Integration, die ich meine

Inspirierend integrieren sollen auch diese Lehrerinnen und Lehrer ihre Migranten-Schüler. Zuerst einmal in den Unterricht. Wie’s geht sagte ihnen Ursula Boos-Nünning. Foto: Udo Milbret/WAZ FotoPool
Inspirierend integrieren sollen auch diese Lehrerinnen und Lehrer ihre Migranten-Schüler. Zuerst einmal in den Unterricht. Wie’s geht sagte ihnen Ursula Boos-Nünning. Foto: Udo Milbret/WAZ FotoPool
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Die Professorin Ursula Boos-Nünning will, dass türkische Familien mehr für die Integration ihrer Kinder tun.

Duisburg-Hamborn. Ursula Boos-Nünning trennen sicher Welten von Thilo Sarrazin. Sie ist Wissenschaftlerin. Aber in der Herbert-Grillo-Gesamtschule in Marxloh stellte die renommierte Professorin für Migrationspädagogik eine provokative These auf: „In der Pädagogik stellt man fest: Viele Familien, deutsche und ausländische, leisten für ihre Kinder nicht das, was sie leisten sollten.“

Was sie meinte: Migrationseltern haben für ihre Söhne und Töchter zwar hohe Bildungsziele, werden ihnen aber oft nicht gerecht. Es mangele an genug Unterstützung für den Nachwuchs. Auch das deutsche Schulsystem, das die Expertin als „so selektiv wie kein anderes“ beschrieb, leiste nicht genug Hilfe. Daher schnitten viele Schüler aus Zuwandererfamilien oft auch so schlecht bei allen relevanten Schulstudien wie „Pisa“ ab.

Eine gewagte These? Eher nicht, denn Boos-Nünning (60), die einen Lehrstuhl für Pädagogik an der Universität Duisburg-Essen inne hat, belegte bei Ihrem Vortrag vor rund hundert Zuhörern sämtliche ihrer Aussagen mit Ergebnissen wissenschaftlicher Studien. Der erste Befund der Professorin: „Die Forschung stellt in den letzten Jahren fest, dass die kulturelle Integration nicht so gut funktioniert. Stattdessen haben sich eigene ethnische Subkulturen und Gemeinschaften ausgebildet, die in den Städten und Stadtteilen ungeheure Relevanz haben.“ Nach 55 Jahren Einwanderungsgeschichte habe man heute keine gemischte Gesellschaft, sondern klare ethnische Gruppen.“ Also doch eine Parallelgesellschaft statt Muli-Kulti? Soweit würde Boos-Nünning nicht gehen. Aber es geht in diese Richtung.

Andererseits stellte Boos-Nünning auf Basis zahlreicher Studien fest: „Migrationsfamilien leisten ungeheuer viel für die Bildung und Erziehung ihrer Kinder.“ Das widerspreche klar den Behauptungen vieler Politiker, Lehrer und Sozialpädagogen, Migrationsfamilien hätten kein Interesse an der Bildung ihrer Söhne und Töchter. Im Gegenteil, so Boos-Nünning: „Seit Jahrzehnten zeigen alle Untersuchungen: Migrationsfamilien sind hoch bildungsorientiert.“ Diese Bildungsorientierung hätten die Zuwanderer aus ihren Heimatländern mitgebracht. „Die Zuwanderer kamen nach Deutschland, um ihre wirtschaftliche Situation zu verbessern. Das war ein ganz wichtiges Motiv. Aber sie kamen auch hierhin, um die Bildung ihrer Kinder zu verbessern, nicht nur für Jungen sondern a u c h für Mädchen.“ Denn auch nach Vorstellung der Migrationseltern werde sozialer Aufstieg über Bildung gewährt. „Alle Kinder sollen nach dem Willen ihrer Eltern am besten Ärzte, Juristen oder Ingenieure werden.“ Auch die Zweisprachigkeit ihrer Kinder hielten viele Zuwanderer für erstrebenswert

Doch bei der konkreten Umsetzung hapere es, so die Professorin. Das Hauptproblem für sie: „Für die Kinder und Jugendlichen aus Zuwandererfamilien bindet sich ihre Bildungsentwicklung an die Solidarität mit der Familie.“ Diese Bindung erwarteten auch ihre Eltern von ihnen: „Für Migrationseltern ist der berufliche Aufstieg ihrer Kinder etwas, das zum Ruhm, zur Ehre der Familie beiträgt. Nicht nur das Kind selbst, sondern die ganze Familie soll glücklich werden.“ In der Praxis erfüllten die Kinder dann auch vielfach die Erwartungen ihrer Eltern.

Boos-Nünning bezeichnete dieses Phänomen als „Familiärismus“: „Gerade akademisch gebildete, junge Frauen haben eine hohe Sympathie für ihre Eltern, eine hohe emotionale Bindung.“

Insgesamt sei das Zusammengehörigkeitsgefühl in ausländischen Familien tendenziell höher als in deutschen.

 
 

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