Mutter mit Kind flüchtet von Sofia nach Duisburg-Marxloh

Anna mit Tochter Jennifer in ihrer Marxloher Unterkunft.
Anna mit Tochter Jennifer in ihrer Marxloher Unterkunft.
Foto: Christian Balke
Sie hat eine Odyssee hinter sich: Die 37-jährige Bulgarin Anna, die mit ihrer Tochter Jennifer vor dem prügelnden Mann floh. Im Marxloh kam sie unter.

Marxloh. Wenn Pater Oliver heute in der Marxloher Kirche St. Peter die Messe zum Heiligabend feiert, wird er den Kirchenbesuchern von Anna erzählen. Von Anna und ihrem Töchterchen Jennifer, gerade zwei Monate alt.

Anfang Oktober gab es in der bulgarischen Hauptstadt Sofia den ersten Kälteeinbruch. Anna, Mutter dreier Töchter und hochschwanger, wurde vom betrunkenen Ehemann mit Schlägen in die Kälte getrieben. Alkohol solle sie besorgen. Nicht das erste Mal, dass der Trinker sie schlug. Ertragen hatte Anna seine Brutalität, seinen Egoismus, der Kinder wegen. „Du hoffst immer, dass er sich ändert. Wenn er nüchtern war, war er ein guter Mann“, sagt die 37-jährige beim Gespräch im Marxloher Petershof in gutem Englisch, „und Kinder brauchen doch einen Vater“. Dann bricht sie zum ersten Mal in Tränen aus.

Arbeitslos war ihr Mann und das Wenige, was der bulgarische Staat ihnen an Kindergeld und Sozialhilfe zukommen ließ, setzte er in Alkohol um.

An diesem kalten Oktobertag überspannt er den Bogen ein letztes Mal: „Als ich ohne Alkohol heim kam, schlug er mich so furchtbar, dass ich dachte, ich verliere das Kind.“ Als er schläft, bringt sie die vierjährige und die zehnjährige Tochter zu Fuß durch die Kälte ans andere Ende der Stadt, zur besten Freundin – die Kleine hat eine Gaumenspalte und müsste dringend operiert werden, die Zehnjährige leidet an Epilepsie.

Die Freundin ruft einen Bekannten in Deutschland an, gibt Anna Geld für eine Busfahrkarte, einen Zettel mit einer Duisburger Adresse. Der Mann hatte die Frauen schon oft eingeladen, vorgeschwärmt, welche Möglichkeiten sie in Deutschland hätten: „Arbeit, Geld, alles ist da. Ihr müsst nur kommen.“

Hochschwanger am Bahnhof

Dann gibt Anna ihren Kindern eine Ikone der Gottesmutter mit dem Versprechen, ihnen schon bald Geld zu schicken, sie bald nach Deutschland zu holen.

Zu Fuß geht die Hochschwangere nachts zum Busbahnhof und steigt in den Bus nach Deutschland. In der bayrischen Provinz, endet ihre Fahrt zwei Tage später um drei Uhr in der Frühe: „Der Fahrer sagte, dass mein Ticket nur bis dort gilt.“ Im bayrischen Dorf findet sich niemand, der Anna helfen will. Sie hat kein Geld, nichts zu essen und zu trinken und läuft 25 Kilometer weit an der Landstraße entlang in die nächste Kreisstadt.

Im Zug eingeschlafen

Im Büro der Caritas bekommt Anna eine Bahnfahrkarte Richtung Ruhrgebiet. Sie schläft im Zug ein und steigt in einem Essener Vorort aus. Wieder läuft die Schwangere zu Fuß, wieder will ihr niemand helfen. Einen ganzen Tag braucht sie, um die Wohnung des Freundes in Duisburg-Buchholz zu erreichen. Der lässt sie die Wohnung putzen: „Ich sollte mich daran gewöhnen, dass man in Deutschland arbeiten muss.“

Nach zwei Tagen in Duisburg setzen die Wehen ein. In einem Krankenhaus bringt Anna Töchterchen Jennifer zur Welt. Weil sie nicht krankenversichert ist, muss Anna die Klinik sofort verlassen. Zwei Tage nach der Niederkunft wird der Bekannte zudringlich, fordert Sex von Anna. Als sie sich weigert, wirft er sie raus.

Anna lebt tagelang auf der Straße, die kleine Jennifer in eine Wolldecke gepackt. Das Kind schreit vor Hunger, aber Anna hat keine Geld und keine Muttermilch: „Vermutlich, weil ich gestresst bin.“ In der Duisburger City spricht sie ein Ehepaar an: „Der Mann hat mich nach Marxloh zum Petershof gefahren.“

Ein Zimmerchen im Petershof

Anfang Dezember steht Anna dann da, vor der Marienstatue, die mit dem Jesuskind auf dem Arm gütig vom Portal der Kirche St. Peter blickt: „Pater Oliver hat mich hier aufgenommen“, sagt Anna, „dafür bin ich sehr dankbar.“ Sie lebt mit der kleinen Jennifer sicher und warm, aber vollkommen mittellos, in einem Zimmerchen am Petershof: „Ich würde gerne arbeiten, aber meine Tochter braucht mich jetzt“, sagt Anna, die weinen muss, wenn sie die Marienstatue im Innenhof des Kirchgeländes sieht. Erinnert sie die Mutter Gottes doch an das Versprechen, das sie ihren Töchtern gab: „Sie können es sich nicht vorstellen, wie ich mich fühle. Ich lebe nur noch, weil ich meine Kinder liebe“, sagt die 37 Jahre alte Frau.

 
 

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