Schiffseelsorgerin betreut Seeleute im Duisburger Hafen

Jasmin Fischer
Weihnachtsgeschichte über die evangelische Binnenschiffer-Seelsorge in Duisburg. Gitta Samko fährt mit dem Kirchenschiff "Wichern" durch den Hafen von Duisburg um Binnerschiffer auf ihren Schiffen zu besuchen.
Weihnachtsgeschichte über die evangelische Binnenschiffer-Seelsorge in Duisburg. Gitta Samko fährt mit dem Kirchenschiff "Wichern" durch den Hafen von Duisburg um Binnerschiffer auf ihren Schiffen zu besuchen.
Foto: WAZ FotoPool
Heiligabend kümmert sich Schiffseelsorgerin Gitta Samko um gestrandete Seeleute im Duisburger Hafen. Mit dem einzigen Kirchenboot der Stadt erledigt sie Bordbesuche. Die Matrosen kommen aus der ganzen Welt, haben jedoch eine Sache gemeinsam: Alle leiden Sie gerade zu den Festtagen an Heimweh.

Duisburg. Wenn heute am Heiligabend die Hektik in der Stadt abflaut, macht sich Gitta Samko im Boot auf den Weg zur Arbeit. Auf schwankendem Boden wird sie langsam durch Duisburgs raueste Landschaft fahren. Vorbei an Containern, Kränen und Industriehallen bringt die „Johann Hinrich Wichern“ die Binnenschiff-Seelsorgerin zu Matrosen, die Weihnachten im Duisburger Hafen ankern – Weltenbummler, die ihre Einsamkeit in diesen Tagen doppelt spüren.

Fünf Männer, vier Sprachen, ein Plastikbaum: So sieht er aus, der Advent auf der „Westewind“. Das Schiff kommt mit schweren Drahtrollen aus Rotterdam, entlädt gerade in Ruhrort, als Gitta Samko mit Duisburgs einzigem Kirchenboot an der Seite des Kolosses andockt. Sie hat selbstgebackene Plätzchen dabei, Telefonkarten, ein kleines Präsent – und ein offenes Ohr. „Weihnachten ist im Hafen immer eine besondere Stimmung“, weiß sie, „es sind die Tage, an denen es Seeleuten schwerfällt, nur mit Zuhause skypen zu können. Es ist die Zeit des Heimwehs.“

Nur Geld für fahrende Schiffe

Keine Frage: Auch Guram, Kapitän der Westewind, der mit leuchtenden Augen von Odessa, „der schönsten Stadt überhaupt“ schwärmt, wäre über Weihnachten lieber nicht unterwegs im Kiel-Kanal. Seine Crew – Adrian aus Polen sowie Elarriel und Edson von den Philippinen – geht es ähnlich: Sie arbeiten Weihnachten, weil die knappe Heuer in der fernen Heimat ein Vermögen wert ist. Und nur ein fahrendes Schiff verdient Geld.

Besatzungen wie die der Westewind wird Gitta Samko bei ihren Bordbesuchen ab 8.30 Uhr am Heiligabend einige treffen: Zusammengewürfelte Mannschaften aus den Kapverden, Kroatien, Tschechien oder Russland, über die Festtage meist ganz kurzfristig gestrandet in Duisburg – Fremde in der Fremde. Für sie will die Seemannsmission ein Anker sein: „Wir geben dem Duisburger Hafen ein menschliches Gesicht“, sagt Samko, „wir sagen: Wir wissen, dies ist nicht Eure Heimat, aber wir versuchen, für Euch Heimat zu sein.“ Neben der Bescherung mit kleinen Gaben wird sie vorsichtig nachhorchen: „Was liegt oben auf?“ Was schiffisch ist für: Hey, wie geht’s Dir überhaupt?

Kartoffelsalat mit Würstchen

Seeleute, die nicht Bordwache halten müssen, sind am Nachmittag zur Andacht im Haus der Schiffergemeinde willkommen. „Wir haben internationale Bibeln“, sagt Samko, „und abends gibt es Kartoffelsalat mit Würstchen.“ Verständigungsprobleme gibt es bei der Matrosenweihnacht kaum: „Alle sind es ja gewohnt, mit anderen Nationalitäten umzugehen. Sie sprechen Seemannsenglisch – mit Augen, Gestik und Herz.“

Arbeiten, wenn alle anderen das Fest mit der Familie genießen – für die Sozialpädagogin ist es nach zehn Dienstjahren immer noch die Traumschicht. „An solchen Tagen müssen wir da sein“, sagt sie, „wer sonst?“ Dass die Seeleute auf diese Weise auch Anerkennung erfahren, ist ihr wichtig: „Kaum jemand dankt jenen, die unsere Waren fahren. Dabei hätten wir alle keine Weihnachtsgeschenke ohne die Binnen- und Seeschiffer.“

Packt die Matrosen am Heiligabend vor allem Heimweh, wird Samko bei ihren Bordbesuchen das restliche Jahr über mit Problemen konfrontiert, die nicht anders sind als an Land auch: Liebeskummer ist der Dauerbrenner, dicht gefolgt vom Stress auf dem Schiff, der die Seeleute auspowert. „In sechs bis acht Stunden entladen, dann wieder den Hafen wechseln, das ist schon was anderes, als mal eben ein Auto umzuparken“, sagt sie. Arbeitsverträge von zwei bis vier Monaten, existenzielle Sorgen, große Firmen, die kleine fressen, dazu die Gefahren, denen die Männer auf dem Wasser ausgesetzt sind – von der Romantik schwimmender Familienbetriebe ist in der Berufsschifffahrt wenig übrig geblieben.