Rauf Ceylan und das Leben der Migranten im Duisburg der 80er

Autor Rauf Ceylan aus Duisburg mit seinem neuen Buch.
Autor Rauf Ceylan aus Duisburg mit seinem neuen Buch.
Foto: Stephan Eickershoff / FUNKE Foto Services
Der Duisburger Autor Rauf Ceylan hat mit „Türkensiedlung“ einen lesenswerten Roman vorgelegt, der das Leben von jungen Migranten in den Fokus nimmt.

Duisburg.. Für manchen „Bio-Deutschen“ ist das Viertel eine „No-Go-Area“, für seine Bewohner aber der „Ocak“, ein Ofen – das türkische Wort für Heimat. In seinem Buch „Die Türkensiedlung“ nimmt der Duisburger Autor Rauf Ceylan seine Leser mit in das Wanheim-Angerhausen der 80er Jahre. Dort ist der inzwischen 39-Jährige aufgewachsen, in der „Zigeunersiedlung“, in der Türken, Kurden und Sinti gemeinsam lebten, lachten und sich lautstark stritten. So ist der Roman nicht nur ein lesenswertes Stück Duisburger Stadtgeschichte, sondern auch eine Kritik am Bildungssystem.

Mit dem verzweifelten Anruf der Mutter seines Jugendfreundes Alpay beginnt für Hauptfigur Ilyas eine Reise in die Vergangenheit. „Du musst ihn finden. Du warst immer sein Freund.“ Also springt der Student Ilyas ins Auto und macht sich auf den Weg zu seiner alten Clique. Auf der Fahrt erinnert er sich an die gemeinsamen Wurzeln in der „Türkensiedlung“, in der das Leben hauptsächlich auf der Straße stattfand und das Glockengeläut genauso zum Aufwachsen gehörte wie der Gebetsruf des Imam.

Themen wie Migration und Integration aktueller denn je

„Die Geschichte basiert zu einem Drittel auf Autobiografischem, zu einem Drittel auf wissenschaftlichen Erfahrungen und zu einem Drittel auf Fiktion“, erklärt Rauf Ceylan, der als Professor Dr. Dr. am Institut für Islamische Theologie der Universität Osnabrück lehrt, auch Präventionsprojekte gegen Salafismus begleitet, mit Schülern, Eltern und Lehrern arbeitet. Ohnehin sind Themen wie Migration und Integration aktueller denn je. „Man spricht immer über globale Konflikte, das ist alles sehr theoretisch“, erklärt Ceylan. „Ich wollte die menschliche Seite zeigen.“

So erfährt der Leser mehr über den Mikrokosmos: über einen muslimischen Grinch, Elvis-Sintis in Hawaii-Hemden oder die taffen Mütter der Siedlung. Dabei spielt der Autor auch mit kulturellen Klischees, die den Leser durchaus zum Schmunzeln bringen: „Türke plus Grünfläche gleich Grillen. Diese Reiz-Reaktions-Formel ist mittlerweile auf deutsche Familien übertragbar, wie viele andere türkische Konditionierungen – etwa der Impuls nach einem gewonnen Fußballspiel oder einer Hochzeit einen Autokorso zu starten.“

Kritik am Bildungssystem

Im Verlauf der Handlung geht es deutlich ernster zu. Denn Ceylan erzählt nicht nur die Geschichte eines sozialen Aufstiegs, sondern auch die des Scheiterns. Eine Kritik am Bildungssystem: Während Ilyas den Sprung auf die Realschule und schließlich zur Uni schafft, bleibt Alpay auf der Strecke. Durch seine Herkunft stigmatisiert, landet er schnell auf der Hauptschule, wo er seine Potenziale nicht entfalten kann. Wo das Bildungssystem versagt, fängt das soziale Netz der „Türkensiedlung“ die Abgehängten auf – bis es selbst in sich zusammenfällt.

Ceylan schafft es, ganz nebenbei aktuelle Fragen in das Geschehen einzuflechten: etwa, wie wichtig Kindergarten und Schule für die Integration sind, wie religiöser Fanatismus bei Jugendlichen entstehen kann und vor allem welche Schätze verborgen bleiben, wenn junge Migranten an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden.

 
 

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