Roma in Duisburg-Hochfeld – Verdrängen oder integrieren?

Stefan Endell
Eine Straßenszene in Duisburg Hochfeld
Eine Straßenszene in Duisburg Hochfeld

Duisburg/Dortmund. Armutsmigranten aus Südosteuropa will Bildungsdezernent Janssen integrieren. Die Dortmunder Antwort auf das Roma-Problem – Verdrängung – lehnt er ab. Die unter der Zuwanderung leidenden Hochfelder beklagen die Untätigkeit der Politik.

Überbelegte Schrott-Wohnungen, Sperrmüllberge auf dem Rinnstein, verdeckte Prostitution, illegale Tagelöhnerei, gewalttätiges Kräftemessen zwischen neuen und alten Zuwanderern im Rotlichtmilieu und in illegalen Grauzonen, und eine große allgemeine soziale Not der Neuzuwanderer:

Während der massenhafte Zuzug von Menschen aus Südosteuropa, meist Roma-Familien aus Bulgarien und Rumänien, nach Nordrhein-Westfalen zum Beispiel in Dortmund von Stadt und Polizei längst mit personell stark besetzten Sondereinsatzgruppen beantwortet wird, brütet man in Duisburg derweil in Arbeitsgruppen über Handlungskonzepten. Ergebnis unbekannt.

Bis zu 70 Huren am Tag

Am Donnerstagabend um 18 Uhr tritt mit Wilhelm Steitz der Dortmunder Ordnungsdezernent auf einer Bürgerversammlung in der Hochfelder Pauluskirche auf – bekanntlich ein Stadtteil, in dem das prekäre Zuwandererproblem von allen Beteiligten als besonders große Belastung empfunden wird. „Wenn Dortmund etwas tun konnte und weiter tut“, sagt Jochem Knörzer, vom Hochfelder „Klüngelklub“, jener Bürgerverein, der unter der Überschrift „Respekt Hochfeld“ zur heutigen Debatte in die Kirche einlädt, „dann muss doch die Stadt Duisburg dies ebenfalls leisten können.“

In Dortmund, so sagt Stadtsprecher Hans-Joachim Skupsch, sei gerade die massenhafte Straßen-Prostitution von täglich bis zu 70 Huren, der Müll und die Wohnungsüberbelegung („Ekel-Häuser“) so eklatant geworden, dass die Stadt in diesem Frühjahr ihr Stadtgebiet zum Sperrgebiet für das älteste Gewerbe der Welt erklärt hatte. Der käufliche Sex in „Verrichtungsboxen“ – häufig angeboten von Zuwanderinnen aus Bulgarien und Rumänien – gerade in der nördlichen Innenstadt von Dortmund war somit verboten, die Boxen wurden abgerissen. 45 Beschäftigte aus dem städtischen Ordnungsamt sind in Einsatztrupps nach Worten Skupsch täglich von 6 Uhr in der Früh bis zwei Uhr nachts unterwegs auf Streife – unterstützt von Polizei, die ebenfalls ihren Fokus darauf gerichtet hätte: „Wir haben die Kontrollnorm höher gesetzt.“ Täglich werde belehrt, durchsucht, des Platzes verwiesen, überprüft, werden Autos abgeschleppt und zahllose Anzeigen geschrieben. Der Erfolg vor Ort: Sinkende Kriminalität, kaum noch Prostitution, keine Müllberge, keine „Ekelhäuser“ mehr. das Dortmunder Modell: Verdrängung, wohin auch immer.

In Duisburg warte man seit Monaten darauf, dass sich die Stadt endlich diesem Problem annimmt, klagt Knörzer. Hochfelder Bürger hatten im Sommer einen öffentlichen Hilferuf an die Stadt gesendet: „Das Maß ist voll!“ Knörzer: „Es hat hier sehr lange gedauert, bis die Stadtverwaltung endlich in die Gänge gekommen ist.“

Dortmunder Dezernent diskutiert am Abend mit, Duisburger nicht

Denn: Die problematische, massenhafte Zuwanderung von Armutsmigranten aus Südosteuropa, mit vielen schulpflichtigen Kindern, beobachten alle Verantwortlichen bereits seit Jahren. Von einem tragfähigen Konzept indes, wie man damit fair für alle Seiten umzugehen gedenke, ist nach Worten von Knörzer nichts zu sehen. Darum soll es heute Abend in der Hochfelder Paulus-Kirche gehen.

Dem Dortmunder Ordnungsdezernent wird am Donnerstag auf dem Podium nicht der zuständige Duisburger Bildungs- und Kulturdezernent Karl Janssen gegenüber sitzen, stattdessen kommt der Jugendamtsleiter. „Ich kneife nicht,“ erklärte Janssen gegenüber der NRZ, „aber ich hatte diesen Termin nie bestätigt, ich habe eine andere Verpflichtung.“

Inhaltlich könne er nur sagen, dass er das so genannte Dortmunder Modell der simplen Verdrängung von Herzen ablehne – weswegen der Dortmunder Dezernent auch gar nicht am Donnerstagabend nach Duisburg zu kommen brauche. Die Duisburger Antwort auf das Roma-Problem werde eine Integrationslösung sein, auf die viele andere Städte – auch Dortmund – mit großem Interesse warten würden.

Bundesregierung: Sinti und Roma „gut integriert“

Dieses Konzept werde bald durch alle die Ratsgremien laufen und eine „hoch interessante politische Debatte“ in Duisburg auslösen: Wie geht man mit armen Zuwanderern um? Verdrängen oder eingliedern?

Von der Bundesregierung in Berlin haben Problemstädte wie Duisburg indes nichts zu erwarten. In Deutschland sind Sinti und Roma „gut integriert“, so dass eine nationale Strategie für Deutschland „nicht erforderlich erscheine“.

Dies hat die Duisburger Bundestagsabgeordnete Bärbel Bas (SPD) von der Merkel-Regierung auf Nachfrage mitgeteilt bekommen. Und weiter: Sollte es aber doch vor Ort „zu Schieflagen“ kommen, sei dies dann „grundsätzlich Sache der Länder“. Bas: „Unfassbar, wie die Bundesregierung mit diesem Problemfall umgeht.“