Weltkriegserlebnisse aus erster Hand

Oliver Kühn
Gebannt und still lauschen die Gesamtschüler den Anekdoten der 89-jährigen Seniorin über die deutschen Kriegsjahre und den Wiederaufbau.
Gebannt und still lauschen die Gesamtschüler den Anekdoten der 89-jährigen Seniorin über die deutschen Kriegsjahre und den Wiederaufbau.
Foto: FUNKE Foto Services
Wilma Starke (89) hat mit Teenagern der Aletta-Haniel-Gesamtschule in Duisburg-Ruhrort über ihre Jugend und die Flucht von Oberschlesien gesprochen.

Ruhrort.  Wilma Starke ist inzwischen 89 Jahre alt, sie hat den Zweiten Weltkrieg als Kind und Jugendliche erlebt. Jetzt hat sie sich mit Teenagern der Aletta-Haniel-Gesamtschule getroffen, um über diese Zeit und ihre sechsmonatige Flucht zu sprechen. Ein Großteil der 15 Schüler ist selbst vor Krieg geflohen, wollten Armut entrinnen oder haben einen Migrationshintergrund. So ergab sich ein angeregtes Gespräch zwischen der Zeitzeugin und ihren Zuhörern.

Viele Erinnerungen an den Krieg sind in der Oberhausenerin, die inzwischen im Ruhrorter Malteserstift St. Nikolaus lebt, auch heute noch lebendig. „Ich habe mir einiges aufgeschrieben, damit ich nicht zu viel erzähle“, sagt Starke und blickt auf ihre Notizen. Zunächst schildert sie immer wieder von Bomben, von Luftschutzkellern und von den Sirenen. „Der Himmel war rot, alles brannte, wir hatten schreckliche Angst.“

Doch sie spricht auch über die Kinderlandverschickung und das Goldene Mutterkreuz ihrer Oma. Geprägt habe sie außerdem die Zeit in Oberschlesien, wo die Familie 1943 hinzog, weil der Vater dort als Steiger gebraucht wurde. Als dann aber die Sowjets Oberschlesien 1945 einzunehmen drohten, floh sie mit ihrer Mutter, Tante und den kleinen Geschwistern zurück nach Oberhausen. Der Vater war zum Volkssturm einberufen, blieb und starb vor Kriegsende.

Vom Holocaust nichts mitbekommen

Ihre Flucht sollte sechs Monate dauern. Vieles von dem, was ihr widerfahren ist, deutet sie meist nur an. „Wir wollten nur nach Oberhausen. Wir haben das geschafft, ich kann das gar nicht begreifen.“ Ebenso wenig den Holocaust, davon habe sie vor und während des Krieges nichts mitbekommen.

Schließlich entwickelt sich eine Unterhaltung zwischen Wilma Starke und den Schülern. So finden etwa Lukas Cielslak (18), seine Schwester Alicja (19) und Paulina Kozlowska (18), deren Familien vor zwei Jahren aus Polen nach Deutschland zogen, interessant, dass die Deutschen während des Krieges ebenfalls Flüchtlinge hatten. „Sie haben genau das Gleiche erlebt wie die Polen“, sagt Lukas.

Schicksale von damals und heute ähneln sich

Schnell erkennen die Jugendlichen und die Zeitzeugin, dass sich Kriegsschicksale von damals und heute ähneln und stets mit großem Leid verbunden sind. „In Syrien erleben wir jetzt gerade Krieg“, sagt Payman Seli (17), „mein Vater wurde in der Türkei von Soldaten gefangengenommen – und wir haben jetzt 2016.“ Und ihre Zwillingsschwester Jiyan Seli erklärt, warum die syrische Familie nach Deutschland gekommen ist. „Ich bin Araberin, aber ich darf nicht in ein arabisches Land gehen. Dort bin ich unerwünscht.“

Diese Erfahrung hat Wilma Starke auf ihrer Flucht damals von Oberschlesien nach Oberhausen auch gemacht. „Uns haben sie die Türe vor der Nase zugeschlagen – und wir waren ebenfalls Deutsche.“ Immerhin habe sie genug Essen erbetteln können, um nicht zu sterben. Ihren Lebensabend möchte sie nutzen, um sich oft mit jungen Menschen über Kriegserfahrungen auszutauschen, damit ihre Geschichte nicht vergessen wird.