Radfahrer demonstrieren mit Duisburg-Tour für bessere Verkehrsbedingungen

So viele Demonstranten zusammen zu bekommen wie hier in Budapest, ist einer Critical Mass in Duisburg bisher nicht gelungen. 30.000 Menschen versammelten sich dort im April 2009. Foto: afp
So viele Demonstranten zusammen zu bekommen wie hier in Budapest, ist einer Critical Mass in Duisburg bisher nicht gelungen. 30.000 Menschen versammelten sich dort im April 2009. Foto: afp
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„Kritische Masse“ nennen sie ihr Event: Radfahrer, die sich Samstag wieder in Duisburg treffen, um gemeinsam durch die Stadt zu touren. Wenn sie mindestens 16 Leute sind, dürfen sie nebeneinander radeln – ganz zur „Freude“ der Autofahrer.

Duisburg. Sie sagen, dass sie sich spontan zusammen finden und zufällig ein Stück des Weges gemeinsam fahren. Aber das ist natürlich nur die halbe Wahrheit. „Critical Mass“-Teilnehmer verabreden Treffpunkt und Starttermin ihrer Radtouren durch deutsche Großstädte bei Facebook und in anderen Internetforen. Und dann hoffen sie, dass sich genug Mitfahrer finden.

Mindestens 16 Menschen auf 32 Reifen müssen sie sein – dann haben sie die „kritische Masse“ erreicht und gelten laut Straßenverkehrsordnung als „Verbund“. Und in einem solchen Verbund darf man nebeneinander auf der Straße fahren – egal, ob sich dahinter die Autos stauen. Das erzeugt Aufmerksamkeit und geboren ist – zumindest nach Dafürhalten der Teilnehmer – eine „friedliche Protestform“. In deutschen Großstädten bekommt sie immer mehr Zulauf. In Duisburg soll es am Samstag die nächste Critical Mass geben.

„Wir wollen nicht provozieren, aber wir setzen uns dafür ein, dass Radfahrer wieder als gleichberechtigter Bestandteil des Straßenverkehrs wahrgenommen werden“, erklärt Albert Hölzle das Motiv dahinter. Zu oft würden unmotorisierte Verkehrsteilnehmer gegenüber Autofahrern benachteiligt. Auch in vielen Ecken Duisburgs seien die Bedingungen für Radfahrer schlecht. „Wir erobern die Straße zurück“, sagt er.

Andere Städte sind schon weiter

Hölzle ist wissenschaftlicher Mitarbeiter des Zentrums für Logistik und Verkehr an der Uni Duisburg Essen – und begeisterter Radfahrer. Als solcher hat er die Internet-Plattform „Velocityruhr.de“ ins Leben gerufen. Regelmäßig informiert er dort gemeinsam mit anderen Mitstreitern über Critical Mass-Touren im Ruhrgebiet. Er selbst ist schon oft mitgefahren, ein paar Mal auch in Duisburg, erzählt er. Hier findet sie momentan an jedem vierten Samstag im Monat statt. Nur selten hätten sie allerdings mehr als 15 Radler zusammentrommeln können. Auch in früheren Jahren seien schon Versuche gescheitert, den Fahrradprotest zur festen Größe in Duisburg werden zu lassen.

„Duisburg tut sich schwer, Critical Masses zu etablieren“, findet auch Lars Sözüer. Er wohnt in der Stadt, ist schon oft zu den per Facebook verabredeten Treffpunkten gekommen. „Es funktioniert noch nicht so gut, dass Teilnehmer sämtliche Freunde einladen, die wiederum anderen Bescheid sagen und so weiter.“ Das Netzwerk, so erklärt der 42-Jährige, müsse sich erst festigen.

Andere Städte sind, was das angeht, schon wesentlich weiter. Im Video-Portal youtube gibt es einen Clip zu sehen, den ein Teilnehmer während der Critical Mass am 9. Juli in Dortmund gedreht hat. Hunderte Radfahrer zeigt das Filmchen dabei, wie sie den dreispurigen Innenstadtwall einnehmen und fröhlich dauerklingelnd gemütlich nebeneinander her fahren. Die Autos hinter ihnen haben keine Chance. Sie müssen warten, bis der Trupp der Fahrradaktivisten davon gezogen ist.

Studenten und Grünen-Wähler

Oft seien viele junge Leute dabei, meist Studenten, erzählt der 42-jährige Sözüer. Aber auch ältere Pärchen sind unter den Protest-Radlern sowie Mittfünfziger, die allein zu den Treffpunkten kommen und „Atomkraft, nein Danke!“-Sticker auf ihren Schutzblechen kleben haben. Vermutlich wählten viele Teilnehmer Grün, sagt der Duisburger. Aber das müsse nicht sein.

Vor allem eines hätten sie alle gemeinsam, glaubt Sözüer: ihre Leidenschaft, das Fahrradfahren. Auch ihm ist es wichtig, Aufmerksamkeit für die Belange von Radfahrern im Straßenverkehr zu bekommen. Den Kaßlerfelder Kreisel beispielsweise findet er auf zwei Rädern „besonders unangenehm“. Vor allem aber kommt der Duisburger zu den Touren, um Leute zu treffen und sich mit anderen „Rad-Freaks“ auszutauschen. Bei den etablierten Critical Mass-Ausflügen in Dortmund sind regelmäßig sehr teure, bestens ausgestattete Räder zu bewundern. Nicht alle Design- und Trendbikes entsprechen allerdings der Straßenverkehrsordnung.

Kein Polizei-bekanntes Phänomen

Das hatte in Dortmund schon einmal für Ärger gesorgt, als eine Critical Mass unter Polizeibeobachtung stattfand, weil sie so viele Teilnehmer hatte. Dort hätten die Beamten einige Fahrer aus der Gruppe gezogen, weil ihre Räder beispielsweise nicht die vorgeschriebenen Lichter hätten vorweisen können, berichtet Albert Hölzle. Seiner Kenntnis nach die erste „weniger positive Auseinandersetzung“ mit den Ordnungshütern.

Der Duisburger Polizei sind Critical Masses als Phänomen bisher nicht bekannt. „Wenn sie gut sichtbar als Verbund fahren, ist das für uns generell kein Problem“, sagt Behördensprecher Ramon van der Maat. Er gehe nicht davon aus, dass der Radausflug am Samstag polizeilicher Präsenz bedürfe. Um 15 Uhr treffen sich die Protestradler auf dem Bahnhofsvorplatz.

 
 

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