Projekt kümmert sich um Schulverweigerer

Das Problem der Schulverweigerer soll intensiver angegangen werden.
Das Problem der Schulverweigerer soll intensiver angegangen werden.
Foto: dpa

Duisburg.. Binnen vier Jahren soll in Duisburg ein System etabliert werden, dass Schulverweigerern effektiver hilft: Schulamt, Ordnungsamt, Jugendamt und die jeweilige Schule können dann ihr Vorgehen nachhaltig koordinieren. Dafür investieren die Haniel- und die Welker-Stiftung jeweils mehrere hunderttausend Euro.

Sie fließen zunächst in anderthalb Stellen des Instituts Apeiros aus Wuppertal, das den neuen Ansatz entwickelt hat und hier implementieren will. Sie fließen außerdem in Schulungsräume in Ruhrort - vermutlich die ehemalige niederländische Kirche in Ruhrort. Mit eingebunden sind auch die von Haniel gesponserten Projekte Chancenwerk und Teach First, durch die an den Schulen weitere Ansprechpartner vor Ort sind. Und sie fließen in eine Wirkungsstudie des „Centrums für soziale Investitionen und Innovationen“ in Heidelberg.

Bildung ist günstiger

Denn die Idee hinter dem Projekt ist nicht nur, den Kindern zu helfen, sondern auch langfristig Geld zu sparen. Ein Heimplatz kostet über 50.000 Euro im Jahr. Die Wahrscheinlichkeit, ohne Schulabschluss sein Leben mit Transferleistungen zu fristen, liegt bei 80 Prozent. Da könnte es sich rechnen, die Kinder frühzeitig auf ein anderes Gleis zu setzen. Bildungsdezernent Thomas Krützberg hat das Projekt noch in seiner Zeit als Jugendamtsleiter angeschoben. Er ist von der Wirksamkeit überzeugt. Das ist Stefan Schwall auch. Der Geschäftsführer von Apeiros arbeitet seit zehn Jahren in Wuppertal mit Schulverweigerern. Hier konnte die Quote der Fehlzeiten um 80 Prozent gesenkt werden.

Er weiß, dass das Fehlen in der Klasse nur ein äußeres Phänomen ist, dahinter stecken unterschiedliche Ursachen, die mit der familiären Situation (z.B. Scheidung), mit dem Milieu, mit emotionaler, sozialer oder kognitiver Überforderung zusammen hängen können. Erst wenn man um die Hintergründe kennt, könnten die richtigen Hebel bewegt werden.

Jede Fehlstunde hat Konsequenz

Im neuen Schuljahr wird es zunächst mit einer Erfassung losgehen, wie groß das Problem in Duisburg wirklich ist und welche Maßnahmen die Schulen bereits ergriffen haben. Danach soll es in den Hauptschulen, der Aletta-Haniel-Gesamtschule sowie zwei weiteren Gesamtschulen konkret werden. Die Idee ist, dass jede einzelne Fehlstunde eine Konsequenz hat: Der Schüler wird darauf angesprochen, spürt die Erhöhung der sozialen Kontrolle, im zweiten Schritt werden die Eltern eingeladen, im dritten Schritt stehen Hausbesuche an. Weitere Schritte sind je nach Einzelfall und Alter das Eingreifen der Jugendhilfe, das Androhen von Bußgeldern, zur Not auch ein Rankarren durch das Ordnungsamt als Schockintervention.

Und dann gibt es noch den zentralen Schulungsraum von Apeiros, der nicht wie eine Verweigerer-Verwahrstätte aussehen soll, wie Schwall betont, sondern eher wie eine Werbeagentur. Ein Ort, der die Kinder wertschätzt. Hier sollen sie lernen, wieder regelmäßig aufzustehen, pünktlich zu sein, sitzen zu bleiben, etwas fertig zu machen - eben Schüler zu sein. Lehrer sollen durch das System entlastet werden, wieder mehr zum eigentlichen Unterrichten kommen, müssen ihr Augenmerk nicht mehr nur auf Einzelne lenken. „Wir sind keine Konkurrenz zum Lehrer“, betont Schwall. „Aber wir haben keine Bildungsverantwortung, müssen keine Noten geben und gehen keine intensive Bindung ein“, erklärt der Therapeut die Vorteile.

Noch keine präzisen Zahlen

Präzise Zahlen über die Menge der Schulverweigerer gibt es in Duisburg nicht. Es gibt ja nicht mal eine präzise Definition, ab wann jemand Schulverweigerer ist. Mit 20 unentschuldigten Fehlstunden kann ein Gymnasiast aus der Oberstufe fliegen. 40 bis 60 versäumte Stunden sind keine Seltenheit. Und dann gibt es noch die Totalverweigerer. Von denen zählte man in Duisburg vor zehn Jahren zuletzt 88 Kinder. Bundesweit geht man von drei Prozent aller Schüler aus, die 30 bis 40 % des Unterrichts verpassen.

Statistisch werden meist die Schulabbrecher erhoben, also jene, die eine weiterführende Schule ohne Abschluss verlassen. Problem der Statistik auch hier: Absolventen einer Förderschule werden mitgezählt, weil ihr Abschluss nicht als Regelabschluss gilt. 2002 haben 10,1 % aller Duisburger Schüler die Schule ohne Abschluss verlassen. Seither ist die Tendenz fallend. Im Schuljahr 2011/12 waren es 7,5 %.

EURE FAVORITEN