Der Preis des Wohlstands

Christian Balke
Karikatur: Holtschulte
Karikatur: Holtschulte
So lange im Osten deutsche Rekordgewinne sprudeln, müssen wir mit Menschen leben, denen Deutschland als „Gelobtes Land“ erscheint

Duisburg-Marxloh. Was regten sich einige User unseres Internet-Portals über die Hilfe-zur-Selbsthilfe-Aktion für eine Marxloher Roma-Familie auf! Starker Tobak, das. Dabei haben wir nicht immer schlecht gedacht über die Zigeuner, die Cigani, wie sie sich eigentlich selbst nennen.

Lang ist’s her, als sie besungen wurden. Bert ist ja jetzt leider tot. Die bessere, jedenfalls andere Hälfte von Cindy starb vor Tagen in Düsseldorf. Als „Cindy & Bert“ feierten sie in den siebziger Jahren Schlager-Erfolge. Hits wie, „Aber am Abend da spielt der Zigeuner“ sind ja unvergessen.

Tatsächlich war damals die Vorstellung, die der bundesdeutsche Wohlstandsbürger vom Zigeuner an sich hatte, eine romantische. Kein Wunder: War dieser Zigeuner doch ausbruchssicher in Ungarn, der Tschechoslowakei oder den sogenannten Volksrepubliken Polens, Rumäniens und Bulgariens hinter dem Eisernen Vorhang des Kommunismus weggesperrt.

Und die putzigen Zigeunerchen, die gemeinsam mit dem Hans Moser und der Lilo Pulver über die ersten Farbfernseh-Schirme der Republik scharwenzelten – ach, die waren ja herzallerliebst.

Als dann die Menschen im Osten – mit ihnen die Zigeuner – durch Courage und Wut zu freien Bürgern eines demokratischen Europas wurden, waren die Versprechen des reichen Westens vollmundig: ,Weil ihr im Kommunismus gelitten habt, teilen wir unseren Wohlstand nun mit euch!’, riefen wir den Brüdern im Osten zu. Die hörten es gern und tanzten zur deutschen „Ode an die Freude“.

Komischerweise will sich daran heute kaum mehr jemand erinnern. Zumindest bei uns, im Deutschland 2012. Die Menschen im Osten erinnern sich sehr wohl daran, wo sie her kamen, wie sehr sie unter dem Joch ihrer Diktatoren litten. Der Traum vom Wohlstand lebt in ihnen weiter und hat für viele Menschen im Osten, auch für die Roma, nach wie vor einen Namen: Deutschland.

Kein Wunder, dass die Roma, die es nun aus Bulgarien und Rumänien auch nach Marxloh zieht, unser Land für das gelobte halten: Vieles,was in ihrer Heimat gut und teuer ist – der Mercedes, der Audi oder der BMW, die Bosch-Pumpe, der Adidas-Schuh – all’ das ist für die Menschen in Osteuropa Deutschland.

Kein Land in Mittel-, Ost- oder Südosteuropa, in das wir nicht für ‘zig Milliarden Euro unsere deutschen Waren und Dienstleistungen exportieren, selbst wenn sie dort auf Pump bezahlt werden – die Euro-Krise lässt grüßen.

Dass sie mich nicht falsch verstehen: Es ist Spitze, dass Deutschland mehr als jedes andere Land von Europa profitiert. Doch so lange im Osten weiter deutsche Rekordgewinne generiert werden, müssen wir mit Menschen leben, denen Deutschland als „Gelobtes Land“ erscheint. Auch mit den Marxloher Roma, die jetzt froh sind, dass der Müll endlich weg ist.