Schostakowitsch-Sinfonie bewegt

Seit dem Schostakowitsch-Festival 1984/85 scheint das Duisburger Publikum ein besonderes Verhältnis zu dem großen sowjetischen Komponisten zu haben. Unter dem Motto „Russische Legenden“ spielten die Duisburger Philharmoniker im vierten Konzert der Saison unter dem Gastdirigenten Aziz Shokhakimov in Programm, bei dem die 5. Sinfonie von Schostakowitsch den Höhepunkt bildete. Der 28-jährige Dirigent aus Taschkent ist nicht der Mann großer Gesten, erzielt aber in Zusammenarbeit mit den Philharmonikern eine maximale musikalische Wirkung.

„Legenden“ mit großem Gefühl

Die Oper „Die Legende von der unsichtbaren Stadt Kitesch“ von Nikolai Rimsky-Korsakow erlebte 1935 ihre deutsche Erstaufführung in Duisburg, heute sucht man das Werk auf deutschen Bühnen vergebens. Angesichts des klanglichen Reichtums dieser Musik, die als vierteilige Orchestersuite vorgestellt wurde, kann man sich nur wünschen, diese Oper einmal auf der Bühne zu erleben. Mit großem Gefühl entfalten die Philharmoniker die musikalischen Szenen, die in hellen Pastellfarben aufleuchten. Das Finale „Die Wallfahrt zur unsichtbaren Stadt“ erinnert mit seinen prächtigen Klängen auch an Humperdincks Märchenoper „Hänsel und Gretel“.

Ein Klassiker der Literatur für Cello und Orchester ist Peter Tschaikowskys „Variationen über ein Rokoko-Thema“. Cellistin Tatjana Vassiljeva spielt das Stück auf ihrer Stradivari „Vaslin“ mit leicht angerautem Sandpapierton. Im Zusammenspiel mit den Philharmonikern entwickelt sich ein eleganter, manchmal spritziger Dialog. Shokhakimov lässt das Werk aus dem Geist der Klassik musizieren, so dass es eine Spur distanziert wirkte. Der Beifall ist zwar stark, aber nicht enthusiastisch. Tatjana Vassiljeva bedankt sich mit dem Präludium der ersten Cello-Suite von Johann Sebastian Bach.

Höhepunkt des Abends ist die großformatige Schostakowitsch-Sinfonie. 1937 im Rahmen der Feierlichkeiten zum 20. Jahrestag der Oktoberrevolution uraufgeführt, trägt es den Untertitel „Das Werden der Persönlichkeit“, später machte der Komponist aber klar, dass es hier um die Deformation des Menschen durch die kommunistische Diktatur geht. Shokhakimov leitet eine Aufführung, die auch in Momenten der Verlorenheit von höchster Spannung geprägt ist. Das Largo des dritten Satzes wirkt wie die Suche eines Menschen nach Hoffnung in einer zerstörten Landschaft. Im Finale gelingen den Philharmonikern einige spektakuläre Beschleunigungen, welche die Musik fast panisch werden lassen, der Jubel klingt hohl und mechanisch. Die dramatischen und instrumentalen Effekte werden eindrucksvoll ausgespielt.

Man merkt beim Schlussapplaus, wie stark diese Musik das Duisburger Publikum trifft.

 

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