OB Sauerland sagt, er übernehme „moralische Verantwortung“ für Loveparade

Vor der letzten Sitzung des Duisburger Rates vor dem Jahrestag der Loveparade-Tragödie hat OB Adolf Sauerland eine persönliche Erklärung abgegeben, in der er sagt, er übernehme "moralische Verantwortung" für die Ereignisse bei der Loveparade. Foto: Lars Fröhlich/WAZ FotoPool
Vor der letzten Sitzung des Duisburger Rates vor dem Jahrestag der Loveparade-Tragödie hat OB Adolf Sauerland eine persönliche Erklärung abgegeben, in der er sagt, er übernehme "moralische Verantwortung" für die Ereignisse bei der Loveparade. Foto: Lars Fröhlich/WAZ FotoPool

Duisburg. Oberbürgermeister Sauerland wollte zu seiner „moralischen Verantwortung“ im Zusammenhang mit der Loveparade-Katastrophe sprechen. Er sagte lediglich, er trage die "moralische Verantwortung für dieses Ereignis." Dann kritisierte er Presseberichte. DerWesten berichtete live aus dem Sitzungssaal im Rathaus Duisburg:

14.10 Uhr: Rathaus Duisburg: Eine knappe Stunde vor der Ratssitzung fährt Oberbürgermeister Sauerland mit dem Paternoster nach unten - ein willkommenes Motiv für die Fotografen, die in der ersten Etage vor dem Ratssaal warten.

14.22 Uhr: Vor dem Rathaus demonstrieren Verdi-Mitglieder. Nicht gegen Sauerland, wie einige vermuten, es geht um die Arbeitsbedingungen von Hauswirtschaftskräften in Kindergärten.

14.38 Uhr: Der Stadtentwicklungsausschuss des Duisburger Rates hat sich übrigens gerade einstimmig für den Erhalt des Loveparade-Unglücksortes als Gedenkstätte ausgesprochen. Es erscheint grundsätzlich denkbar, die Treppe an der Rampe als Kernstück des Erinnerungs-Ortes zu erhalten.

14.43 Uhr: Im Ratssaal warten zehn Kamerateams und 15 Fotografen auf OB Adolf Sauerland.

14.46 Uhr: Hier sind nicht nur die rund 50 Journalisten gespannt, was der Duisburger OB heute zu sagen hat. Deshalb zur Erinnerung noch einmal ein Auszug aus seiner persönlichen Erklärung, die Sauerland im August 2010 abgegeben hat: "Für mich steht fest: Ich werde mich meiner Verantwortung uneingeschränkt stellen der persönlichen wie der politischen. Beides hängt allerdings zusammen. Ich bitte um Verständnis dafür, dass ich erst Klarheit über eine etwaige tatsächliche Verantwortung der Stadtverwaltung haben muss, bevor ich die politische Verantwortung dafür übernehme."

14.51 Uhr: Wird Sauerland sich nach dem Bekanntwerden der Ermittlungsergebnisse der Staatsanwaltschaft vor seine Mitarbeiter stellen?

14.54 Uhr: Die Fernseh-Teams und Fotografen haben sich direkt vor dem Pult des OB aufgebaut. Jetzt betritt der OB den Saal.

14.58 Uhr: Alle nehmen wieder Platz, Sauerland sitzt stumm vor seinem Mikro, neben ihm nimmt Stadtdirektor Peter Greulich Platz.

15.03 Uhr: Die Türen werden geschlossen. Vor Eintritt in die Tagesordnung sollen sich alle Anwesenden erheben. Sauerland beginnt, mit zittriger Stimme: "Dies ist die letzte Sitzung vor dem Jahrestag der Loveparade. 21 junge Menschen fanden den Tod in einer beipiellosen Tragödie. Ungezählte wurden verletzt und leiden zum Teil noch heute unter den Folgen",sagt Sauerland. Auch noch nach einem Jahr schmerze die Erinnerung sehr, die Wunden seien noch längst nicht verheilt.

15.04 Uhr: Nach einem Jahr schmerze die Erinnerung sehr, die Wunden seien noch längst nicht verheilt. Dann die Erklärung, auf die sicherlich alle gewartet haben: "Als Oberbürgermeister dieser Stadt trage ich die moralische Verantwortung für dieses Ereignis. Es ist mir ein persönliches Bedürfnis, mich an dieser Stelle bei allen Hinterbliebenen und Geschädigten zu entschuldigen."

15.05 Uhr: Länger als die eigentliche Entschuldigung dauern dann seine Dankesworte: "Ich danke allen, die im Jahr nach der Loveparade-Tragödie Opfer und Angehörige begleitet und Betroffene gestärkt haben. Ich danke allen, die als Polizeibeamte oder in Ordnungs-, Sicherheits, und Hilfsdiensten ihr Bestes gegeben haben und das Erlebte nicht vergessen können. Ich danke allen, die sich für einen würdigen Umgang mit der Erinnerung engagieren und allen, die das Geschehene verstehen wollen und Gerechtigkeit suchen. Ich danke allen, die mithelfen, dass unsere Stadt wieder nach vorne blicken kann."

15.06 Uhr: Mit den Worten "Duisburg verneigt sich in Trauer vor den 21 jungen Menschen, die vor einem Jahr ihr Leben verloren haben", beendet Oberbürgermeister Sauerland seine Erklärung.

15.07 Uhr: Trauerminute für Horst Conrady, den Geschäftsführer der CDU-Fraktion, der am 18. Juni gestorben ist.

15.08 Uhr: Das war's. Sauerland-Sprecher Josip Sosic verteilt die Erklärung, die der Oberbürgermeister gerade gehalten hat. Außerhalb der Tagesordnung äußert sich der OB zur aktuellen Berichterstattung und geht noch einmal auf die heutige Berichterstattung ein.

15.12 Uhr: Die nun bekannt gewordenen Ermittlungsergebnisse seien schon im Mai Gegenstand in den Medien gewesen. Er kritisiert, dass nun die Namen einzelner Mitarbeiter der Stadtverwaltung genannt wurden. Nach wie vor gelte die Unschuldsvermutung für alle Beschuldigten: "Ich stelle mich an dieser Stelle ausdrücklich vor die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Stadtverwaltung. Und nach wie vor gilt auch: Die heute wieder zitierten ersten Ermittlungserkenntnisse der Staatsanwaltschaft nehmen keine gerichtliche Bewertung vorweg."

15.15 Uhr: Der Rat geht jetzt zur Tagesordnung über, ein Großteil der Medienvertreter, die nur für die Erklärung gekommen waren, verlässt den Saal.

15.17 Uhr: Eine Reporterin mit ihrem Kamera-Team im Rücken spricht aus, was viele Journalisten denken: "Nach der Nummer komme ich mir jetzt ein bisschen doof vor."

15.27 Uhr: Reaktionen auf diese Worte, sei es von den Mitgliedern des Rates oder von der Zuschauer-Tribüne, gab es übrigens keine. Adolf Sauerlands Erklärung im Wortlaut finden Sie nun im Artikel "OB Adolf Sauerlands Erklärung im Wortlaut"

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Duisburgs OB unter Druck

Heute sind Passagen aus dem Zwischenbericht der Staatsanwaltschaft Duisburg zur Katastrophe mit 21 Toten und mehr als 500 Verletzten bekannt geworden: Danach müssen sich Mitarbeiter des Bauordnungsamtes und des Ordnungsamtes vorwerfen lassen, ihren Verpflichtungen zur Prüfung des Sicherheitskonzepts und der Einhaltung von Auflagen nicht nachgekommen zu sein.

Sauerland hatte bereits am 7. Juli, am Rande der Eröffnung der Sparkassen-Erlebniswelt im Zoo Duisburg, eine Erklärung zur Loveparade-Katastrophe und der Frage seiner Verantwortung angekündigt. Er steht zudem unter Druck, weil die Bürgerinitiative „Neuanfang für Duisburg“ auch nach seinen jüngst bekannt gewordenen Worten des Bedauerns nicht von der Forderung abrückt, Sauerland müsse zurücktreten.

15 Tage nach dem Start der Unterschriftensammlung zur Einleitung eines Abwahlverfahrens hatte die Initiative bereits mehr als 20.000 der benötigten 55.000 Unterschriften gesammelt. Bis Oktober hat „Neuanfang für Duisburg“ noch Zeit. Für die Abwahl Sauerlands müssen danach 92.000 wahlberechtigte Duisburger stimmen.

Seinen Rücktritt hatte OB Sauerland seit der Katastrophe am 24. Juli mehrmals abgelehnt. Seine Abwahl war im September 2010 nach einem Bürgerbegehren an der erforderlichen Mehrheit im Duisburger Stadtrat gescheitert.

Sauerland über politische Verantwortung

Anfang August 2010 hatte das Stadtoberhaupt ebenfalls eine Erklärung zur Verantwortungsfrage abgegeben, damals zur Ankündigung eines internen Prüfberichts der Düsseldorfer Anwaltskanzlei Heuking Kühn Lüer Wojtek, nach dem den Mitarbeitern der Stadtverwaltung keine Pflichtverstöße nachzuweisen seien. Damals sagte er:

„Ich werde mich meiner Verantwortung uneingeschränkt stellen, der persönlichen wie der politischen. Beides hängt allerdings zusammen. Ich bitte um Verständnis, dass ich erst Klarheit über eine etwaige tatsächliche Verantwortung der Stadtverwaltung haben muss, bevor ich die politische Verantwortung dafür übernehme.“

 
 

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