Sauerland bricht sein Schweigen: "Habe Mitgefühl vergessen"

Adolf Sauerland im Jahr 2014 bei einem Termin im Landtag. Im Februar 2012 wurde er als Oberbürgermeister von Duisburg abgewählt.
Adolf Sauerland im Jahr 2014 bei einem Termin im Landtag. Im Februar 2012 wurde er als Oberbürgermeister von Duisburg abgewählt.
Foto: Lars Heidrich
Über sechs Jahre nach der Loveparade gibt Duisburgs Ex-OB Sauerland in einer TV-Doku zu: "Ich habe Mitgefühl vergessen." Was er noch zum Unglück sagt.

Duisburg. Sechseinhalb quälend lange Jahre hat sich Duisburgs ehemaliger Oberbürgermeister Adolf Sauerland nicht zur Loveparade-Katastrophe geäußert, bei der 21 Menschen ums Leben kamen. Das Schweigen hat ihn Job, Anerkennung und Freunde gekostet. Er erhielt Morddrohungen. Jetzt spricht er: „Ich wollte keine juristischen Fehler machen. Dabei habe ich die wichtigen Ebenen vergessen. Ich habe moralische Verantwortung und Mitgefühl vergessen“, sagt er dem WDR Fernsehen und dem Zeit-Magazin.

„Ich selbst wollte so eine Veranstaltung nie in Duisburg haben!“, erklärt Sauerland. „Und das wussten alle, der ganze Rat. Aber das hat dann niemand mehr laut gesagt. Zurückzutreten, das wäre für mich eine Flucht gewesen. Sollte wirklich etwas juristisch falsch gelaufen sein, zum Beispiel bei der Genehmigung, dann kann man politische Verantwortung verlangen. Aber ich hatte mir nichts vorzuwerfen“, sagt er.

Er arbeitet im Reisebüro der Familie

Die WDR-Filmerin Eva Müller begleitet Sauerland schon in seiner 19-monatigen Amtszeit nach der Loveparade. Sie zeigt, wie er zaudert, sich windet und die Verantwortung abstreitet. „Ich kann im Moment nicht ich selbst sein“, gesteht er in dieser Zeit. Im Februar 2012 wählen ihn die Duisburger ab. „Ein Kopf musste ja rollen. Für mich war das nicht fair“, sagt in der Doku seine damalige Stellvertreterin und Freundin Doris Janicki (Grüne). Aus der Politik haben sich beide zurückgezogen.

Loveparade 2010 - Tragödie in Duisburg Adolf Sauerland arbeitet seit seiner Abwahl im Reisebüro seiner Familie. Welche Frage ihm die Kunden häufig stellen? – Darauf antwortet der 61-Jährige: „Neben ‚Wie geht es dir?‘ ist das: ‚Warum hast du dich nicht eher entschuldigt?‘ Es gibt Dinge, über die man schlecht sprechen kann. Wofür entschuldigen? Wofür? Dass die Kinder tot sind? Da gibt es keine Entschuldigung für! Da gibt es Verantwortung für!“

„Wahrscheinlich hätte ich viel früher auf die Opfer zugehen müssen."

Er könne sich dafür entschuldigen, dass er nicht die Kraft gehabt habe, auf die Leute zuzugehen. „Ich kann erklären, warum das nicht möglich war, weil da keine Maschine auf der anderen Seite war, sondern jemand, der die ganze Nacht da gesessen und miterlebt hat, dass Menschen gestorben sind.“ Sauerland weiter: „Wahrscheinlich hätte ich viel früher auf die Opfer zugehen müssen. Aber ich war früher Lehrer, ich hätte in meinem Leben nie ‚unbedingt‘ eine Veranstaltung durchgeführt, wo Jugendliche, wo Minderjährige sich hätten verletzen können. Und mir das zu unterstellen, das war schon ganz starker Tobak.“

Ob es je zum Prozess kommt, ist unklar. „Ich habe immer damit gerechnet, dass der Tag kommt, an dem diejenigen, die die Verantwortung tragen, auch zur Verantwortung gezogen werden. Ich befürchte, das wird nicht passieren“, kommentiert Sauerland die Entwicklung.

>> Sendetermin:

Der WDR zeigt die halbstündige Dokumentation über den ehemaligen Duisburger Oberbürgermeister Adolf Sauerland am Montag, 28. November, um 22.15 Uhr. Seit Mittwoch, 24.11., ist die Sendung aus der Reihe "Hier und Heute" bereits in der WDR-Mediathek zu sehen.

 
 

EURE FAVORITEN