Eine Schachpartie mit einem ungewöhnlichen Ende

Horst Osten spielt seit mehr als sechs Jahrzehnten Schach.
Horst Osten spielt seit mehr als sechs Jahrzehnten Schach.
Foto: Jörg Schimmel
In New York läuft die Schach-WM. Grund genug für ein Duell mit einem Schachvereinsvorsitzenden – und ein Gespräch über Damen und Talente.

Wedau..  „Das ist ein bisschen ein komischer Zug“, sagt Horst Osten, als ich meinen Randbauern ein Feld vorziehe, um einen Angriff seines Läufers auf meinen Springer zu vermeiden – der zu diesem Zeitpunkt allerdings noch auf der Grundlinie ruht. Das fängt ja gut an. Kurze Zeit später werfe ich auch noch meinen Läufer seiner Dame zum Fraß vor. Dreidimensionales Spielen am Brett statt wie – leider – gewohnt zweidimensional an der App, das sieht einfach anders aus. „Nehmen Sie den mal zurück“, sagt der Vorsitzende des Schachvereins Weiße Dame Wedau/Bissingheim.

Gerade läuft in New York die Weltmeisterschaft im Spiel der Könige. Grund genug, sich mit Horst Osten auf eine Partie zu treffen. Ob er mit seinen mehr als sechs Jahrzehnten Schacherfahrung bei den Brettern auf der WM durchblickt? „Die machen oft Züge, da wissen Sie nicht, warum“, gibt er zu. Und sie spielen lang: Sechseinhalb Stunden dauerte die jüngste Partie. Da aber kann Osten mithalten: „Fünf bis sieben Stunden hab’ ich auch schon gespielt.“

Frauen sind im Schach selten: Nur zwei von 40 Vereinsmitgliedern sind weiblich

Wir machen es kürzer. Auf 20 Minuten Bedenkzeit pro Spieler haben wir uns geeinigt. Nach der verkorksten Eröffnung sieht es allmählich besser für mich aus: „Die Läufer stehen bei Ihnen sehr gut“, sagt mein Gegner. „Deshalb nehme ich Ihnen mal einen weg.“

Nur eine andere Frau ist im Raum anwesend, wo heute der Schachtreff des Vereins stattfindet. Abgesehen vom Vereinsnamen sind Damen, wie überall in der Schachwelt, auch hier Mangelware: Nur zwei von 40 Mitgliedern sind weiblich, Ostens Enkelin schon mitgezählt. Warum spielen so wenige Frauen Schach? „Die Väter bringen das nur den Jungen bei“, vermutet der Vorsitzende.

Das jüngste Vereinsmitglied ist gerade vier geworden

Und opfert seinen Turm für einen Bauern. Ich bin verblüfft. So verblüfft, dass ich die Uhr herunterticken lasse – kein Matt, trotzdem Sieg für Horst Osten. Doch der sagt: „Lassen Sie uns das mal schachlich lösen.“ So komme ich nach einem Bauern-Endspiel doch noch an das Gefühl eines Sieges – auch wenn’s nur theoretisch ist.

Horst Osten hat mit 15 angefangen, Schach zu spielen; heute ist er 78. Das jüngste Vereinsmitglied ist gerade vier Jahre alt geworden. Magnus Carlsen war doppelt so alt, als er anfing. Wächst hier der nächste Weltmeister heran? Gute Voraussetzungen bringt er jedenfalls mit: „Der Großvater ist ein sehr guter Spieler, der Vater ist ein Spitzenspieler.“ Der Kleine selbst „ist sehr pfiffig. Der könnte Bundesligaformat erreichen.“ Auch mehr? „Ob er mal Weltmeister wird – das muss man sehen.“

 
 

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