Stadt und Krieger zeigen Loveparade-Opfern geheime Pläne für Rampe

Der Ort der Katastrophe am 16. Juni 2011: Auf dem Gelände des Alten Güterbahnhofs haben die Vorbereitungen für den Bau des Möbelhauses längst begonnen. Der Bebauungsplan „Duisburger Freiheit“ liegt nur noch bis zum 16. September aus. Foto: Andreas Eichhorn/WAZ FotoPool
Der Ort der Katastrophe am 16. Juni 2011: Auf dem Gelände des Alten Güterbahnhofs haben die Vorbereitungen für den Bau des Möbelhauses längst begonnen. Der Bebauungsplan „Duisburger Freiheit“ liegt nur noch bis zum 16. September aus. Foto: Andreas Eichhorn/WAZ FotoPool
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Duisburg. Mit gemischten Gefühlen gehen die Angehörigen der Loveparade-Opfer am Freitag in das nicht-öffentliche Treffen, bei dem Stadtdirektor Greulich ihnen einen zweiten Vorschlag zur Gestaltung der Unglücksrampe machen will. Entwürfe durften sie zuvor nicht sehen.

Angst, Hoffnung, Sorge: Mit gemischten Gefühlen gehen die Opfer der Duisburger Loveparade in das Treffen im Rathaus, zu dem sie Duisburgs Stadtdirektor Dr. Peter Greulich eingeladen hat: Am Freitagnachmittag wollen Greulich und Projektplaner der Krieger Bau GmbH den Hinterbliebenen der Todesopfer und Verletzten unter Ausschluss der Öffentlichkeit präsentieren, wie sie sich eine Gedenkstätte am Ort der Katastrophe vorstellen.

Greulich erwartet zu dem Termin um 16 Uhr auch Kurt Krieger, den Mann also, der ein riesiges Höffner-Möbelhaus bauen will, wo 21 Menschen ihr Leben ließen und mehr als 500 körperlich verletzt wurden. Jutta Unruh von der Stiftung Notfallseelsorge – ihr Team hat sich an der Organisation beteiligt – weiß, „dass sich etwa 30 Betroffene angemeldet haben.“ Einige davon reisen aus dem Ausland an.

Aus dem Lösungsvorschlag hatten Stadt und Krieger Bau seit dem 15. Juni ein großes Geheimnis gemacht. Beim bislang einzigen größeren Treffen von Hinterbliebenen, Verletzten, Seelsorgern, Bediensteten der Stadt und Mitarbeitern des Grundstückseigentümers hatten kommunale und Krieger-Planer damals zwar einen „intensiven Austausch“ mit den Angehörigen und Arbeitsgruppen angekündigt. Die Arbeitsgruppen aber hat es nicht gegeben, den intensiven Austausch auch nicht, kritisiert etwa Klaus-Peter Mogendorf, der seinen Sohn Eike bei der Massenpanik verlor.

„Geheimniskrämerei uns Opfern gegenüber“

Den ersten Entwurf – die Reste der Rampe sollten komplett überdacht werden und der Zugang dorthin beschränkt sein – hatten Angehörige und Verletzte als „unterirdisch“, „Bunker“ und „Gruft“ abgelehnt. Von dem überarbeiteten Lösungsvorschlag, der am Freitag im Rathaus gezeigt wird, „haben wir nicht mal eine Skizze, einen Entwurf oder sonstwas zu sehen bekommen“, ärgert sich Mogendorf. Darum hatten mehrere Eltern der Todesopfer Greulich gebeten, um sich eine Meinung bilden und sich vorbereiten zu können. „Und er hatte es einzelnen sogar diese Woche noch zugesagt“, behauptet Mogendorf. Was Greulich nicht bestreitet. Allerdings, so sagte der Stadtdirektor Donnerstagmittag, einen Tag vor der Präsentation, „liegt nach unserer Anfrage bei Krieger noch nicht einmal uns der Lösungsvorschlag vor.“ Er werde den Interessierten noch vor dem Treffen im Rathaus zur Verfügung gestellt – „sobald er uns vorliegt.“

Mit Unverständnis reagiert auch Jürgen Hagemann, Vorsitzender des Vereins Massenpanik Selbsthilfe auf diese „Geheimniskrämerei uns Opfern gegenüber. Da muss man ja annehmen, dass da was nicht stimmt. Warum hält die Stadt auch in dieser Sache wieder – wie auch zur Vereinbarung zwischen ihr und Axa – Informationen zurück?“ Zumal Bürger nach dem Treffen nur noch eine Woche Zeit haben, Bedenken und Anregungen zum Bebauungsplan Duisburger Freiheit zu äußern. Hagemanns eigener Erklärungsversuch: Die Stadtverwaltung könne den Eindruck haben, die Opfer seien eine „heterogene Gruppe. Dabei sind wir sehr gut vernetzt, tauschen uns nach jedem Gespräch, das einer von uns mit Vertretern der Stadt geführt hat, aus.“

Mehrere Treffen der Angehörigen vor und nach der Präsentation

So wollen sich Angehörige und Verletzte auch am Freitagabend zusammensetzen, um in aller Ruhe zu besprechen, was ihnen im Rathaus zuvor vorgeschlagen wurde. Vor der Präsentation werden sie ebenfalls Zeit miteinander verbringen: Für 12 Uhr laden Lothar Evers, Hagemann und Mogendorf – die Initiatoren der Petition, „den Ort des Leidens und der Trauer“ nicht zu zerstören – zum Austausch in das Restaurant Der Kleine Prinz ein.

Danach möchte das Team der Notfall-Seelsorge die Opfer in dem Tagungshotel vorbereiten, in dem die Stadt Zimmer für ihre auswärtigen Gäste reserviert hat: „Wir treffen uns zur emotionalen Stärkung vor diesem sehr anstrengenden Termin“, erklärt Notfallseelsorgerin Jutta Unruh. Und ergänzt: Manche der Eingeladenen haben ihre Teilnahme an der Präsentation abgesagt. „Sie schaffen es emotional einfach nicht.“

Was einige der Teilnehmer optimistisch stimmt: Edda Metz, die Projektbeauftragte von Krieger Bau, hatte zuletzt Änderungen angekündigt, damit die Loveparade-Rampe öffentlich zugänglich und nach oben hin teilweise offen bleiben kann. An eine Umsetzung seiner Anregungen durch Stadt und Krieger glaubt Klaus-Peter Mogendorf, selbst Bauingenieur, dennoch nicht. Nach seinen Entwürfen müsste die Wand, vor der die meisten Opfer starben, nicht auf drei Meter gestutzt werden, müsste die Rampe nicht großflächig überdacht werden – die große Mehrheit der Angehörigen wünscht sich, unter freiem Himmel trauern zu können.

Wie viel Platz für diese Wünsch zwischen den Interessen von Krieger und Stadt tatsächlich ist, erfahren sie am Freitag ab 16 Uhr.