600 Liebesbriefe aus Duisburg-Hamborn

Das Damentrio Buchwald: Helga, Hermine und Gabriele.
Das Damentrio Buchwald: Helga, Hermine und Gabriele.
Foto: Gregor Herberhold
Was wir bereits wissen
Als der Zweite Weltkrieg zu Ende war, lernten sich die Hambornerin Hermine Grauer und der Bad Kreuznacher Kurt Buchwald kennen. Zwei Jahre lang schrieben sie sich Liebesbriefe, erst dann wurde geheiratet.

Duisburg-Hamborn/Rheinhausen.. Es begann mit einem Traum: Im Januar 2011 erschien der gebürtigen Hambornerin Gabriele Buchwald ihr vor 39 Jahren verstorbener Vater im Schlaf und erzählte etwas von Briefen. Die heute 53-Jährige verstand zunächst nicht, was es damit auf sich hatte und fragte ihre Mutter, ob sie eine Ahnung habe. Tatsächlich: Mutter Hermine (geb. Grauer), die an der Gartenstraße und Am Bischofskamp aufgewachsen ist und heute in Rheinhausen lebt, konnte das Rätsel lösen. Im Keller waren zwei Stiefelkartons eingelagert – voll mit Liebesbriefen, die sich Hermine mit ihrem späteren Mann Kurt in den beiden ersten Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg geschrieben hatte.

Gabriele war überwältigt, als sie die Umschläge öffnete und erleben durfte, wie sich ihre Eltern kennen und lieben gelernt haben: Ihre Mutter hatte Kurt in Bad Kreuznach bei einem Besuch getroffen. Anfangs machte sich die „emanzipierte, lebensfrohe Frau“ (Zitat Tochter Gabriele), nichts aus dem jungen Mann. Doch bald funkte es zwischen der früheren Hambornerin und dem Bad Kreuznacher – und eine intensive Brieffreundschaft entwickelte sich.

Schnell wurde den jungen Leuten klar, dass sie füreinander bestimmt waren. Über die Distanz von rund 250 Kilometern, „war es aber nicht leicht, eine Liebesbeziehung aufrecht zu erhalten“, sagt die Tochter des einstigen Hamborner Bauunternehmers Friedrich Grauer. Liest man sich in die Briefe ein, so findet man Eifersuchtsszenen, neben poetischen Versen, in denen man sich gegenseitige Zuneigung in immer neuer Weise bekundet. Und das über zwei Jahre hinweg.

Briefe sind auch Zeugnisse des Alltäglichen

Die Briefe enthalten aber mehr als das. Sie sind auch Zeugnisse der täglichen Ereignisse, der Entbehrungen in den ersten Nachkriegsjahren. Sie spiegeln die Zeitgeschichte. Unter anderem wird geschildert, wie schwierig es war, über die Runden zu kommen, etwa mit Lebensmittelzuteilungen. Oder: Mit welchen Schikanen man beim Reisen rechnen musste. Und wie kompliziert und langwierig der Briefverkehr war. So wurde etwa die Post nicht nur nicht tadellos transportiert, sie wurde mitunter auch von den Militärbehörden zensiert, sprich geöffnet. Selbst Telegramme ließen sich nur dann verschicken, wenn zweifelsfrei keine „versteckten Botschaften“ (Stichwort: Sabotage) enthalten waren.

„Durch diese Briefe habe ich meinen Vater eigentlich erst richtig kennen gelernt“, sagt Gabriele. „Er starb ja, als ich vierzehn war. Damals hatte ich Tanzen und Musik im Kopf, aber keine ernsthaften Gespräche mit ihm.“ Dazu sollte es auch nie mehr kommen. Der Bauingenieur, der in Essen arbeitete, verstarb plötzlich im Alter von gerade einmal 47 Jahren an Herzinfarkt – nur wenige Wochen nach seiner Silberhochzeit. „Tschüss mein Schatz, bis nachher“, waren seine letzten Worte, gesprochen am Telefon, erinnert sich Hermine. 15 Minuten später war Kurt Buchwald tot.

Den Eltern ein Denkmal setzen

„Durch das Lesen der Briefe habe ich wahnsinnigen Respekt vor meinen Eltern bekommen“, gesteht Gabriele, das zweitjüngste von fünf Kindern. Um ihrer Mutter, die am heutigen Tag ihren 89. Geburtstag mit einer Grillparty im eigenen Garten in Rheinhausen feiert, eine Freude zu machen, hat sie alle 600 Briefe abgetippt und mit Bildern zu einem Buch binden lassen. Das wird sie heute offiziell als Geschenk überreichen.

Dabei soll es aber nicht bleiben. Gabriele Buchwald hat noch einen Traum: „Vom Krieg gibt es viele Tagebücher und Briefe, nicht aber von den entbehrungsreichen ersten Nachkriegsjahren“, sagt sie. Deshalb hofft sie, einen Verlag zu finden, der den Briefwechsel ihrer Eltern veröffentlicht: „Ich möchte meinen Eltern ein Denkmal setzen.“