NRW-Landesarchiv ist Millionengrab und Prachtbau

Für das neue Archiv wird der alte RWSG - Speicher umgebaut und ein wellenförmiges Gebäude angebaut. Zur Zeit werden die explodierenden Kosten des Baus von einem Untersuchungsausschuss des Landtags untersucht.
Für das neue Archiv wird der alte RWSG - Speicher umgebaut und ein wellenförmiges Gebäude angebaut. Zur Zeit werden die explodierenden Kosten des Baus von einem Untersuchungsausschuss des Landtags untersucht.
Foto: Stephan Eickershoff / WAZ FotoPool
"Deutschlands schönstes Archiv" sollte das neue NRW-Landesarchiv in Duisburg werden. Schicke Örtlichkeit, feinste Architektur. „Koste es, was es wolle“ also? Die Kosten jedenfalls steigen und stiegen - der Prachtbau steht als Millionengrab in der Kritik.

Duisburg.. Trutzig wie eine mittelalterliche Wehr-Burg ragt der frisch gegossene Beton-Koloss aus dem alten Hafen-Speicher am Duisburger Innenhafen in den Himmel: Trotzig zeigt sich der Bauherr des neuen Landesarchivs NRW, der landeseigene Bau- und Liegenschaftsbetrieb BLB: Er zieht die Brücke hoch und lässt niemanden auf die Baustelle – die Presse schon gar nicht. Nachwehen aus der skandalträchtigen Vorgeschichte des künftigen „Gedächtnisses des Landes“ sind das wohl. Und dann geißelt der Bund der Steuerzahler in seinem jüngsten Schwarzbuch 2011 den Prachtbau auch noch als „Millionengrab“.

Kein Glück mit Küppersmühle

Duisburg hat Pech mit seinen aktuellen Großbaustellen am ansonsten boomenden Innenhafen mit seiner glitzernden Gastronomiemeile, den Firmensitzen und Edelbüros: In Sichtweite des künftigen Landesarchivs rostet der Erweiterungsbau für das Küppersmühle-Museum am Boden vor sich hin, der doch schon längst in 80 Metern Höhe auf alten Silo-Türmen schweben sollte. Am Landesarchiv, am anderen Ende des Hafenbeckens, wird immerhin gebaut. Und wie. Aber teuer.

Beide architektonischen Unikate, die doch Landmarken sein sollen, schreiben Negativ-Schlagzeilen: Hausgemachte die Küppersmühle – Museumsbaustelle wegen Pfusch am Bau und einer völlig überforderten städtischen Wohnungsbautochter auf baulichen Abwegen. Landesweite das Archiv wegen geradezu inflationärer Bausummen und Vorwürfen von Korruption bis Misswirtschaft, in deren Fokus der landeseigene BLB und dessen längst geschasster Chef Ferdinand Tiggemann stehen.

Den ersten Spatenstich machte Jürgen Rüttgers

Der „Turmbau zu Duisburg“ ist zwar umstritten, aber spektakulär. Grau-Weiß ragt der gigantische, fensterlose Betonklotz aus den Giebeldächern des einstigen Getreidespeichers hervor, an dem der damalige CDU-Ministerpräsident Jürgen Rüttgers im April 2010 den ersten Spatenstich tätigte und vollmundig „Deutschlands schönstes Archiv“ versprach. Um drei Meter am Tag wuchs der Koloss im Sommer aus dem Denkmal heraus. Mit dem Spitzdach wird der Mittelteil mächtige 78 Meter hoch sein und Duisburgs City-Silhouette prägen. Auf 160 Metern schlängelt sich daneben schwungvoll ein wellenförmiger Seitentrakt das Hafenbecken entlang. Von wegen Archive sind staubig und altbacken: Schicke Örtlichkeit, feinste Architektur soll es sein.

Anfang 2012 soll der Rohbau fertig sein. Dann wird der Klotz denkmalgerecht rot verklinkert. Ein Jahr später wird das Landesarchiv öffnen, das auf 134 Regalkilometern und in 21 Stockwerken des Turms Nordrhein-Westfalens Geschichte und Millionen Akten, Urkunden und Dokumente archivieren wird. Unter anderem auch das Original der Landesverfassung.

Kosten für den Bau stiegen und stiegen

Ob auch die Verträge und Rechnungen zum Bau des Landesarchivs dort aufbewahrt werden? Sie können vielleicht erklären, warum die Kosten von 30 auf 80, dann auf 170 Millionen stiegen und nach neuen Hiobsbotschaften aus Düsseldorf an der 200 Millionen-Marke kratzen. Zwischenzeitlich hatte die rot-grüne Landesregierung sogar vergeblich geprüft, aus dem Projekt der schwarz-gelben Vorgänger auszusteigen.

Fragen, die jetzt, wie berichtet, auch den vom Landtag eingesetzten Untersuchungsausschuss beschäftigen. Parallel dazu ermittelt die Wuppertaler Staatsanwaltschaft gegen den suspendierten BLB-Chef und andere Spitzenkräfte. Es geht um dubiose Immobiliengeschäfte, um den Verdacht der Untreue, des Betrugs, um Misswirtschaft, Korruption und Kumpanei. Das Duisburger Landesarchiv ist dabei das tiefste Finanzloch, die größte „Baustelle“, aber nicht die einzige. Ermittelt wird auch unter anderem zu den Vorgängen um das Polizeipräsidium und die Fachhochschule Köln oder Schloss Kellenberg in Jülich. Anfang 2011 hatte die Staatsanwaltschaft in 56 Objekten Unterlagen sichergestellt.

Duisburgs OB wird nicht beschuldigt

Zwischenzeitlich sah sich auch Duisburgs OB Adolf Sauerland (CDU) mit dem Verdacht konfrontiert, er habe Kölbl und Kruse nach vertraulichen Entscheidungsrunden zum Landesarchiv in der Staatskanzlei mit dem damaligen Ministerpräsidenten Rüttgers und dem Kultur-Staatssekretär Grosse-Brockhoff den entscheidenden Insider-Tipp zum Speicher-Kauf gegeben. Alle Beteiligten bestreiten dies, und Sauerland zählt auch nicht zu den Beschuldigten. Der stellvertretende Vorsitzende des Düsseldorfer Untersuchungsausschusses, Markus Töns (SPD), erklärte dennoch: „Ich gehe davon aus, dass wir auch Herrn Sauerland vorladen werden.“

 
 

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