Kein Abendmahl zweiter Klasse

Der Walsumer Küster und Künstler Jürgen Markert kennt sie genau, die christliche Bedeutung des Karfreitags und des Osterfestes. Die Geschichte des vermeintlichen Scheiterns vor sich selbst und die sprichwörtliche Wiederauferstehung. Markert ist trockener Alkoholiker. Und gläubiger Christ. In einem Offenen Brief an den Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland Manfred Rekowski, bittet er deshalb um eine Änderung der Kirchenordnung, die beim Abendmahl nur in Ausnahmefällen gestattet, dass Traubensaft statt Wein an die Gläubigen ausgeschenkt wird.

Sehr geehrter Herr Rekowski,

ich arbeite seit 24 Jahren als Küster der ev. Gemeinde in Walsum-Vierlinden. Im Jahre 1985 habe ich wegen meiner Alkoholerkrankung in einer Fachklinik eine Therapie gemacht und lebe seitdem abstinent – glücklich, bis auf einen Wermutstropfen: Als alkoholkranker Christ fühle ich mich beim Abendmahl diskriminiert, da ich aus dem Gemeinschaftskelch nicht trinken kann. Diese Erfahrung hat mich bitter geschmerzt, etwa bei der Konfirmation meiner Enkeltochter, beim Küstertag und jeweils zwei Mal im Jahr, wenn es mir ein wichtiges Bedürfnis ist, am Abendmahl teilzunehmen: am Karfreitag und am 1. Weihnachtstag.

Ich spreche nicht nur für mich, sondern als Leiter der Selbsthilfegruppe, die in unserem Haus tagt, auch für alle Brüder und Schwestern, die laut evangelischer Kirchenordnung als getaufte Christen zum Tisch des Herrn geladen sind. Bitte helfen Sie, den für uns unerträglichen Zustand zu beenden, ein Abendmahl „zweiter Klasse“ feiern zu müssen, bei dem wir vom Gemeinschaftskelch ausgeschlossen werden.

Konkret möchte ich Sie bitten, folgendes Anliegen in die Landessynode einzubringen: Die Kirchenordnung möge dahingehend geändert werden, dass beim Abendmahl Wein oder Saft gleichberechtigt verwendet werden dürfen, die Verwendung von Saft also nicht mehr, wie jetzt, nur im Ausnahmefall möglich ist.

Zur theologischen Begründung, dass Jesus „Wein“ eingesetzt habe, verweise ich auf die Stelle Lukas, „Er nahm den Kelch mit der Frucht der Rebe, trank, gab ihn ihnen und sagte: Trinkt alle davon.“

Es geht uns nicht um Polarisierung, wir verlangen kein Weinverbot, sondern die rechtliche Gleichstellung von Wein und Saft. Dies sollte – allein schon zum Schutz der Pfarrer, die nicht ständig eine Ausnahme machen können – möglich sein.

Es ist mir bewusst, dass Anträge an die Landessynode nur über die Kreissynoden zugelassen werden. Daher habe ich über mein Anliegen bereits im Vorfeld mit dem Presbyteriumsvorsitzenden unserer Gemeinde und dem Superintendenten des Kirchenkreises Dinslaken gesprochen und ihnen meine Absicht, Ihnen zu schreiben, angekündigt. Des Weiteren wende ich mich heute nicht nur an Sie sondern an die breite Öffentlichkeit, indem ich eine Kopie dieses Schreibens der Presse zukommen lasse.

Sollten Sie zur Begründung des Anliegens weitere Informationen wünschen oder mit uns in einen Dialog treten wollen, stehe ich Ihnen selbstverständlich jederzeit gern zur Verfügung.

Mit geschwisterlichem Gruß,

Jürgen Markert