Orgelklang mit Sahnehäubchen

Hamborn.  Im ersten Stock der Hamborner Friedenskirche liegt die Orgelbank so voller ausgetauschter, alter Pfeifen, dass sich die Kirchenmusikerin Tiina Henke kaum zu ihrem Publikum umdrehen kann. „Jetzt hören sie mal einige Pfeifen einzeln“, erklärt sie ihren 30 Zuhörern und setzt eine kleine Vierkant-Holzpfeife an die Lippen. Es erklingt ein sanfter melancholischer Ton. „Die ist gut für Begleitungen, anders als diese hier“, sagt Henke und holt einen schmetternden, quäckenden Ton aus einer metallenen Zungenpfeife.

„Sie dürfen da nicht reinblasen“, sagt sie streng aber fürsorglich, „schauen sie mal wie weich das Metall ist, das ist schwer bleihaltig, da reicht es völlig wenn ich das mache.“

Es sei ja auch ganz schön allein auf ihrer Orgelempore, das hörte man die Kirchenkreiskantorin durchaus schon sagen. Verständlich, schließlich ist gute Musik ohne volle Konzentration nicht zu machen. Warum sie sich trotzdem seit 2010 schon über 30 Mal so viele Zuhörer wie möglich auf die Musiketage geladen hat?

„Ich möchte nicht, dass die Kirchenorgeln aussterben, weil sie den Menschen nichts mehr bedeuten“, sagt die Organistin. Es gibt inzwischen schon Kirchen nur mit Keyboard. Viele der riesigen Instrumente werden auch zum Kollateralschaden. Wenn die Kirche schließt, dann schweigt auch die Orgel. „Ich möchte, dass die Leute die geistliche Musik und das Instrument verstehen und neu schätzen lernen“, sagt Henke.

Sie führt ihre Zuhörerschar durch sechs Choralbearbeitungen des Passionsliedes „Oh Haupt voll Blut und Wunden“, das den Leiden Jesu Christi nachspürt. Ihre Füße laufen über die Pedale und zaubern akustisch einen schleppenden, schweren Gang zum Kreuz in den Raum. Die Orgel seufzt, aber im gleichen Stück gibt es auch zuversichtliche aufwärts strebende Motive. Hört man sie zunächst einzeln, kann sie auch der Ungeübte später im Zusammenklang leichter aufspüren und verfolgen.

Mit Pachelbel, Bach, Kittel Forchhammer und Gulbins geht die Reise durch die Epochen vom Barock bis in die Spätromantik. „Hier der sehr formbetonte Pachelbel, der zeigt uns was er kann“, erklärt Henke, „und dann der Guibins, so sparsam und so kunstvoll dabei, da kommen doch Gefühle zutage.“

Das Format kommt an, Henkes Empore ist immer gut besucht, viele Stammgäste kommen schon ein halbes Stündchen früher, um sie üben zu hören. Welches ihrer vielen privaten Instrumente würde sie retten, wenn es einen Brand gäbe? Sie überlegt. „Den Flügel“, sagt sie dann und lacht, „nein, mein Tablet, weil da alle Noten drauf sind“.

 
 

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