Eine Kindheit in Kriegszeiten

Martin Ahlers
Dieter Kaspers hat ein Buch geschrieben: „Zwei geschenkte Leben".  l
Dieter Kaspers hat ein Buch geschrieben: „Zwei geschenkte Leben". l
Foto: Michael Dahlke
„Zwei geschenkte Leben“: Der Großenbaumer Dieter Kaspers, Jahrgang 1937, schrieb seine Erinnerungen an Bombeangriffe und Spiele in Trümmern auf

Süd.  Die Erinnerungen an seine Kindheit in Duisburg in den Jahren zwischen 1942 und 1952 hat Dieter Kaspers in zweijähriger Arbeit aufgeschrieben. „Zwei geschenkte Leben“ nennt der Großenbaumer seinen autobiografischen Roman, der jetzt im Ahlener Anno-Verlag erscheinen ist.

„Es ist die Erzählung eines inzwischen alten Mannes aus der Perspektive eine alten Mannes, aber auch aus der eines Kindes“, erklärt Kaspers. Für den Großenbaumer, 1937 in Duissern als Sohn eines Hafenarbeiters geboren und aufgewachsen, zählt der schwere Bombenangriff auf die Stadt in der Nacht vom 14. auf den 15. Oktober 1944 zu den bleibenden Erinnerungen an seine Kindheit.

„Auch ich habe nur durch eine glückliche Fügung überlebt, mir wurde da ein zweites Leben geschenkt“, sagt der gelernte Industriekaufmann zur Wahl des Titels für sein Buch. Er sei nicht traumatisiert worden wie so viele der Kriegskinder-Generation, die Jahrzehnte lang nicht in der Lage waren, über ihre Erlebnisse zu sprechen. „Ich hatte eine schöne Kindheit“, betont er. Die Trümmergrundstücke waren die Abenteuerspielplätze der Nachkriegszeit, zum Schwimmen ging’s an die nahe Ruhr, die schwungvollen Fahrten auf den Ladeflächen der Militär-Jeeps brachten den Nervenkitzel, den Jungs benötigen. Zuvor hatte es die ausgebombte Familie ohne den kurz vor Kriegsende noch eingezogenen Vater nach Thüringen verschlagen, wo Dieter Kaspers auch eingeschult wurde.

Seine Schwiegertochter bat ihn, seine Erinnerungen aufzuschreiben. „Ich hätte mehr fragen sollen“, bemerkte der Großenbaumer, „schon meine Großmutter, die im Drei-Kaiser-Jahr 1888 geboren wurde und auch meine Eltern.“ Vieles der eigenen Familiengeschichte stellte er in langen Gesprächen mit seiner zwei Jahre älteren Schwester Helga fest, war verschüttet oder beiden nicht bekannt. „In den 1950er und 60er Jahren haben die Menschen nach vorn geschaut, nicht zurück.“

Unterhaltsamer für seine Leser sei die Roman-Form, begründet Kaspers seine Wahl. „Das Buch sollte von den Dialogen leben. Aber was damals genau gesagt wurde, weiß ich nicht mehr.“ Die geschilderten Erlebnisse sind dabei aber stets authentisch. Dass sich der Anno-Verlag bereit fand, sein Manuskript als Buch zu verlegen und auch das finanzielle Risiko zu tragen, stimmt Rainers Kaspers hoffnungsfroh, „den richtigen Ton getroffen zu haben.“

Einem persönliche Bedürfnis sei er gefolgt beim Schreiben des Buches, sagt der Autor. Auch ein Denkmal wolle er damit setzen. Den eigenen Eltern und Frau Lenzke, deren Vornamen er nicht mehr erinnert. Die Hauswartin seines Duisserner Elternhauses wurde festgenommen, deportiert und im Konzentrationslager ermordet. „Nach sieben Jahrzehnten den Namen dieser jüdischen Frau wieder auszusprechen und in meinem Bericht aufzuschreiben, ist eine stille Ehrerweisung“, sagt Dieter Kaspers.