Aufruhr im alten Walsumer Rathaus

Das alte Rathaus Walsum, wo sich der Putsch abspielte. Fotos: Archiv Heimatverein Walsum.
Das alte Rathaus Walsum, wo sich der Putsch abspielte. Fotos: Archiv Heimatverein Walsum.
Foto: Fabian Strauch
Im sechsten Teil unserer Serie über die Bürgermeister der einstmals selbstständigen Stadt Walsum berichten wir über Herwarth Dietrich, der durch einen „Putsch“ an die Macht kam. Und über dessen Nachfolger Georg Matthae. Beides recht farblose Kandidaten, wie Kritiker später erzählten.

Walsum..  Paukenschlag in der Sitzung des Walsumer Stadtrates am 27. März 1963: Mit Hilfe von fünf Überläufern aus der SPD wählt die CDU-Opposition Herwarth Dietrich (SPD) zum neuen Bürgermeister. Es gibt 18 Stimmen für Dietrich, nur noch 14 für den bis dahin amtierenden Bürgermeister Gustav Stapp. Stapp, zwei Tage zuvor noch als Landrat des Kreises Dinslaken bestätigt, ist damit abgewählt. In einer Sitzungspause bestimmt die SPD-Ratsfraktion Stapp aber zu ihrem neuen Vorsitzenden.

Nur Übergangskandidat

Die SPD bietet damit nach außen ein Bild der Zerrissenheit. Schon im Mai ‘62 ist es der CDU gelungen, mit Hilfe von Abweichlern aus dem SPD-Lager wichtige Anträge durchzubekommen. Dietrich gehört dazu und wird aus der SPD-Fraktion ausgeschlossen.

Dem 59-jährigen Dietrich schlägt der Hass der Zuhörer im Ratssaal entgegen, weil er den beliebten Stapp aus dem Sattel hob. „Pfui, Verbrecher, Lump!“ rufen sie ihm entgegen. Dietrich lässt den Saal räumen.

Die fünf Überläufer sind Druck von allen Seiten erlegen, der Presseberichterstattung über die angeblichen „Ostkontakte“ Stapps und über Ermittlungen der Staatsanwaltschaft dazu ebenso wie Einflüssen aus der Bonner SPD-Zentrale. Der Coup markiert zugleich den Wandel der Walsumer CDU von der scharfen Opposition zum Junior-Partner einer trotz ihrer Affären führenden SPD.

Dietrich hinterlässt wenig Spuren in der Stadtgeschichte, ist nur ein Übergangskandidat, um das „Problem Stapp“ zu lösen. Der Rektor der Lindenschule muss dafür bezahlen. Im Mai wird er aus der örtlichen SPD ausgeschlossen und bei der Kommunalwahl 1964 nicht mehr aufgestellt. Später kehrt er aber in die SPD zurück.

Auch sein Nachfolger Georg Matthae (73) bleibt ein Übergangskandidat, diesmal aus Altersgründen. Er ist zu Zeiten des Bürgermeisters Gustav Stapp Vorsitzender der SPD-Ratsfraktion gewesen. Wie Stapp ist er zugleich Bürgermeister und Landrat des Kreises Dinslaken. 1952 wird der Schulrat erstmals in den Walsumer Gemeinderat gewählt. Für seine sozialdemokratische Gesinnung muss der gebürtige Ostpreuße während der Nazizeit mit Degradierung büßen.

Nach der Entlassung aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft stellt er sich mit ganzer Kraft dem Wiederaufbau zur Verfügung. Aber Ende November 1967 legt er, mittlerweile 76 Jahre alt, sein Ratsmandat aus Altersgründen nieder. Damit muss die SPD-Mehrheitsfraktion nach einem neuen Bürgermeister-Kandidaten Ausschau halten. Georg Matthae stirbt im September 1974 im Alter von 83 Jahren.

 
 

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