Bedrohungen gehören zum Alltag in Bus und Bahn in Duisburg

Könnte Fahrer aus der Schusslinie nehmen: Das elektronische Kartenlese-System. Foto: Volker Herold / WAZ FotoPool
Könnte Fahrer aus der Schusslinie nehmen: Das elektronische Kartenlese-System. Foto: Volker Herold / WAZ FotoPool
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Für die Serie "Spannende Jobs" begleitete WAZ-Redakteur Christian Balke einen Busfahrer auf einer Fahrt nach Feierabend im Duisburger Norden - und erlebte eine fast surreale Geisterbahnfahrt. Chaos und Bedrohungen gehören längst zum Fahrer-Alltag.

Duisburg-Nord. Nach zwei Minuten Chaos pur verlassen die Jugendlichen den Bus. „Normal“, sagt Fahrer Uwe H., sei die Szene, „der normale Alltag, das kannten wir früher nur aus Filmen. Aber da lebe ich mittlerweile einfach mit.“

Eine normale abendliche Straßenbahn- und Busfahrt nach Feierabend durch den Duisburger Norden. Nicht als Termin geplant, nicht vorher abgesprochen, einfach echt. Mit dem etwa 15-jährigen Jungen – seine Sprache deutete auf türkischen Migrationshintergrund hin – der samt aggressivem kindlich-jugendlichen Anhang zustieg, begann eine fast surreale Geisterbahnfahrt. Hauptdarsteller und (tragischer) Held: Ein Busfahrer im alltäglichen Ausnahmezustand. „Wat geht ab hier, olun, isch bin der Checker“, grölt der Jugendliche, beleidigt die Fahrgäste in einem Kauderwelsch aus deutschen und türkischen Wortfetzen, stapft pöbelnd durch den Bus. Am Busfahrer vorbei, ohne die Fahrkarte zu zeigen. Wie seine „Gang“: Drei ebenfalls extremst aggressive Jungen, wohl zwischen 12 und 14 Jahren. Alle sprechen türkisch.

Der Fahrer – nennen wir ihn Uwe H. (Name geändert und der Redaktion bekannt) – kennt die Sorte. Die Vier wollen ihre Tickets nicht zeigen, aussteigen wollen sie auch nicht. Irgendein Fahrgast murmelt etwas von „Intensivtäter“ und „wegsperren“, worauf hin der Junge ausrastet: „Wer will hier eine auf’s Maul? Intensiv am Ar . . .“

Wie im Film

Zumindest einer der zahlreichen Fahrgäste – ein Stiernacken mit serbischem Migrationshintergrund (wie er später sagt) – stellt sich schützend zum Fahrer. Uwe H. droht nicht nur mit der Polizei, er wählt sie jetzt an. Das wirkt. Nach zwei Minuten Chaos pur verlassen die Jugendlichen den Bus. „Normal“, sagt Uwe H., sei die Szene, „der normale Alltag, das kannten wir früher nur aus Filmen. Aber da lebe ich mittlerweile einfach mit.“

Knapp zwei Haltestellen ist der Bus weiter gefahren und H. will eine Zusicherung, dass sein Name nicht genannt wird („Sorry, sonst sage ich gar nichts mehr.“), da passiert schon der nächste Zwischenfall. Ein Jugendlicher, etwa 16, groß gewachsen und mit teuren Designerjeans bekleidet, streckt dem Fahrer die Fahrkarte entgegen und will weiter gehen. „Moment“, sagt Uwe H., „die ist nicht mehr aktuell. Da müssen sie nachlösen oder aussteigen.“ Sofort ist der junge Mann auf hundertachtzig. Die Karte sei in Ordnung, ob der Fahrer denn, „eins in die Fresse“ wolle? „Raus jetzt“, sagt Uwe H. und bleibt immer noch erstaunlich ruhig, „raus oder es setzt ‘ne Anzeige.“ Der Junge verlässt mit hochrotem Kopf den Bus, überlegt es sich dann scheinbar anders und will fluchend wieder zusteigen – da ist die Tür zu, der Bus rollt. Die Tür kriegt Fausthiebe und Tritte ab. „Immer noch besser, als ich“, lacht der Fahrer irgendwie bitter. Er wolle ja nichts dramatisieren, aber gerade in Duisburg sei es schlimm: „Was man so aus den anderen Städten hört, aus Mülheim und Moers, da ist es auch krass“, sagt er. Vor Nachtfahrten in Duisburg hätten Kollegen jedoch teilweise Angst: „Je tiefer nach Duisburg ’rein, desto schlimmer wird’s.“

Wie zum Beweis an der nächsten Haltestelle: Der nächste aggressive Jugendliche ohne gültigen Fahrschein. Wortgefecht, Beleidigung, Drohungen. Der Junge zieht ab. „Ich sehe es mal positiv“, sagt Uwe H., „zumindest hat keiner zugeschlagen . . .“

Auch andernorts ein Problem

Auch in anderen Städten kennt man das Problem: Ein Ansatz, um die Aggression vom Fahrer abzulenken, wurde erst in der vergangenen Woche in Moers vorgestellt. Bevor der Fahrgast den Bus endgültig betreten kann, muss es seinen Fahrschein automatisch mit einem Scanner prüfen lassen. Damit würde die für den Fahrer derzeit noch verbindliche und konfliktbeladene Sicht-Prüfung entfallen.

In Berlin gehen die Verkehrsbetriebe und private Anbieter von Beförderungs-Dienstleistungen mittlerweile so weit, die Fahrer in Deeskalations- und Zweikampftechniken schulen zu lassen. In ständig Seminaren und über Schulungsvideos sollen die Fahrer und Kontrolleure in einen Zustand versetzt werden, der es ihnen ermöglicht, sich und ihre Passagiere verletzungsfrei durch Konfliktsituationen mit aggressiven Fahrgästen zu manövrieren.

 
 

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