Rückkehr im Herbst: „Die Mercatorhalle beflügelt uns“

Die Freude auf die Rückkehr in die Mercatorhalle ist groß bei allen Philharmonikern – natürlich auch bei Orchester-Manager Martin Schie.
Die Freude auf die Rückkehr in die Mercatorhalle ist groß bei allen Philharmonikern – natürlich auch bei Orchester-Manager Martin Schie.
Foto: FUNKE Foto Services
Orchester-Manager Martin Schie erläutert zum Abschluss der Serie über die Duisburger Philharmoniker, was zur „Hintergrundmusik“ gehört.

Duisburg.. In 16 Folgen der WAZ-Serie „Klangkörper“ standen Musiker aus allen Gruppen der Duisburger Philharmoniker und ihre Instrumente im Mittelpunkt. In der 17. Folge kommt zum Abschluss Martin Schie zu Wort, der 2015 von der Position des Solo-Oboisten auf die des Orchester-Managers gewechselt ist. Im Interview erläutert er seine Aufgaben und die Besonderheiten dieses großen und für Duisburg so bedeutenden „Klangkörpers“.

Herr Schie, ist es eigentlich üblich, dass man als Musiker auf den Manager-Posten wechselt?

Martin Schie: Nein, ganz und gar nicht, obwohl auch mein Vorgänger aus dem Orchester kam. Nachdem Alfred Wendel mich gefragt hat, habe ich ein Wochenende lang überlegt und dann zugesagt. Dabei hätte ich mir nie vorstellen können, einen anderen Beruf auszuüben. Ich habe mit 13 angefangen, Oboe zu spielen, viele Träume verwirklicht – und mit 61 aufgehört. Nach einem Jahr glaube ich sagen zu können: Die Entscheidung war richtig. Mein Lebensrhythmus hat sich total geändert, nichts ist mehr wie früher.

Was sind die Aufgaben eines Orchester-Managers?

Schie: Der Intendant plant mit dem Generalmusikdirektor die Konzerte und Veranstaltungen künstlerisch, hier im Orchesterbüro werden die Pläne in die Praxis umgesetzt, also auf Machbarkeit geprüft oder Verträge mit Solisten ausgehandelt. Wir organisieren Konzerte und Proben in Zusammenarbeit mit der Rheinoper. Opern bilden ja die Hauptaufgabe des Orchesters, das zur Zeit auch 16 Vorstellungen pro Saison in Düsseldorf spielt. Dazu kommen zwölf mal zwei Philharmonische Konzerte, Kammer-, Profile-, Serenaden- und Extrakonzerte. Das ist ja das Tolle, dass wir beides haben – Konzerte und Opern, das spüren Gastdirigenten sofort. Wir sind aber auch für die Instrumente im Haus zuständig – und fürs Publikum da, das glücklich nach Hause gehen und gern wiederkommen soll.

Was unterscheidet ein A-Orchester wie die Philharmoniker von B- oder C-Orchestern, die weniger kosten?

Schie: B- und C-Orchester sind kleiner und können nur ein begrenztes Repertoire spielen; darüber hinaus werden die Musiker schlechter bezahlt, was das Niveau senkt. Die Größe des Orchesters wird nach dem Aufgabenbereich bemessen. Da wir in Duisburg traditionell große Opern spielen, benötigt die Stadt ein großes Orchester. Man vergisst häufig, dass Duisburg in einer glücklichen Situation ist: Für einen wesentlich geringeren Etat haben wir ein Niveau wie die Häuser in Hannover, Frankfurt oder Stuttgart.

Ist das Bundesliga?

Schie: Ja, unbedingt.

Aber in Duisburg gibt es heute weniger Vorstellungen, nachdem die Stadt den Zuschuss für die Rheinoper gekürzt hat.

Schie: Ja, als ich 1981 angefangen habe, hatten wir 80 Bühnenwerke im Repertoire. Für einen Anfänger war das ein Alptraum. Aber man gewinnt einen großen Schatz an Erfahrungen. Damals gab es Opernwochen mit Verdi, Pucchini, Mozart, jede Spielzeit wurde ein „Ring des Nibelungen“ gespielt, hier habe sich Sänger für Bayreuth empfohlen. Das war wohl nicht mehr bezahlbar, heute haben wir noch rund 30 Opern im Repertoire, aber dennoch viel Zulauf von außerhalb, zum Beispiel zur „Zauberflöte“.

Und das Ballett hat ja auch viele auswärtige Besucher.

Schie: Ja, das Ballett hat immer ein ganz eigenes Publikum, Martin Schläpfer eine große Fan-Gemeinde, da kommt etwa die Hälfte des Publikums nicht aus Duisburg.

Um im Orchester angestellt zu werden, muss man ein Probespiel gewinnen. Wie läuft das?

Schie: Freie Stellen werden international ausgeschrieben. Je nach Instrument gibt es 50 bis 150 Bewerbungen. Etwa 20 Bewerber werden aufgrund ihrer Unterlagen zum Vorspiel eingeladen. In der ersten Runde spielen sie sechs, sieben Minuten hinter einem Vorhang. Anschließend stimmt das Orchester ab, wer in die nächste Runde kommt. Die Gruppe, um die es geht, zum Beispiel Horn, kann spezielle Wünsche durchsetzen, also etwa einen Kandidaten dazu einladen, der die anderen nicht überzeugt hat.

Wie geht es dann weiter?

Schie: Die zweite Runde wird offen gespielt, man möchte auch sehen, ob sich der Kandidat gut und gesund bewegt. Wenn man sich zu sehr verkrampft, hält man das Berufsleben nicht durch. Dann bleiben sechs, sieben Kandidaten übrig, die in die dritte Runde kommen. Wenn das dann reicht, um zu einem Urteil zu kommen, erhält der Gewinner einen Vertrag. Wenn das Orchester jemanden möchte, wird er für eine Probezeit aufgenommen. Der GMD wird zwar gehört, hat aber kein Stimmrecht.

Muss die Prozedur so hart sein?

Schie: Ja, es gibt kein besseres Verfahren. Und es ist schwer, objektiv zu beschreiben. Es gibt Beispiele wie das eines berühmten Oboisten, der in Kiel rausgefallen ist, aber einen Tag später bei den Berliner Philharmonikern angenommen wurde.

Orchestermusikern wird oft ein ruhiges Arbeitsleben unterstellt.

Schie: Der Tarifvertrag sieht eine Dienstplanung über vier Wochen vor, im Prinzip zehn Dienste in der ersten, neun, zehn und acht in den folgenden Wochen. Zehn Dienste, das sind fünf Vorstellungen und fünf Proben – glauben Sie mir, da weiß man, was man getan hat. Und der Musiker darf sich ja nicht quälen, er muss seine Leistung souverän bringen. Diese Balance herzustellen, bereitet jedem Orchester-Manager Probleme. Ich kann mich noch gut erinnern, als die Kinder klein waren und ich Samstagabend zur Opernvorstellung musste. Das war manchmal bitter, aber es ist dann doch immer wieder faszinierend, in so ein vibrierendes Haus zu kommen.

Sich fit halten und diszipliniert sein gehört dazu?

Schie: Ja, wir bieten auch zum Beispiel einen Yoga-Kurs an, aber das liegt in der Eigenverantwortung der Musiker. Wenn man abends um 21.45 Uhr noch eine schwierige Stelle spielen muss, kann man vorher kein Halligalli machen. Da ist jeder gut beraten, sich gegen Pannen zu wappnen. Den Druck muss man ertragen.

In der neuen Saison kehren die Philharmoniker in die Mercatorhalle zurück. Warum ist sie so wichtig?

Schie: Ja, wir müssen zurück. Die Mercatorhalle hatte uns und unser Publikum beflügelt, im Theater am Marientor sind uns zunächst viele Abonnenten abgesprungen, einige sind aber auch wieder zurück gekehrt. Ich bin jetzt sehr gespannt, wie es in der nächsten Saison wird. Die Wagner-Gala zur Eröffnung wird sicher ausverkauft sein, aber kommen wir wieder auf eine Auslastung von 90, 95, fast 100 Prozent wie zuvor? Ich bin guter Dinge, und der Saal wird wirklich penibelst renoviert, davon konnten wir uns überzeugen. Obwohl man nicht viel davon sehen wird. Bei normalem Betrieb sind wir dann wieder hervorragend aufgestellt und konkurrenzfähig.

 

EURE FAVORITEN