhammad und Moayed in ihre Flüchtlingsunterkünfte. Noch trennt die vier und ihre Mitschüler auch in der Schule noch mehr als sie verbindet, aber Lehrerin Schata beobachtet: „Durch das Spiel kommt es immer mehr, dass sie zusammenwachsen.“

Das Klassenspiel endet mit der öffentlichen Premiere am Samstagabend. Für die vier syrischen Jugendlichen ist auch die Aufführung noch Teil der Probe: Ihrer Probe für den regulären Schulunterricht, an dem sie ab der kommenden Woche teilnehmen werden. Im bisherigen Deutschunterricht hat Shata ein Wort gelernt, das hoffen lässt für die Zukunft der vier: „glücklich“, sagt sie, fast akzentfrei. Und lächelt.

Öffentliche Aufführung am Samstag

Das Klassenspiel führen die Schüler der Waldorfschule am Samstag, 30. April, öffentlich auf. Beginn ist um 20 Uhr im Jugendzentrum Duisburg-Süd, Mündelheimer Straße 117, der Eintritt ist frei. Die Waldorfschule bittet um Anmeldung unter 44985880 oder per E-Mail an sekretariat@gwsd.de.

Zur Aufführung kommt „Das Fräulein von Scuderi“ von E.T.A. Hoffmann. Darin beschreibt der Autor das Jahr 1680 auf den Straßen von Paris: Es geschehen brutale Morde, deren Opfer sich jeweils mit einem Schmuckstück des Goldschmieds René Cardillac auf dem Weg zu ihrer Geliebten befinden. Das Fräulein von Scuderie nimmt sich der mysteriösen Mordserie an.

Regie führt Klassenlehrerin Heike Schata, die Musik hat Musiklehrer Farid Naghizade komponiert.

 
 

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