Hermann Claus war Medizinmann und Politiker

Gregor Herberhold
Die Gaststätte Claus an der Kaiserstraße im Jahr 1920 beim verheerenden Rheinhochwasser. Der Ausschank ging weiter: Durchs Fenster bediente Hermann Claus seine Gäste, die im Ruderboot vorbeikamen. Repro: Udo Milbret/WAZ FotoPool
Die Gaststätte Claus an der Kaiserstraße im Jahr 1920 beim verheerenden Rheinhochwasser. Der Ausschank ging weiter: Durchs Fenster bediente Hermann Claus seine Gäste, die im Ruderboot vorbeikamen. Repro: Udo Milbret/WAZ FotoPool
Foto: WAZ-Fotopool
Im siebten Teil unserer Serie über Traditionsgaststätten in Walsum geht es um die Wacholderbrennerei Claus. Das Haus mit der angeschlossenen Kneipe gegenüber der Kirche besteht bereits seit 298 Jahren.

Walsum.  In fünfter Generation wird die Schnapsbrennerei Claus im Herzen des Dorfes Walsum inzwischen geführt. Bis auf den jetzigen Inhaber hießen alle Wacholderbrenner Hermann. Dass jetzt Theodor an der Reihe ist, hat einen einfachen Grund: „Mein Bruder hatte keine Lust, den Betrieb zu übernehmen. Also bin ich ins Geschäft eingestiegen.“

Der Hermann, der um 1900 den Betrieb und die angeschlossene Kneipe führte, war Politiker, Behördenmensch und Medizinmann. Als Ortsvorsteher (1900 bis 1905) funktionierte er die Kneipe zum Sitzungssaal um. So manches Bier, so mancher Wacholder soll geflossen sein, wenn die hohen Gemeindeherren tagten, weiß Helmut Schorsch vom Heimatverein Walsum. Aber: Die Theke diente auch als Apotheke. Noch heute erzählt man sich, dass der damals einzige Arzt im Dorf Patienten mit Magenverstimmung zu Claus schickte: An der Wacholderquelle, wie die Gaststätte auch heißt, könne man sein Leiden heilen, zumindest aber lindern. Auch gegen „wassersüchtige Anschwellungen und Blutkreislaufstörungen, besonders in Lunge und Niere“, so eine Werbung aus den 1920er Jahren, helfe der Claussche Doppelwacholder...

Vor 298 Jahren wurde die Brennerei mit dem angegliederten Ausschank an der heutigen Kaiserstraße gegründet. Gefeiert wurde bei Claus im Laufe der drei Jahrhunderte gerne, ausgiebig und oft. Ob Vereinsfeste oder Privatfeiern – wer was auf sich hielt, schaute dort vorbei. Selbst als das große Rheinhochwasser 1920 das Dorf unter Wasser setzte, kamen die Gäste, und zwar im Ruderboot, wie ein altes Foto beweist. Damals wurden die Getränke durchs Fenster gereicht.

Originalgetreues Innenleben

Auch als „Domschänke“ fungiert(e) die Kneipe: Wenn das Hochamt zu Ende war, strömten viele Gottesdienstbesucher in den Wirtschaftswunderzeiten nach dem Krieg gleich zu Claus, wo auf der Theke stets 100 gefüllte Pinnchen darauf warteten, gekippt zu werden. Und eine Filiale der Spar- und Darlehnskasse war dort auch untergebracht.

1890 wurde das ursprüngliche Haus von 1715 durch ein Feuer komplett zerstört, die heutige Brennerei entstand kurz nach dem Zweiten Weltkrieg. Das originalgetreue Innenleben kann allerdings nur noch zu sehr eingeschränkten Öffnungszeiten bewundert werden – und während der „Wacholderkirmes“, dem viertägigen Schützenfest des BSV 1856.

Theo Claus führt den Betrieb in fünfter Generation

Die Gaststätte Claus, auch Wacholder Quelle genannt, existiert bis zum heutigen Tage und befindet sich immer noch im Familienbesitz.

Der heutige Inhaber, Theodor, kurz Theo genannt, führt die Kneipe allerdings nur noch nebenbei „nach Feierabend“, wie er im Gespräch mit der Redaktion erzählte.

Im Angebot ist alles aus eigener Produktion, allem voran der traditionsreiche Wacholder, den es in der einfachen Ausführung und der „doppelten“ Version, sprich mit mehr Alkohol gibt. Außerdem bietet der Wirt auch frisch gezapftes „Köpi“ an.

Seine Brötchen verdient Theodor Claus mit der Schnapsbrennerei, die Kneipe ist mehr ein Hobby.

Die Öffnungszeiten der Gaststätte, die noch den Charme der guten, alten Zeit versprüht, sind sehr eingeschränkt: Montags, mittwochs und samstags ist ab 18.30 Uhr geöffnet (Ende offen), sonntags von 10 bis maximal 14 Uhr.