St.-Martin geht mit jeder Religion

Daniel Schreckenenberg

Das Leben als Heiliger ist selten leicht. Und gerade Sankt Martin bleibt auch in der Gegenwart wenig Leid erspart: Da hat die Kirche zu wenig Geld, um ihm zum Umzug das passende Ross zu satteln. Da stört es Pazifisten, dass der Anführer der Kinder- und Laternenschar doch einst skrupelloser Soldat gewesen sei. Und jetzt kommt auch noch Rüdiger Sargel, NRW-Chef der Linkspartei, und will ihm gänzlich an den Kragen. Der Politiker nämlich offenbarte sich in einem Interview als waschechter Sankt-Martins-Grinch.

Er sieht muslimische Kinder von christlichen Traditionen umzingelt und fordert deshalb eine Abkehr vom christlichen Martins-Fest. In NRW hagelte es daraufhin Proteste, und auch in Duisburg stößt sein Vorschlag nach einem nicht-religiösen „Sonne-Mond-und-Sterne-Fest“ auf wenig Gegenliebe. So schüttelt selbst die muslimische Ditib-Gemeinde ob solcher Aussagen nur den Kopf.

Ortsverband glaubt an April-Scherz

Es ist ein schallendes Gelächter, das aus dem Büro des Kreisverbandes zu hören ist. Gerade eben hat Edith Fröse, Sprecherin der Duisburger Linken, erstmals von den Aussagen ihres Landeschefs erfahren. Und hält sie für einen Aprilscherz im tiefsten Herbst. Für einen schlechten noch dazu. Doch Sagel meint es ernst. „Für solche Worte wird kaum jemand Verständnis haben“, sagt Fröse. Und hat selbst auch keins: „Das ist völliger Unsinn. Und sie sprechen hier mit einer bekennenden Atheistin“, fügt sie noch hinzu. Der Martinszug sei doch vielmehr ein Erlebnis für alle, an dem „auch viele muslimische Kinder teilnehmen“. Fröse: „Es fragt doch keiner, aus welcher Religion das Brauchtum stammt.“

Gleicher Wortlaut andere Person. Auch Sinan Celic äußert sich zum Martins-Verbot: „Bei Sankt Martin geht es doch weniger um eine Religion an sich, sondern vielmehr um etwas Gesellschaftliches, nämlich das Prinzip des Teilens“, sagt der Sprecher der Ditib-Gemeinde in Duisburg. Muslim, und einer derjenigen, denen Linken-Chef Sagel doch eigentlich aus der Seele gesprochen haben müsste. Aber weit gefehlt: „Auch meine Kinder haben über die Herbstferien Gedichte zum Martins-Fest gelernt. Und ich habe keine Problem damit.“

Kein Kind wird zu etwas gezwungen

Und sollte doch jemand persönlich nicht wollen, dass sein Kind an einem Umzug teilnimmt. Kein Problem. Denn „kein Kind werde gezwungen bei diesem christlichen Brauch mitzumachen“, so der Muslim weiter.

Bastelpappen-Geraschel und Hände voll von bunter Filzmaler begrüßen einen indessen am Kindergarten St.-Josef in Marxloh. Hier basteln 95 Kindergarten-Kinder für ihren Martins-Umzug am Dienstag. Die Hälfte der Kleinen ist muslimischen Glaubens und doch freuen sich alle auf das Martins-Fest. Inklusive Ross und Reiter, wie es sich für einen katholischen Kindergarten gehört. Und die Muslime? Stört das nicht: „Meine Kinder lernen an Sankt Martin etwas über das Geben und Nehmen. Das ist bei unserem Opferfest nicht anders“, erklärt Mutter Ilknua Gönenc. Ihre Zwillinge Mert und Zara (4) kamen schon letztes Jahr begeistert mit ihren Laternen heim. Und brachten den Festbrauch so in die muslimische Familie.

Genauso aber lernen auch die christlichen Kinder von ihren andersgläubigen Spielpartnern, verrät Erzieherin Andrea Althoff: „Zum Zuckerfest versammeln sich ebenfalls alle Familien. Auch das wird dann gemeinsam begangen.“

Auch in städtischen und freien Kindertagesstätten werden momentan letzte Lieder für den großen Umzugs-Tag geprobt. Und von Verstimmung ist da nichts zu hören. „Wir haben noch nie Beschwerden bekommen“, erzählt etwa Uwe Eichblatt, Leiter der Kita „Rotznasen“: „Unsere muslimischen Kinder haben beim Martinszug auch keinerlei Berührungsängste.“

So werden sie in diesen Tagen auch genauso laut ihr „Sankt Martin“ singen. Und unter den Kinderstimmen bleibt Sagels Vorschlag auch weiterhin ungehört.