Roma in Duisburg-Hochfeld - Legale Sklaverei für 3 Euro die Stunde

Stadtteil Duisburg-Hochfeld: Mittlerweile ist jeder fünfte Bewohner ein Roma aus Bulgarien. Foto: Stephan Eickershoff / WAZ FotoPool
Stadtteil Duisburg-Hochfeld: Mittlerweile ist jeder fünfte Bewohner ein Roma aus Bulgarien. Foto: Stephan Eickershoff / WAZ FotoPool
Foto: WAZ FotoPool
Roma aus Bulgarien und Rumänien werden in Hochfeld zur Problemgruppe, leben in einer Schattenwelt. Sie verdingen sich als Tagelöhner für 3 Euro die Stunde, für fünf Euro pro Handlung bieten Frauen sexuelle Dienstleistungen an. Was tut die Stadt?

Duisburg.. Auf diese Idee käme der Fahrer des weinroten alten Ford-Mondeos mit bulgarischen Kennzeichen im Leben nicht: Hinter die Frontscheibe seines Wagens eine akkurat eingestellte Parkscheibe zu legen, um sodann nach Ablauf von 90 erlaubten Minuten Parkzeit mit dem Auto vorschriftsmäßig das Weite zu suchen.

Murat C* (*Namen geändert) sucht nicht das Weite, er sucht Arbeit in Duisburg. Deshalb steht er hier, am so genannten „Bulgaren-Strich“ in Hochfeld. Dies ist ein kleiner, schäbiger Sandparkplatz, oben im Winkel von der Wanheimerstraße und der Heerstraße, begrenzt von einer fensterlosen Hauswand mit einer lustig-kunterbunten Fassade und dem launigen Slogan drauf: „Schöner Wohnen in Hochfeld“.

Auf dem Parkplatz: Bulgarische Roma, ältere Männer, jüngere Männer, fast alle angereist aus dem ostbulgarischen Ort Schumen. Sie stehen in Gruppen zusammen, oder sitzen zu zweit oder zu dritt in Autos – warten und rauchen. Irgendwann kommt ein Kleinbus vorbei, sechs Mann steigen ein, Murat ist dabei. Der Kleinbus fährt davon. Zu irgendeiner Baustelle, mit einem frischen halben Dutzend billigster Hilfsarbeiter für die Drecksarbeit. Für 3 Euro pro Stunde.

Sexuelle Dienstleistungen

Nebenan auf der Wanheimer Straße verlässt eine schwarzhaarige, bleiche, sehr junge Frau, ein Teenager noch, eine Teestube. Wie alt mag sie sein? In einem Hinterzimmer hat sie eine ganze Nacht lang sexuelle Dienstleistungen erbracht. Für fünf Euro pro Handlung. Auch sie stammt aus Ostbulgarien, ist eine Roma und sucht seit ein paar Monaten in Duisburg ein besseres Leben.

Etwa 4000 Zuwanderer, die meisten Roma, so schätzt Karl-August Schwarthans, Geschäftsführer der Awo-Integrations gGmbH, sind seit 2007 aus Südosteuropa, aus Bulgarien und Rumänien, nach Duisburg gekommen. Nach Hochfeld, Laar, Meiderich, Bruckhausen und Marxloh. Dort gebe es viele von den furchtbaren „Schrott-Immobilien“, in die kein Hiesiger mehr einziehen würde, geschweige denn Miete zahlen würde. Diese werden jetzt überaus gewinnbringend mit bulgarischen Großfamilien belegt - viele sogar überbelegt.

Kein Wort Deutsch

Ihre neuen Bewohner sprechen kein einziges Wort Deutsch, nur sehr wenige können lesen oder schreiben, sie sind bettelarm, haben oft viele Kinder, und führen mit drei Euro Stundenlohn ein trübes Leben im Untergrund. Schwarthans: „Sie haben keinerlei Anspruch auf Hartz IV, allenfalls Kindergeld oder Wohngeld-Zuschuss.“

Konsequenz: Blühende Schwarzarbeit, eine legale Sklaverei der Scheinselbstständigen, dazu eine kriminelle Kinderprostitution – bislang unbehelligt, mitten in Duisburg. Oftmals, so sagt Schwarthans, seien es sogar die einheimischen Migranten, die die Neu-Migranten mit Wuchermieten und vorenthaltenen Lohnzahlungen ausbeuten. Es gibt Spannungen.

130 Zuwanderer pro Monat

Schwarthans: „Aber niemand soll bitte glauben, dass dieser Zuzug ein vorübergehendes oder gar lokales Phänomen ist, das man entweder aussitzen oder in eine Nachbarstadt abschieben könnte.“ Sie kamen, um zu bleiben.

Seit dem EU-Beitritt von Bulgarien und Rumänien im Januar 2007 schwappt eine Welle der Armut aus Südosteuropa gen Westen, auf der überaus menschlich nachvollziehbaren Suche nach einem besseren Leben.

Und vor zwei Jahren, so sagt der Awo-Experte, habe er den Oberbürgermeister der Stadt aufgefordert, zu diesem neuen Migrationsthema einen „Runden Tisch“ einzurichten. Schwarthans: „Aber erst jetzt, im Sommer 2011, beginnt man in der Stadt, sich der Situation zu stellen.“ Nach den Sommerferien wolle man ein Handlungskonzept vorlegen. Vor zwei Jahren seien es 1600 Roma stadtweit gewesen, heute leben alleine im Stadtteil Hochfeld bereits mehr als 2500 Bulgaren und stadtweit seien es weit über 4000. Jeden Monat kämen schätzungsweise 130 Zuwanderer neu hinzu. Und alle Hilfssystem, auch die der Arbeiterwohlfahrt, seien derzeit noch nicht recht darauf eingestellt. Aber das werde sich jetzt ändern.

Beratungsbüro in Sichtweite des „Bulgaren-Strichs“

Da ist der kleine Verein ZOF (Zukunfts-Orientierte Förderung e.V:), der sich im Auftrag des Jugendamtes seit einem halben Jahr um dieses Thema kümmert. Seit zwei Monaten hat ZOF auch ein Beratungsbüro in Sichtweite des „Bulgaren-Strichs“. Für Sozialarbeiter Eduard Pusic, ein Deutscher mit bosnischer Herkunft, ist diese Aufgabe „eine total neue Erfahrung. Wir haben es hier mit Armut unter Hartz-IV-Niveau zu tun. Oft muss ich erst Basisbedürfnisse befriedigen, wie Essen besorgen, sofort, heute noch, für Mutter und Kind. Unfassbar!“ Seine Aufgaben: Die Sozialarbeiter des allgemeinen Sozialen Dienstes zu den bulgarischen Familien begleiten, soziale Not und Härten abmildern, informieren, Ängste nehmen. Den regelmäßigen Schulbesuch der Kinder organisieren. Für Kinder ohne Kita im Beratungsbüro stundenweise und kostenlos ein sprachförderndes Angebot machen.

Eine Aktion, wie sie der französische Staatspräsident Nicolas Sarkozy mit Roma in Frankreich exerziert hatte und für die er EU-weit massivst gescholten wurde, wäre auch für Pusic undenkbar: Den Roma einfach 100 Euro Bargeld und ein Flugticket nach Schumer in die Hand drücken und ab mit ihnen ....

 
 

EURE FAVORITEN