So funktioniert Denkmalschutz

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Wie funktioniert Denkmalschutz, wann ist ein Gebäude schützenswert? Dr. Claudia Euskirchen vom Denkmalschutz der Stadt Duisburg im Interview.

Duisburg. 600 Denkmäler gibt es in der Stadt, als erstes wurde 1985 der Meidericher Bahnhof unter Schutz gestellt. Was Denkmalschutz ist, welche Gebäude schützenswert sind und warum auch Denkmalbesitzer noch Herren im eigenen Haus sind, erklärt Dr. Claudia Euskirchen im WAZ-Interview.

Warum gibt es den Denkmalschutz? Was bedeutet es, in einem Haus zu wohnen, das in die Liste der schützenswerten Gebäude aufgenommen worden ist? Diese und andere Themen erläuterte Dr. Claudia Euskirchen, Leiterin der Unteren Denkmalbehörde in Duisburg, im Gespräch mit Redakteur Gregor Herberhold.

Frau Dr. Euskirchen, was ist Denkmalschutz?

Dr. Euskirchen: Denkmalschutz ist eine gesellschaftliche Vereinbarung über den Umgang mit unserem kulturellen Erbe. In Nordrhein-Westfalen mündete diese Übereinkunft im Jahr 1980 in das Denkmalschutzgesetz NRW.

Was kann alles in die Liste aufgenommen werden?

Das Denkmalschutzgesetz spricht von Sachen. Das heißt: Es können nicht nur Gebäude geschützt werden, sondern grundsätzlich jede von Menschenhand gestaltete Anlage. Das sind zum Beispiel auch Friedhöfe und Parks.

Aber doch auch Einrichtungsgegenstände.

Ja, Inventar kann durchaus auch schützenswert sein.

Wie etwa in der alten Dahlbender-Villa an der Dr.-Hammacher-Straße 3 in Ruhrort?

Genau. In solchen anspruchsvollen Bürgerhäusern können auch Böden, Decken, Wandverkleidungen und andere fest mit dem Haus verbundene Gegenstände unter Denkmalschutz gestellt werden. Es muss sich natürlich um besondere Dinge handeln, Ausstattung, die ganz typisch für eine Epoche oder eine Gegend, beziehungsweise für einen Lebensstil sind.

Können Sie das noch etwas näher erläutern?

Haus Dahlbender ist ein typisches Beispiel für die gehobene bürgerliche Wohnkultur des ausgehenden 19. Jahrhunderts, mit repräsentativem Erdgeschoss, den schlichter ausgestatteten Privatgemächern im Obergeschoss und den einfachen Mädchenkammern im Mezzanin. Diese Hierarchie zeigt sich schon von außen an der Fassadengestaltung. Das Ungewöhnlichste „Denkmal” das ich kenne, stammt nicht aus Duisburg, sondern aus Krefeld: Dort wurden im Jahr 2008 die städtischen Insektensammlungen in die Denkmalliste eingetragen, weil sie für den Ort und die Region von großer Bedeutung sind.

Viele Menschen schätzen Baudenkmäler, weil sie Zeugnisse vergangener Tage sind. Wer aber zum Beispiel in einer Arbeitersiedlung lebt, die geschützt werden soll, der macht sich Sorgen. Weil er befürchtet, dann nicht mehr Herr im eigenen Haus zu sein.

Die Sorge ist unbegründet. Wir, die Denkmalschützer, und die Eigentümer haben doch denselben Ansatz: Beide lieben das Haus. Also müssen wir nur eine Basis finden, wie wir das, was wir mögen, so erhalten, dass beide damit leben können.

Das klingt sehr theoretisch.

Muss es aber nicht sein. Wir müssen stets Einzelfalllösungen finden. Denn ein wesentliches Ziel ist die sinnvolle Nutzung des Denkmals. Sprich: Wir müssen die Ideen und die Interessen der Eigentümer, aber auch die Wirtschaftlichkeit der Maßnahme berücksichtigen. Dürfen aber die gegebenenfalls übergeordneten Interessen der Stadt und ihrer Bürger nicht vergessen. Alles kommt in die Waagschale.

Wie geht ein Hauseigentümer am besten vor, wenn er Arbeiten an oder in seinem denkmalgeschützten Haus erledigen will?

Am besten meldet er sich so früh wie möglich. Er sollte nicht gleich einen Architekten beauftragen und mit einem Bauantrag kommen. Dann gibt es meistens kaum noch Spielraum. Dann müssen wir entscheiden – für oder gegen die Pläne. Einfacher ist es, wenn ein Eigentümer mit uns im Gespräch erörtert, was seine Ideen sind. Dann suchen wir einen Weg und finden ihn auch meistens. Wir sind ja nicht gezwungen, ein Haus immer gleich komplett unter Denkmalschutz zu stellen, inklusive seines Innenlebens. Es gibt ja auch die Möglichkeit, nur Teile zu schützen. Etwa Fassaden. Aber das muss man im Einzelfall erörtern.

Es kann aber auch sein, dass Sie, wie im Fall Parkhaus Ruhrort, zu der Ansicht kommen, dass manche Dinge eben nicht gehen. Stichwort: Kunst am Bau.

Die Fragestellung an mich lautete hier: Wie ist der Fassadenentwurf für das Parkhaus hinsichtlich seiner Wirkung auf das denkmalgeschützte Tausendfensterhaus zu bewerten? Das repräsentative, stattliche Verwaltungsgebäude der 1920er dominiert bis heute stadtbildprägend die Zufahrt nach Ruhrort. Diese qualitätsvolle städtebauliche Situation gilt es zu bewahren. „Kunst am Parkhaus” steht dem keineswegs im Wege; aber sie sollte diese besondere Örtlichkeit erkennen und respektieren.

Wenn Sie und Hauseigentümer nicht auf einen gemeinsamen Nenner kommen, wie geht es dann weiter?

Kein Weg führt an Diskurs und Auseinandersetzung vorbei sowie am Austausch von Argumenten. Als Denkmalschützer sind wir die Anwälte des Denkmals und wenn eine Maßnahme geplant oder sogar beantragt ist, die das Denkmal gravierend beeinträchtigt, kann sie auch abgelehnt werden. Im Regelfall findet sich jedoch ein gemeinsamer Weg oder Kompromiss.

Ändert sich Denkmalschutz, oder gibt es unverrückbare Kriterien, nach denen entschieden wird?

Unsere Entscheidungen sind immer Einzelfallentscheidungen. Und natürlich ändern sich die Rahmenbedingungen. Wir hätten uns vor fünfzig Jahren nicht träumen lassen, einmal Zechensiedlungen oder Hochöfen unter Schutz zu stellen. In Süddeutschland versteht man das heute noch nicht. Aber hier haben solche Dinge eben Bedeutung, sie sind typisch für die Region und damit für die Nachwelt erhaltenswert. Das betrifft zum Beispiel auch die Kirchen. Es gibt jetzt eine Reihe von Gotteshäusern, die nicht mehr als Gebetsräume benötigt werden. Da fragen wir uns in jedem Einzelfall, ob ein Abriss akzeptabel ist oder ob ein Erhalt zumutbar ist und die Kirche anderweitig genutzt werden kann.

Wer macht Vorschläge, was geschützt werden soll?

Das unabhängige Fachamt des Landschaftsverbandes hat nach einer nahezu flächendeckenden Bereisung des Stadtgebietes um 1980 die wesentlichen Denkmäler benannt. Aber die Denkmalliste wird ständig fortgeschrieben. Oftmals kommen Anträge von den Ortspolitikern, die ein schönes Haus erhalten wollen. Nicht selten sind es aber auch Hauseigentümer selbst. Aber wir werden auch selbst aktiv, wie jetzt bei den Kirchen.

Wie viele Denkmäler gibt es in Duisburg?

Sechshundert – und zusätzlich rund zwanzig denkmalgeschützte Siedlungen.

Welches war das erste Denkmal?

Der Bahnhof Duisburg-Meiderich. Er ist seit 1985 geschützt.

Wie erhält man Informationen zu den Denkmälern und wie kommt man mit Ihrer Behörde in Kontakt?

Auf der Stadt-Homepage gibt es einen Link zur Denkmalbehörde (www.duisburg.de/stadtentwicklung). Dort finden sich viele Informationen. Oder man wählt die 2 83 20 54. Das ist unsere Zentralnummer, von der aus man zu einem Fachmann weiterverbunden wird.

 
 

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