Sprache erkundet Landschaft

Anne Horstmeier

Für Barbara Köhler ist der Spycher Literaturpreis Leuk „der schönste Literaturpreis Europas“, weil er mit einem Gastrecht verbunden ist. Fünf Jahre lang dürfen Preisträger jeweils zwei Monate im Ort Leuk im Schweizer Kanton Wallis wohnen. Barbara Köhler kehrte immer wieder zurück, um den Leuker Hausberg Gorwetsch zu erforschen. Was sie entdeckte, ist im Buch „36 Ansichten des Berges Gorwetsch“ nachzulesen.

36 Texte mit je neun Zeilen – das scheint wenig. Setzt aber die Sprachkünstlerin Barbara Köhler die Worte, wird das Lesen wie eine Wanderung durch eine Sprachlandschaft; entlang des Wegs mit seinen überraschenden Wendungen ergeben sich immer neue, erstaunliche Perspektiven. Die seit 1994 in Ruhrort lebende Autorin strebt „räumliche Präzision“ an: „Für jede Stelle gibt es das richtige Wort, und es kann in mehr als eine Richtung weisen.“ Aus dieser „schwebenden Balance“ entsteht die Poesie.

Von den Bergen im Ruhrgebiet

„Absolut staunenswert“ war für Barbara Köhler die Erkundung der Bergwelt, der sie mit ihrem ersten Aufenthalt in Leuk begann. Unbekanntes Terrain für die gebürtige Sächsin, die die Ferien ihrer Kindheit an der Ostsee verbrachte und seit 1994 in Ruhrort lebt. In der „Zugabe“ gibt die Autorin unter anderem zu, in Duisburg zu leben, „gemittelte 33 Meter über dem Meer oder Normalnull, und nur 33 Kilometer südlich von Alpen – Alpen am Niederrhein; unweit auch Sonsbeck ,am Fuße der Sonsbecker Schweiz’, deren höchster Punkt unglaubliche 87 m ü. NN erreicht“.

Und weiter schreibt sie: „Hier im Ruhrgebiet baut man die Berge traditionell selber – abgesehen von ein paar Ausläufern des Bergischen Landes im Süden erscheint die Gegend beeindruckend flach, doch von den Aussichtspunkten wie stillgelegten Hochöfen oder Gasometern kann man sie weithin hervorragend sehen: Abraumhalden, inzwischen begrünt, bewaldet, bekunstet und benannt nach längst geschlossenen Kohlenzechen, wie beispielsweise Mont Cenis: Berge in einer Bergbaugegend.“

Für die Gegebenheiten im Wallis wagt sich Barbara Köhler mit dem Gorwetsch nicht noch hinaus, dessen langer Grat die 2000 Meter kaum übersteigt. Ein „Schattenberg“, den sie ganz exakt vermisst und dabei Seiten, Täler, Wege, Nachbarberge, Orte, die Gewässer und vor allem die Sprachen einbezieht, die hier gesprochen werden, Französisch und Walliserdeutsch. Und manchmal mogelt sie auch Niederländisch rein, was aber unerkannt bleibt, oder erfindet Worte wie „Gegenberg“.

Was zwischen Sprachen passiert, ist eines der Erkundungsfelder Barbara Köhlers. Zur Zeit geht sie dieser Frage in den USA nach bei einem einmonatigen Residenz-Aufenthalt an der Cornell-Universität in Ithaca, New York. Am German Departement hält sie Vorlesungen und ein Kompaktseminar.