Duisburg

Mehr Sex in Corona-Zeiten? Duisburger Paar-Therapeut: „Das ist oft kontraproduktiv“

Corona und Sex: Sexualtherapeut Carsten Müller über Baby-Boom, Gemüse- und Pizzavergleiche und den Umgang mit Sex in Corona-Zeiten.
Corona und Sex: Sexualtherapeut Carsten Müller über Baby-Boom, Gemüse- und Pizzavergleiche und den Umgang mit Sex in Corona-Zeiten.
Foto: iStockphoto

Duisburg. Mehr Sex in Corona-Zeiten? Was machen Ausgangsbeschränkungen, Quarantäne und Isolation eigentlich mit unserem Liebesleben?

Antworten auf diese Fragen hat Carsten Müller. Der Duisburger (38) ist Paar- und Sexualtherapeut und bringt im April ein neues Buch raus: „Sex ist wie Brokkoli, nur anders".

Sex in Corona-Zeiten: Experte im Interview

Was es mit dem Buchnamen auf sich hat, wo Chancen und Risiken für unseren Sex in Corona-Zeiten liegen und was Pizza mit unserem Liebesleben zu tun hat, hat der zweifache Familienvater im DER WESTEN-Interview verraten.

Herr Müller, rechnen Sie mit einem Anstieg der Geburtenzahlen im Winter als Folge der „Quarantäne“?

Also prinzipiell glaube ich, dass solche Großereignisse, etwa ein Stromausfall in New York, die Menschen im wahrsten Sinne des Wortes näher zusammengebracht haben. Das kann schon sein, dass das eine Wirkung auf die Geburtenzahlen hat. Wobei ich glaube, dass die romantische Hollywood-Vorstellung nach dem Motto 'Wir sind jetzt in Quarantäne und kommen aus dem Bett nicht raus' nicht stimmt. Da wird zu viel reininterpretiert. Es gibt viele Menschen, die gesundheitliche Sorgen oder Existenzängste haben. Das erhöht vielleicht den Part von Zweisamkeit, aber eher aus einer Verbundenheit heraus, als das man viel mehr Sex hat.

Es kann ja auch ein Druck entstehen, weil man mehr Zeit miteinander hat und glaubt auch mehr Sex miteinander haben zu müssen - das ist oft kontraproduktiv.

Aktuell sind wir viel zuhause. Experten rechnen mit einer Zunahme von häuslicher Gewalt. Was raten Sie, um dem entgegenzuwirken?

Mehr Zeit zuhause zu verbringen, bedeutet nicht gleich, dass ein Zuhause ein gutes Zuhause ist. Das wird so sein, dass die Zahlen von Gewalt innerhalb von Familien steigen werden. Eine Überforderung und die Nähe - das sind alles Faktoren, die potenziell für Gewalt stehen. Wichtig ist es, einen Alltag herzustellen innerhalb der Familie. Morgens aufzustehen und eine Struktur zu haben im Tag. Dazu kommt die Kommunikation. Und eben auch mit Partner oder Partnerin zu sprechen, wie man mit Sexualität umgeht, wie damit, dass die Kinder den ganzen Tag zuhause sind, was haben wir für Ansprüche und wo schaffen wir uns gemeinsame Momente.

Hier kommt es darauf an, sprachfähig zu sein. Ich erlebe, dass es an vielen Stellen nur wenig Sprachfähigkeit gibt in einer vermeintlich total offenen Gesellschaft. Man wird überall mit Sex vollgeballert. Aber hier erlebe ich ganz viel Sprachlosigkeit bei Menschen - innerhalb von Partnerschaften und in der Familie mit den Kindern.

Inwieweit bietet die Corona-„Quarantäne“ auch Chancen?

Ich glaube schon, dass es für zwischenmenschliche Beziehung eine Chance sein kann, um im wahrsten Sinne des Wortes näher zusammenzurücken. Man kann gestärkt aus Krisen hervorgehen. Hier ist Kommunikation ein wichtiger Part. Der Anspruch an diese Zeit sollte nicht zu hoch gesetzt werden. Man sollte miteinander Fünfe gerade sein lassen. Es wird nicht alles perfekt sein, es wird Auseinandersetzungen geben. Im sexuellen ist es wichtig gelassen zu bleiben und Druck rauszunehmen. Man sollte sich fragen: Was ist denn ein realistischer Anspruch im Bezug auf unser Sexleben?

Also Corona ist nicht die Zeit für wilde Experimente im Bett...?

Man muss nicht den Anspruch haben, nur weil wir Quarantäne haben, jeden Tag ein neues Sexspiel auszuprobieren. Das würde eher Druck auslösen und es schwieriger machen. Dann lieber wie bei der Pizza bei den Zutaten bleiben, die man immer nimmt. Zeit für Experimente ist vielleicht gerade nicht. Da brauchen die Menschen eine große Sicherheit dafür. Sicherheit und Struktur ist auch im Bereich von Sexualität ein wichtiger Faktor.

Sie haben ein Aufklärungsbuch geschrieben: „Sex ist wie Brokkoli - nur anders". Jetzt haben wir viel Zeit – eine gute Möglichkeit, um das Thema Aufklärung mit den Kids zu besprechen?

Die Idee des Buches ist mitzugeben, dass die Familie ein super Ort ist, um über Sexualität zu sprechen. Wo, wenn nicht in der Familie, sollte über sein solch schönes und gutes Thema gesprochen werden. Trotzdem wird in vielen Fällen nicht drüber gesprochen, weil Sexualität eben nicht als ein Sachthema gesehen wird, eben nicht wie Brokkoli oder anderes Gemüse, sondern wie ein sehr spezielles Thema. Ich weiß nicht, ob die Corona-Zeit, die Zeit ist, wo man darüber spricht. Wichtig ist, dass Kinder und Jugendliche das zum Thema machen.

Es geht gar nicht darum, dass man als Erwachsener das große Aufklärungsgespräch in der Küche führen soll. Aber - und das ist das schöne am Buch - dadurch dass es für jeden ein eigenes Kapitel gibt, darf es überall im Haus rumliegen. Dadurch zeige ich als Erwachsener eine Bereitschaft, dass ich mich auch Fragen zum Thema Sexualität stelle. Diese Bereitschaft hat auch etwas von Prävention sexueller Gewalt. Wenn ich die Bereitschaft klarmache, dass über Sexualität gesprochen werden darf, werden auch Kinder und Jugendliche eine Idee von Sexualität bekommen. Ich habe mit vielen Betroffenen von sexualisierter Gewalt gesprochen, die keine Vorstellung hatten. Da ist es viel leichter deren Grenzen zu verletzen, als wenn man aufgeklärte Kinder hat.

Was hat es mit dem Namen „Sex ist wie Brokkoli" auf sich? Warum ausgerechnet der Vergleich mit Brokkoli?

Es könnte jedes andere Gemüse sein. Mir war wichtig etwas zu nehmen, wo klar ist, dass es überhaupt kein Problem ist, mit Kindern darüber zu reden. Da würde sich keiner Gedanken machen, ob er damit etwas auslöst, wenn er mit seinen Kindern über Brokkoli spricht. Bei Sex werden sich die Leute immer Gedanken machen. Brokkoli ist mir ehrlich gesagt als erstes eingefallen.

Das Buch ist für die ganze Familie konzipiert. Wie geht das?

Das Kinderkapitel hat Bilderbuchcharakter mit vielen Illustrationen und die unterschiedlichsten Themen, die für Eltern wichtig sind, werden besprochen. Das Ziel ist, eine eigene Sprache zu lernen. Ich sage immer: wenn man das nicht gelernt hat, ist das wie eine eigene Sprache, die man lernen muss. Dafür braucht es Vokabeltraining. Dabei kann das Buch helfen.

Wir arbeiten mit einer klaren, aber auch lustigen Sprache. Es gibt Kapitel für Kinder, Jugendliche und für Eltern, wo es um Fragen rund um das große Thema Sexualität geht. Aber die Idee ist: jeder darf alles lesen. Der Ansatz ist: Sexualität beginnt mit 0 und geht bis zum Tod. Jeder wird in irgendeiner Art und Weise darin Anknüpfungspunkte finden.

 
 

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