OB Sören Link bittet Loveparade-Opfer am zweiten Jahrestag der Katastrophe um Entschuldigung

Philipp Wahl und Marc Wolko
Duisburgs Oberbürgermeister Sören Link traf bei der Gedenkveranstaltung am zweiten Jahrestag der Loveparade den richtigen Ton. Nach seiner Rede umarmten ihn auch mehrere der Hinterbliebenen. Foto: Stephan Eickershoff
Duisburgs Oberbürgermeister Sören Link traf bei der Gedenkveranstaltung am zweiten Jahrestag der Loveparade den richtigen Ton. Nach seiner Rede umarmten ihn auch mehrere der Hinterbliebenen. Foto: Stephan Eickershoff
Am Jahrestag der Loveparade-Katastrophe gedachte Duisburg der 21 Todesopfer. Etwa 2500 Menschen besuchten am Abend die Gedenkfeier in der Innenstadt. Mehrmals unterbrachen Zuhörer die Rede des neuen Oberbürgermeisters Sören Link – mit Beifall. Er entschuldigte sich bei Hinterbliebenen und Verletzten. Die Chronik des Gedenktages.

Duisburg. Am 24. Juli 2010 wurden bei einer Massenpanik am Ein- und Ausgang zum Gelände der Loveparade 21 junge Menschen tödlich verletzt. Im Live-Ticker berichteten wir aus Duisburg, wie Hinterbliebene, Verletzte und Betroffene der Todesopfer gedenken und an die Katastrophe erinnern. Die Chronik des zweiten Loveparade-Jahrestages:

21.30 Uhr: Auch viele der Hinterbliebenen suchen das Gespräch mit Sören Link und umarmen den jungen Politiker. Auf solche Worte Verantwortlicher, auf eine Entschuldigung von Herzen, hatten sie bislang vergeblich gewartet. Bereits am Nachmittag, an der Rampe, hatte sich Link zurückhaltend für persönliche Gespräche angeboten. Den Kontakt zu den Hinterbliebenen der 21 Todesopfer suchte er bereits am Tag nach seiner Wahl zum Oberbürgermeister. Der neue Verwaltungschef war es auch, der auf den Weg brachte, was die Angehörigen nach einjährigem Kampf nicht mehr zu träumen gewagt hatten: Der Stadtrat beschloss am 4. Juli, größere Abschnitte der Unglücksrampe auf dem Gelände des Möbel-Unternehmers Kurt Krieger zu erhalten und 660 statt 100 Quadratmeter für die Gedenkstätte zu reservieren.

21.26 Uhr: Gut gemacht. So kann man die Geste von Ministerpräsidentin Hannelore Kraft deuten. Nach dem Ende der Gedenkfeier umarmt sie ihren Parteifreund Sören Link lange. Bei den Duisburgern ist die Rede ihres neuen Oberbürgermeisters ebenfalls sehr gut angekommen, die Worten rührten viele Zuhörer auch zu Tränen.

21.20 Uhr: Wie bei der Gedenkfeier im Vorjahr wird zum Abschluss das Lied "Over The Rainbow" (Jenseits des Regenbogens) gesungen. Dazu stehen alle auf. Auf dem Platz werden "Remind The Love"-Sticker verteilt. Die Zuhörer bedanken sich mit langem Applaus bei den Mitwirkenden auf der Bühne.

21.16 Uhr: Peter Burschs "All Star Band" spielt den Beatles-Hit "With a little help from my friends" und Michael Jacksons "Earth Song". Damit endet der musikalische Teil der Gedenkfeier. Moderatorin Lilli Vujnic lädt die Duisburger zu einem Abend der Begegnung ein, "um gemeinsam zu reden, zu schweigen oder einfach für den anderen da zu sein". Mit einer Rezitation nach Hanns-Dieter Hüsch und einem gemeinsamen Anschlusslied endet der offizielle Teil des Gedenktages gleich.

Stadt wird als Symbol für den Neuanfang 21 Magnolien pflanzen

21.15 Uhr: Die Polizei korrigiert noch einmal ihre Schätzung der Besucherzahl. Demnach sollen 2500 Menschen zum Stadttheater gekommen sein.

21.10 Uhr: Nun wolle auch er ein "kleines Zeichen", ein Symbol für einen Neuanfang und ein neues Miteinander setzen: "Unsere Stadt wird mit den Angehörigen 21 Magnolien pflanzen, eine Magnolie für jeden jungen Menschen, der bei der Loveparade sein Leben ließ. Sie sollen vor dem Bahnhof, im Herzen unserer Stadt, wachsen und blühen."

21.05 Uhr: Links Rede geht scheinbar vielen Zuhörern zu Herzen. Er erhält für seine Worte mehrmals bestätigenden Applaus.

21.04 Uhr: Er wolle "Vertrauen zurückgewinnen" und "Gräben zuschütten" und "allen die Hand reichen, die unter den Folgen der Loveparade leiden" und auch den Einsatz der Sanitäter, Seelsorger, Polizisten und Feuerwehrleute würdigen. Link: "Ich will dies alles nicht nur tun, weil es zu meinem neuen Amt gehört. Ich will dies tun, weil es mir ein echtes Herzensanliegen ist." Er könne dies, weil die Duisburger "Verantwortung gefordert, dann übernommen und schließlich durchgesetzt haben. Meine Stadt hat damit ein stolzes Zeichen gesetzt."

21 Uhr: Link: "Liebe Angehörige, liebe Betroffene, ich bitte um Entschuldigung." Er wiederholt den Satz in Englisch, Spanisch, Niederländisch und Chinesisch.

Und erhält erneut Beifall, als er verspricht, Konsequenzen zu ziehen: "Dazu gehört, auf einen offenen Dialog zu setzen und Transparenz zu schaffen, wenn große Pläne gemacht werden. Dazu gehört, die Menschen in den Mittelpunkt zu rücken. Und nicht falschen Ehrgeiz und große Ambitionen." Er wolle alles tun, um die Aufarbeitung der Duisburger Loveparade voranzubringen – "rückhaltlos und trasparent. Ich stehe heute hier, um das für meine Stadt zu versprechen."

Sören Link: "Eine zweite Tragödie begann am Tag nach der Loveparade"

20.59 Uhr: Link fährt fort: "Die Loveparade 2010 war eine einzigartige Tragödie. Aber eine zweite Tragödie begann am Tag danach: Eine quälend lange Zeit der Sprachlosigkeit. Das, meine Damen und Herren, war nicht mein Duisburg. Dafür habe ich mich geschämt. Deshalb sage ich heute als neuer Oberbürgermeister der Stadt Duisburg Folgendes:

Ich bitte um Entschuldigung für das unfassbare Leid, das in dieser Stadt geschehen ist und für immer mit ihr verbunden sein wird. Ich bitte um Entschuldigung bei allen, die ihr Liebstes verloren haben und denen dieser Tag so tiefes Leid und so große Schmerzen zugefügt hat. Ich bitte um Entschuldigung für die lange Zeit, in der neues Leid dazu kam, weil die politische Verantwortung nicht übernommen wurde. Und ich bitte um Entschuldigung dafür, dass Einzelne so lange nicht vermocht haben, auf Sie zuzugehen, und nicht die Kraft fanden, Ihnen gegenüber angemessene Worte der Entschuldigung zu finden."

Applaus.

20.56 Uhr: Link sagt, es falle ihm schwer, "angemessene Worte der Entschuldigung" zu finden. Kurzer Applaus. Links Begrüßung: "Heute scheint die Sonne. Dieselbe Sonne, die auch vor zwei Jahren auf Duisburg schien. Und doch ist die Sonne für viele verblichen. Die Welt ist nicht mehr die gleiche. Vor allem gilt das für die, die vor zwei Jahren hier in Duisburg einen geliebten Menschen verloren haben. Es erfüllt mich Demut, dass Sie trotz allen Leids den Weg nach Duisburg finden. Ich begrüße Sie in ganz besonderer Verbundenheit und mit dem Ausdruck meines tiefen Respekts."

20.55 Uhr: Duisburgs neuer Oberbürgermeister betritt die Bühne.

20.50 Uhr: Gänsehaut und Tränen in den Augen vieler Zuhörer als Streicher die ersten Töne von Leonard Cohens "Hallelujah" spielen, das einst auch Jeff Buckley coverte. Anja Lerch, Moritz Steckenstein und Conny Asare (Gitarre) stimmen ein.

20.45 Uhr: Die Künstler verlassen die Bühne. Es ist mucksmäuschenstill auf dem Platz. Auf der Bühne brennt eine Kerze. Nun werden die Namen der 21 Todesopfer verlesen.

Marta
Benedict-Emanuel
Kevin
Marina
Anna
Elmar
Jian Liu
Fabian
Vanessa
Giulia
Eike
Christian
Svenja
Clancie
Marie
Fenja
Dennis
Kathinka
Derk
Lidia
Clara

Zu ihren Lieblingssongs erscheinen auf der Leinwand neben der Bühne Bilder aus den Heimatstädten der Opfer. Es erklingen "Stairway to heaven", "Waving flag", Rocksongs, Pophits und Beatmusik.

20.40 Uhr: "Quiero protegerte" – "Ich wollte Dich bewahren" heißt der Song für Clara und Marta, die beiden Spanierinnen, die bei der Massenpanik ums Leben kamen. Die Bühne ist mit Blumen geschmückt; mit Vergissmeinnicht.

20.30 Uhr: Mit Liedern in den Sprachen der Todesopfer – es erklingen spanische, italienische und niederländische Texte – wird nun an die Toten erinnert. Auf der Bühne stehen auch Angehörige der Toten, die zur Musik der "Marxloh Flowerz" und von Anja Lerch kurze Texte rezitieren.

"Das größte Nachkriegsunglück in Duisburg"

20.22 Uhr: Jürgen Hagemann, der Vorsitzende des Vereins Loveparade Selbsthilfe, spricht: "Wir wollen die Erinnerungen wach halten an die jungen Menschen, die gestorben sind, an das Leid der Verletzten, an die Retter, an diese Stadt, die in ihren Grundfesten erschüttert wurde." Hagemann, dessen Tochter vor zwei Jahren schwer verletzt und traumatisiert wurde, nennt die Duisburger Loveparade "das größte Nachkriegsunglück in Duisburg".

20.11 Uhr: Auf der Leinwand sieht man nun etliche Menschen über den Boden des Loveparade-Geländes rund um den Güterbahnhofs laufen. Es sind idyllische Aufnahmen bei strahlendem Sonnenschein. Zurückhaltender Applaus nach dem ersten Musikstück. Zur Gedenkfeier sind auch die Freiwilligen Feuerwehrleute des Löschzuges Homberg gekommen. Sie waren am 24. Juli 2010 eigentlich nur eingesetzt, um den Brandschutz zu gewährleisten. Als die Situation eskalierte, waren sie auf einmal mitten im Geschehen. Deshalb sind sie hier nun auch als Betroffene.

20.08 Uhr: Mit den Glockenschlägen verstummen die Menschen auf dem Platz. Nur ein Funkgerät der Sicherheitskräfte stört mit einem Krächzen die Stille.

20.06 Uhr: So berichtet unser Kollege Thomas Richter über den Tag im Tunnel und auf der Rampe. Er hat auch mit Anwohnern über die Katastrophe gesprochen. Ein Anwohner sagt: „Irgendwie fühlt man sich mitschuldig.“

20.04 Uhr: Die Gedenkfeier läuft.

20 Uhr: Mit 21 Glockenschlägen und Pink Floyds "Wish you were" wird die Gedenkfeier nun gleich beginnen. Die Stadt schätzt die Zahl der Teilnehmer nun auf etwa 1500. Denn in den Cafés und auf der Wiese am Platz sitzen viele Bürger, die die Feier verfolgen. Neben der Bühne ist ein großer Bildschirm aufgebaut.

19.55 Uhr: Mit besonderer Spannung wird die Rede des neuen Oberbürgermeisters Sören Link erwartet. Er sagt: „Das ist eine der wichtigsten, wenn nicht die wichtigste Rede meines politischen Lebens." Die verheerende Außenwirkung seines Vorgängers Adolf Sauerland ist nicht vergessen.

"Team der Loveparade" bedauert "Leid, das den Menschen widerfahren ist"

19.50 Uhr: Auf dem König-Heinrich-Platz vor dem Stadttheater haben sich mittlerweile geschätzte 350 Menschen versammelt. Per Lautsprecherdurchsage bitten die Veranstalter die Fotografen darum, nur die Hinterbliebenen und Verletzten auf der Bühne frontal zu fotografieren.

19.40 Uhr: Es sieht so aus, als ob die Duisburger von der Gedenkfeier in der Mitte ihrer Stadt nicht viel Notiz nehmen. Vor der Bühne am Theater haben sich vor allem die Lokalprominenz und viel Presse versammelt. Sie sitzen gemeinsam mit den Hinterbliebenen und Verletzten in einem abgetrennten Bereich direkt vor der Bühne.

19.15 Uhr: Diese Anzeige ließ "Das Team der Loveparade" heute in Duisburger Zeitungen abdrucken: "All unsere Gedanken sind am Jahrestag der Loveparade in besonderer Weise bei den Opfern und Verletzten der Tragödie vom 24. Juli 2010 sowie bei deren Familien und Freunden. Wir bedauern aus tiefstem Herzen das Leid, das den Menschen widerfahren ist. Hätte es die Loveparade nicht gegeben, würden die Menschen noch leben."

18.55 Uhr: Die Teilnehmer des Gedenkmarsches sind nun am Stadttheater angekommen. In gut einer Stunde wird dort die Gedenkfeier beginnen. An dieser wirken die Musiker der Duisburger Philharmoniker und der städtischen Musik- und Kunstschule, das Junge Ensemble Ruhr, Anja Lerch und Moritz Steckenstein, das Ensemble Rodrigo Tobar, Angelo Gregorio Band und Peter Burschs All Star Band mit. Das Team des Medienbunkers Duisburg-Marxloh hat die bildliche Gestaltung des Abends übernommen.

18.53 Uhr: Auch wenn es weniger Menschen geworden sind, die heute um die Opfer der Loveparade trauern, spürt man am Unglücksort die tiefe Betroffenheit und Trauer der Betroffenen und Bürger. Diese Erfahrungen haben unsere Video-Kollegen bei ihrem Dreh gemacht. Das Ergebnis gibt es hier zu sehen.

18.45 Uhr: "Wo war Gott an diesem Tag?" Diese Frage hat Stadtdechant Lücking nach dem Unglück vom 24. Juli 2010 noch nie gehört. Viel öfter dafür Fragen, wie menschliches Verhalten oder solche Fehlplanungen zu dieser Katastrophe führen konnte, blickt der Seelsorger beim Gedenkgottesdienst in der Salvatorkirche reflektierend zurück. Während er vor rund 100 Gottesdienstbesuchern die Namen und das Alter der Todesopfer vorliest, bricht dem Geistlichen die Stimme weg. Es nimmt ihr noch immer hörbar mit, dass so viele junge Menschen, die ihr Leben noch vor sich hatten, gestorben sind.

"Jetzt begreife ich langsam: Der Junge kommt nie wieder"

18.40 Uhr: Auch Klaus-Peter und Stefanie Mogendorf laufen, um zu trauern und zu mahnen. Vor zwei Jahren wurde ihr Sohn Eike im Alter von 21 Jahren tödlich verletzt. "Ohne die anderen Hinterbliebenen", sagt seine Mutte, "könnte ich einen Tag wie heute nicht bewältigen." Ihr Mann ergänzt zum Kreis der trauernden Eltern: "Wir sind fast schon eine Familie geworden." Das zweite Jahr nach der Loveparade, sagt er, sei für ihn schwieriger als das erste gewesen, das er noch "wie unter einer Glocke" erlebt habe: "Aber jetzt begreife ich langsam: Der Junge kommt nicht wieder."

Auch im Auftrag der anderen, im Ausland lebenden Eltern haben sich die Mogendorfs seit April 2011 für den Erhalt des Ortes eingesetzt, an dem ihr Sohn sein Leben verlor: "Das ist der Ort, an dem wir uns von Eike verabschiedet haben." Sie überreichten damals an Stadtdirektor Greulich eine Petition, "den Ort des Leidens und der Trauer nicht zu zerstören". Mogendorf stellte eigene Pläne für eine Gedenkstätte vor und beteiligte sich an den Verhandlungen mit Grundstücksbesitzer Kurt Krieger.

Dass nach einem Ratsbeschluss nun 660 statt 100 Quadratmeter für die Gedenkstätte am Ort der Katastrophe reserviert sind, macht die trauernden Eltern "sehr zufrieden". Eine solche Wende, gesteht Klaus-Peter Mogendorf, "hielt ich nicht mehr für möglich". Auch die ausländischen Angehörigen, "die Chinesen und Australier" etwa, seien nach dem Beschluss sehr erleichtert gewesen. Am dritten Jahrestag soll die Gedenkstätte fertig sein.

18.30 Uhr: Die Gruppe passiert den Hauptbahnhof. Die meisten der Passanten, so scheint es, wissen nicht, wer hier durch die Stadt zieht.

18.19 Uhr: Der Mahnmarsch zieht jetzt, bebeachtet von Anwohnern, über die Kommandantenstraße und die Koloniestraße. Auch Lothar Evers, Journalist und Mitglied bei Loveparade Selbsthilfe läuft mit. Er spricht darüber, was sich in Duisburg im vergangenen Jahr, im zweiten Jahr nach der Loveparade getan hat: "Wir stehen nicht mehr einer peinlich berührten und stummen Stadtspitze gegenüber, die Stadt hört besser zu und tut auch einiges für uns." Der neue OB Sören Link stand an der Rampe für persönliche Gespräche mit den Trauernden bereit.

18.12 Uhr: Jürgen Hagemann, Vorsitzender des Vereins Loveparade Selbsthilfe spricht ins Megafon: "Wir laufen jetzt los!" Etwa 150 Angehörige, Opfer und Duisburger gehen mit, darunter zum Beispiel Michael Rubinstein, Geschäftsführer der Jüdischen Gemeinde, die Bundestagsabgeordnete Bärbel Bas und Rainer Bischoff (MdL). An der Spitze des Trauerzuges ist auch die Polizei noch zu Fuß unterwegs.

Wie Hinterbliebene der Loveparade-Todesopfer auf der Rampe trauerten 

Etwa 150 Angehörige der Todesopfer sowie 150 Verletzte und Traumatisierte trauerten an diesem Nachmittag an der Rampe – deutlich weniger als noch im Vorjahr. 2011 fiel der Jahrestag auf einen Sonntag.

18.01 Uhr: Zwei Busse auf Sonderfahrt fahren in den Tunnel, um Hinterbliebene abzuholen, die nicht am Marsch teilnehmen. Der Start wird sich um etwa 15 Minuten verzögern.

17.57 Uhr: Bevor der Gedenkmarsch sich in Bewegung setzt, noch einmal eine kurze Rückblende auf das Geschehen am Unglückstag. Nachdem kurz nach 17 Uhr die tödliche Massenpanik ausgebrochen war, veröffentlich die Polizei die erste offizielle Meldung mit den Worten "....offenbar zehn Personen getötet." Während dieser Zeit kämpfen die Rettungskräfte, die sogar von weit her nach Duisburg beordert werden, um das Leben der jungen Menschen. Die Zahl der Todesopfer wird bis Montagabend auf 20 steigen, vier Tage nach der Loveparade erliegt Anna Isabelle Kozok aus Heiligenhaus ihren schweren Verletzungen. Die 25-Jährige ist das 21. Todesopfer der Parade.

17.45 Uhr: Kurt Heuser hat sechs Kerzen zur Rampe mitgebracht. Er formiert sie auf dem Kopfsteinpflaster, zündet die Dochte an und blickt schweigend zu Boden – ein Ritual, das dem 68-jährigen Neudorfer wichtig ist. Und er zählt zu jenen Anwohnern, die das Geschehene nicht vergessen können, weil der Unglücksort ein Teil ihres unmittelbaren Lebensumfeldes war und ist. Deshalb kommt Heuser regelmäßig hierher, betrachtet das auch als Geste des Respekts gegenüber jenen Hinterblieben, die hier einen geliebten Angehörigen verloren haben. "Denn irgendwie", sagt Heuser und hält inne, "irgendwie fühlt man sich mitschuldig".

17.30 Uhr: Moderieren wird die Gedenkfeier am Abend Lilli Vujnic, die bei dem Unglück am 24. Juli 2010 selbst verletzt wurde. Als Opfer sieht die junge Frau aus dem Münsterland sich dennoch nicht. Gemeinsam mit Jürgen Hagemann gründete Lilli den Verein Massenpanik Selbsthilfe, aus dem Ende 2011 der Verein Loveparade Selbsthilfe hervorging.

17.10 Uhr: Während in der Salvatorkirche gerade der Gedenkgottesdienst für die Opfer, Verletzten und Helfer begonnen hat, laufen auf dem Opernplatz die Vorbereitungen für die zentrale Gedenkfeier. Seit dem frühen Nachmittag proben die Musiker, die dort auftreten werden. Punkt 17 Uhr, zu dieser Zeit geschah das Unglück am alten Güterbahnhof, wurden diese Proben aus Pietätsgründen unterbrochen.

Die 21 Todesopfer der Duisburger Loveparade

17.05 Uhr: Vor dem Tunnel steht für die Veranstalter des Vereins Loveparade Selbsthilfe Dagmar Zimmermann, eine engagierte Duisburgerin. Auch sie sorgte sich damals um ihren Sohn, der die Loveparade besuchte. Später sammelte sie bei Wind und Wetter Unterschriften für die Abwahl Adolf Sauerlands. Zuletzt freute sie sich darüber, dass die Gedenkstätte viel größer als zunächst befürchtet wird. Bei der Betreuung der Augenzeugen sei aber noch viel zu tun. Noch immer meldeten sich Traumatisierte, die bislang keine professionelle Hilfe in Anspruch genommen haben: "Eben weinte hier ein junges Mädchen bitterlich, weil ihr bester Freund hier ums Leben kam." Der Selbsthilfe-Verein wird ihr nun einen Therapeuten empfehlen.

17.00 Uhr: In Duisburg läuten die Kirchenglocken. Über dem Ort der Loveparade-Katastrophe schlägt eine Glocke hell und langsam 21 Mal. Um diese Menschen wird heute getrauert:

Marta Acosta-Mendoza aus Spanien, 21 Jahre
Benedict-Emanuel Becks, 21 Jahre
Kevin Böttcher, 18 Jahre
Marina Heuving, 21 Jahre
Anna Isabelle Kozok, 25 Jahre
Elmar Laubenheimer, 38 Jahre
Jian Liu aus China, 39 Jahre
Fabian Lorenz, 18 Jahre
Vanessa Massaad, 21 Jahre
Giulia Minola aus Italien, 21 Jahre
Eike Marius Mogendorf, 21 Jahre
Christian Müller, 25 Jahre
Svenja Reißaus, 22 Jahre
Clancie Elizabeth Ridley aus Australien, 21 Jahre
Marie Anjelina Sablatnig, 19 Jahre
Fenja Siebenlist, 23 Jahre
Dennis Stobbe, 18 Jahre
Kathinka Agnes Tairi, 19 Jahre
Derk Jan Willem van Helsdingen, 22 Jahre
Lidia Zafirovski, 21 Jahre
Clara Zapater-Caminal aus Spanien, 22 Jahre

16.55 Uhr: Vor zwei Jahren, als die Sonne an jenem Samstag, 24. Juli, noch hoch über der Rampe stand, drängelten sich um diese Zeit Zehntausende im Tunnel und auf der Rampe, die zum Festival-Gelände hinauf führte. Oben bei den Floats angekommen, blieben die meisten Besucher stehen. In der Gegenrichtung wollten viele Raver das Techno-Spektakel bereits wieder über die Rampe verlassen. Tausende strömten über beide Eingäng des Tunnels hin zur Rampe, es kam zur Massenpanik, die wenig später 21 jungen Menschen das Leben kostete.

16.45 Uhr: Drei voll besetzte Linienbusse passieren die Tunneleinfahrt in Neudorf. Zu Fuß folgen Duisburgs neuer Oberbürgermeister Sören Link und seine Lebensgefährtin Sonja Bartsch.

16.32 Uhr: Die Busse mit den Hinterbliebenen der 21 Todesopfer sind gerade vom Duisburger Hof in Richtung Gedenkstätte losgefahren. Auf dem Opernplatz bauen derweil Helfer von Loveparade-Selbsthilfe Stühle für die offizielle Gedenkfeier auf. Der Platz wird allerdings erst um 18 Uhr für den Verkehr gesperrt.

16.30 Uhr: Um diese Uhrzeit hatte sich vor genau zwei Jahren die Situation am Karl-Lehr-Tunnel extrem zugespitzt. Um 16.30 Uhr wurde der Duisburger Hauptbahnhof gesperrt, vor dem Gelände herrschte "Besucherstau".

"Wir hatten 100.000 Schutzengel, diese Armen keine"

16.25 Uhr: Der Tunnel an der Karl-Lehr-Straße wird gegen 18 Uhr wieder für den Verkehr freigegeben. Um diese Uhrzeit beginnt auch der Gedenkmarsch, der von der Rampe über die sogenannte Loveparade-Ostroute, also durch Neudorf in die Innenstadt führt.

16.20 Uhr: Am Loveparade-Mahnmal vor dem abgesperrten Tunnel stehen wie angewachsen auch Dirk Lekys und seine Mutter Anke Pollet. Die beiden sind extra aus Hagen angereist. Das sei seine Pflicht, sagt Lekys. Er besuchte die Loveparade mit seinem damals 18-jährigen Sohn und zählte zu den ersten Besuchern auf dem Festival-Gelände. Dort erfuhr er auch via SMS von der Katastrophe. Seine Mutter aber wusste wie Zehntausende Mütter und Väter nicht, ob es ihrem Kind gut geht.

Ihr kommen noch heute immer dann die Tränen, wenn sie von der Duisburger Loveparade liest oder darüber spricht. So auch jetzt. "Das ist so grausam, dass wir 100.000 Schutzengel hatten und diese Armen keine", sagt sie und zeigt auf die Tafel mit den Namen der 21 Todesopfer.

16.10 Uhr: Spätestens zum dritten Jahrestag am 24. Juli 2013 soll die Loveparade-Gedenkstätte an der Rampe dann fertig sein. Eine Tür wird dann für Schallschutz sorgen, der Blick zum Himmel, zur Treppe und der Durchgang nach oben auf das Gelände soll offen sein.

16.00 Uhr: Noch vier Monate zuvor hatte Kurz Krieger, der auf dem Gelände ein Möbelhaus bauen wird, die Gespräche mit dem Arbeitskreis Gedenken für gescheitert erklärt. Erst kurz vor der OB-Stichwahl hatte es wieder Gespräche mit dem Kandidaten Sören Link, dem Baudezernat und den Vertretern der Hinterbliebenen und Verletzten gegeben.

15.50 Uhr: Nun werden nur noch Betroffene des Unglücks zur provisorischen Gedenkstätte an der Rampe durchgelassen. Nachdem über lange Zeit viel gestritten wurde, wie groß die Gedenkstätte werden und wie diese aussehen soll, beschloss der Stadtrat Anfang Juli, 660 statt der zunächst geplanten 100 Quadratmeter Fläche für den Gedenkort zu reservieren.

15.40 Uhr: Immer wieder zerschneiden Geräusche von Motorsägen und Zügen die Stille im Tunnel und auf der Rampe. Dazu dröhnen Warnsignale vom Bahngelände herüber zur Gedenkstätte. Die Kontrolleure an den beiden Tunnel-Eingängen weisen mehr Fernsehjournalisten ab als sie Trauernenden Einlass gewähren.

15.30 Uhr: Auch wenn an diesem Tag die Trauer überwiegt, stellt sich für viele Hinterbliebene und Verletzte die Frage, wann es endlich mit der juristischen Aufarbeitung der Loveparade-Katastrophe weiter geht. Eigentlich wollte die Staatsanwaltschaft das Verfahren gegen die derzeit 17 Beschuldigten noch vor dem zweiten Jahrestag abgeschlossen haben. Dieser Termin ließ sich aber nicht halten, da die Ermittler weiter auf das Gutachten des englischen Forschers Keith Still warten. Vergangene Woche dementierte die Justiz noch Medienberichte, wonach die Ermittlungen abgeschlossen seien.

15.20 Uhr: Am Tunneleingang in Neudorf macht der Sicherheitsdienst nun Platz für drei Busse, die Verletzte und Traumatisierte an den Ort der Katastrophe bringen. In den Bussen sitzen um die 50 Menschen.

15:10 Uhr Angelika Köhler führt nun für die Veranstalter vom Verein Loveparade Selbsthilfe Regie. Die Duisburgerin ist die einzige hauptamtliche Mitarbeiterin des Selbsthilfevereins und hat den Gedenktag organisiert. Bis 17 Uhr, erklärt sie, haben nun die Verletzten und Traumatisierten Zeit und geschützten Raum am damaligen Unglücksort. Ab 17 Uhr bringen dann Busse der DVG Angehörige der Todesopfer zur Rampe. Kühler schätzt, dass bis 18 Uhr 300 Opfer zur provisorischen Gedenkstätte kommen.

15.05 Uhr: Im Tunnel stehen ein Mannschaftswagen der Polizei und fünf Wagen der Rettungsdienste. Die Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes bitten nun die Journalisten und einige andere Besucher, die Rampe und den Tunnel zu verlassen. 15 Betroffene, die bei der Loveparade verletzt und/oder traumatisiert wurden, und einige Notfallseelsorger dürfen bleiben. Eine Frau raucht, auf dem Bordstein der Karl-Lehr-Straße sitzend. Ihr Blick geht hinauf zum alten Güterbahnhof. Tränen kullern über ihre Wange, sie lässt sie laufen.

Verletzte des Loveparade-Unglücks kämpfen mit Folgen der Massenpanik 

15.00 Uhr: Anna steht mit Manfred Bauknecht auf der Rampe. Der 29-Jährige aus Heidelberg suchte als User pizzamanne mit seinen Youtube-Videos aus dem tödlichem Gedränge nach der Katastrophe nach dem Mädchen, dem er möglicherweise das Leben gerettet hatte. Er berichtet damals im Fernsehen – unter anderem sogar bei Günther Jauch – von seinen dramatischen Erlebnissen direkt vor der Treppe. Dort starben die meisten der 21 Todesopfer. Bauknecht wirkt tief traurig, ist sprachlos.

Das Mädchen, das am 24. Juli, neben ihm unter der Menschenmasse begraben war, überlebte. Er hatte es bereits 2010 gefunden. Heute hat er keinen Kontakt mehr zu ihr. Warum er wie damals heute einfach losgefahren ist nach Duisburg? "Ich weiß es nicht, da ist dieser Schmerz..." Zuhause in Heidelberg, da könne er mit niemandem über die Loveparade reden. Und trotzdem: "Es geht mir gut." Vor kurzem hat er sein Examen als Lehramtsstudent gemacht.

14.55 Uhr: An den Tunnelwänden hat ein Graffiti-Künstler mehr Tanzende aufgesprüht als derzeit Besucher am Ort der Katastrophe sind. Auf der Rampe stehen 50 Menschen, darunter etliche Journalisten und Seelsorger. Die Menschen vor der provisorischen Gedenkstätte stehen wie versteinert da, einige haben Tränen in den Augen. Um sie herum tapst der anderthalb Jahre alte Emil. Dort, wo es vor zwei Jahren zu diesem Zeitpunkt schon eng wurde. Seine Oma Birgit Wullenhord hat ein Auge auf ihren Enkel, lässt ihn aber laufen und berichtet mit Kloß im Hals von ihrem 24. Juli 2010: "Unsere Tochter Anna war hier und ich wusste nicht, ob ihr was passiert ist. Diese Ungewissheit war furchtbar."

Anna selbst ist heute 27 Jahre alt. Die Krankenschwester aus Bochum steht auf der Rampe, etwa 50 Meter entfernt von dem Punkt, von dem aus sie vor zwei Jahren mit ansahen musste, wie die Menschenmasse außer Kontrolle geriet. "Wir standen da oben auf der Rampe und unten wurden die Zäune niedergedrückt. Da hab ich zu meiner Freundin nur gesagt: 'Komm schnell weg hier'." Dass sie damals "weggelaufen" ist, wie sie selbst sagt, das macht der Intensivkrankenschwester seither schwer zu schaffen. "Vielleicht hätte ich ja helfen können."

14.46 Uhr: Während im vergangenen Jahr noch die Staatskanzlei des Landes NRW die Gedenkfeier organisierte, wollten sich in diesem Jahr die Hinterbliebenen und Verletzten in die Gestaltung und Durchführung der Gedenkfeier einbringen. So ist das gesamte, an diesem Tag geplante Programm mit ihnen gemeinsam entwickelt und gestaltet worden.

Zur Gedenkfeier vor der Oper werden 2200 Menschen erwartet

14.40 Uhr: Die Sicherheitskräfte erwarten zu der Gedenkfeier auf dem Opernplatz etwa 2200 Menschen, unter denen auch 360 geladene Gäste sind, erklärt Andreas Trepmann von der Duisburger Feuerwehr. Dort, aber auch am Tunnel Karl-Lehr-Straße sind Sanitätskräfte der Hilfsorganisationen im Einsatz, die Erste Hilfe leisten. Unterstützt werden die Sanitätsdienste selbstverständlich vom regulären Rettungsdienst der Stadt. Zusätzliches Personal sei wegen des Gedenktages aber nicht im Dienst, so Trepmann.

14.25 Uhr: Apropos Gottesdienst: Der Gedenkgottesdienst, zu dem die christilichen Kirchen Duisburgs um 17 Uhr in die Salvatorkirche einladen, ist öffentlich und kann von jedem besucht werden. Dort soll mit einer Kerzenzeremonie an die Opfer erinnert werden. Die Namen der 21 Toten werden verlesen und für jeden Verstorbenen wird eine Kerze angezündet.

14.20 Uhr: Am Mahnmal der Initiative Spendentrauermarsch brennen 18 Grablichter zwischen vier Blumensträußen. Auf der Bank vor der Skulptur des Künstlers Gerhard Losemann sitzt einsam und allein ein 42 Jahre alter Mann, "um erstmal die Ruhe und Stille hier zu haben." Der Moerser war damals auch auf der Loveparade, um zu feiern, als er dann aber später das Gelände über die Rampe verließ, "habe ich nur noch abgedeckte Leichen und Sanitäter gesehen", erzählt er leise. "Dann bin ich erstmal zusammengekracht." Den Rest des Tages habe er dann geweint.