Schülervertreter fordern: „Politiker, hört uns endlich zu!“

Katharina Pohl und Luca Haverbeck berichten aus ihrem Schulalltag. Sie wünschen sich ein flexibles G8/G9-Modell, bei dem man wählen kann.
Katharina Pohl und Luca Haverbeck berichten aus ihrem Schulalltag. Sie wünschen sich ein flexibles G8/G9-Modell, bei dem man wählen kann.
Foto: Jörg Schimmel
  • Katharina und Luca berichten aus ihrem oft stressigen Schulalltag am Gymnasium
  • Die Stundenpläne sind vollgepackt mit zu viel Lernstoff, viele Schüler seien überfordert, sagen sie
  • Sie wünschen sich ein flexibles System schaffen, bei dem Schüler zwischen G8 und G9 wählen können

Duisburg. Elternverbände in NRW laufen Sturm gegen das „Turbo-Abi“, die verkürzte Schulzeit nach acht Jahren. Unter diesem Druck hat Schulministerin Sylvia Löhrmann G8 wieder auf die Agenda gehoben, Politiker, Eltern und Experten diskutieren verschiedene Modelle. Was denken eigentlich die Schüler darüber? G8 verbessern oder eine Rückkehr zu neun Schuljahren? Wir haben mit Katharina Pohl (18) und Luca Haverbeck (17) gesprochen, die sich in der Duisburger Bezirksschülervertretung engagieren.

Elternverbände klagen über Überforderung ihrer Kinder unter dem G8-Modell. Zu viel Stoff, volle Stundenpläne, zu wenig Freizeit: Wie empfindet ihr euren Schulalltag?

Luca: Die Stundenpläne sind schon eng getaktet. Ich habe Mitschüler, die haben freitags bis zur elften Stunde Sportunterricht, bis 18 Uhr. Ich habe drei bis vier Langtage in der Woche, also bis 16 Uhr. Danach kommen noch anderthalb Stunden drauf für Hausaufgaben. So ein Schultag geht dann oft von 8 bis 18 Uhr – hat man wie ich dann noch andere Aufgaben nebenbei, ist man abends ganz schön erledigt.

Viele haben fünf lange Nachmittage pro Woche

Katharina: Es ist stressig. Ich habe an drei Nachmittagen in der Woche bis 16.10 Uhr Unterricht. Hinzu kommen Hausaufgaben und bei mir auch noch Querflötenunterricht, die Messdienerleitung, mein Engagement als Schülersprecherin und in der Jungen Union. Zudem läuft die Abi-Planung nebenbei. Ich bin da aber keine Ausnahme: Viele meiner Mitschüler haben sogar fünf lange Nachmittage in der Woche.

Wie sieht der Unterricht inhaltlich aus? Gibt es Qualitätsverluste?

Katharina: Es wurde von Anfang an bei G8 der Fehler gemacht, dass mehr Stoff, in weniger Jahre gepresst wurde. Das baut enormen Lerndruck auf. In Deutsch müssen wir zum Beispiel über die Ferien Goethes „Faust“ gelesen und danach innerhalb von drei Wochen besprochen und eine Klausur dazu geschrieben haben. Das ist viel zu wenig Zeit.

Engagierte Lehrer geben Förderkurse in den Freizeit

Die Lehrer bemühen sich zwar, so viel Stoff wie möglich in den Unterricht zu packen – damit wir gut auf die Prüfungen vorbereitet sind. Das ist in der Unterrichtszeit aber kaum zu schaffen. Also bieten manche Lehrer sogar in ihrer Freizeit am Nachmittag „Förderkurse“ an, in denen unsichere Schüler intensiver nacharbeiten können. Viel Wissen wird mittlerweile gar nicht mehr gelehrt, sondern vorausgesetzt. Etwa Römische Zahlen: Die wurden einfach vom Lehrplan gestrichen.

Wie reagiert ihr auf den wachsenden Druck?

Katharina: Viele sind überfordert, das zeigt sich auch körperlich: Die Zahl der Jugendlichen mit Essstörungen und Depressionen nimmt zu. Mir selbst sind einige solcher Fälle bekannt. Vor allem in der Mittelstufe, achte, neunte Klasse, in der Kinder in die Pubertät kommen und mehr mit sich selbst als mit Lernen beschäftigt sind.

Nach dem Abitur Zeit zur Orientierung

Luca: Es herrscht auch ein hoher Sozialdruck. Mit 17 Jahren schon wissen zu müssen, was man beruflich machen möchte, ist eine harte Entscheidung. Vor allem wenn alle Mitschüler bereits genau wissen, wohin es gehen soll, man selbst es aber noch nicht genau weiß. Weil viele unsicher sind, verschaffen sie sich Zeit zur Orientierung in einem Sozialen Jahr oder reisen per „Work & Travel“ durch Australien.

Haltet ihr eine Rückkehr zu G9 für sinnvoll?

Katharina: Man sollte das System flexibel gestalten und an allen Gymnasien beides anbieten. Dann wären auch die Kurse kleiner.

Luca: Ja, das wäre sinnvoll. Das Abi mit G8 ist zwar machbar, kostet aber sehr viel Kraft. Mit G9 könnte man intensiver lernen. Daher sollte jeder für sich selbst wählen können.

Hausaufgaben abschaffen - das brächte Entlastung

Was würde euch konkret entlasten?

Katharina: Man sollte die Hausaufgaben abschaffen – wie es gerade in Spanien gefordert wird. Denn die nehmen zu viel Zeit in Anspruch. Und wir brauchen mehr Lehrer – es fallen zu viele Stunden aus und der Vertretungsunterricht durch fachfremde Lehrer bringt nichts.

Luca: Zudem sollte man mehr Doppelstunden einrichten. Dann kann man sich gezielter vorbereiten, weil man für weniger Fächer lernen muss – und müsste weniger Bücher an einem Tag mitschleppen.

Was wünscht ihr euch von der Schulministerin?

Luca: Wenn man will, dass Schüler mitgestalten und sich engagieren, sollte man uns generell mehr mitreden lassen und ernst nehmen. Nicht nur auf Landesebene, das fängt schon im Stadtrat an: Auch hier in Duisburg könnte man uns Schüler als Berater in vielen Themen stärker einbeziehen. Wir werden zu selten nach unserer Meinung gefragt. Da wird Potenzial verschenkt.

Katharina: In Schulthemen werden immer nur die Eltern gefragt, weil sie Wähler sind. Die meisten Schüler haben keine Stimme, also bleiben wir außen vor. Das finden wir schade. Daher geht unser Appell an alle Politiker: Hört uns zu!

>> Nach dem Abi Jura und Politik studieren

Katharina Pohl besucht die 12. Klasse des Kopernikus-Gymnasiums in Walsum. Nach dem Abi möchte sie Jura mit Fachrichtung Wirtschaft studieren. Luca Haverbeck geht in die 12. Klasse des Mannesmann-Gymnasiums in Huckingen. Er möchte nach dem Abi Politik in Duisburg studieren.

In der Bezirksschülervertretung setzen sich zehn Schüler von acht Duisburger Schulen für die Belange der Jugendlichen ein. Unterstützt werden sie vom Jugendring Duisburg. Kontakt: mail@jugendring-duisburg.de

 
 

EURE FAVORITEN