Nachbarn wollen Neudorfer Straußsiedlung retten

Fabienne Piepiora
In den 1920er Jahren wurde die Siedlung gebaut. Vor und nach dem Krieg wohnten hier vor allem kinderreiche Familien.
In den 1920er Jahren wurde die Siedlung gebaut. Vor und nach dem Krieg wohnten hier vor allem kinderreiche Familien.
Foto: Funke Foto Services
  • Gebag will das Quartier aus den 1920er abreißen und dort neue Mehrfamilienhäuser bauen
  • Die Bewohner schätzen hingegen den Zusammenhalt und wollen nicht umziehen
  • Sie werfen ihrem Vermieter vor: „Die Gebag hat die Wohnungen verkommen lassen“

Neudorf. Die Nachbarn haben ein Plakat gemalt: „Rettet die Straußsiedlung“. Seit ihr Vermieter, die Gebag, vor ein paar Tagen, Briefe an die Bewohner der Straußsiedlung schickte, sind Petra Thiele und ihre Nachbarn in heller Aufregung. „Die Gebag ist wieder auf Kurs“ steht über der Anrede. „Offenbar sind wir dabei im Weg“, sagt einer der Bewohner verbittert. Die Häuser, die unter Denkmalschutz stehen, sollen nämlich Platz machen für eine neue Bebauung, so der Plan der städtischen Wohnungsbaugesellschaft. In den nächsten Wochen sollen mit den Mietern Gespräche geführt werden, ob sie sich einen Umzug vorstellen könnten. Doch die wollen für den Erhalt des 1920er-Jahre-Ensembles kämpfen.

Unter Denkmalschutz

„Wir haben hier eine gute Nachbarschaft. Unsere Kinder sind hier aufgewachsen und die Nachbarin pflegt einen Garten“, erklärt Petra Thiele. An den Lärm der Güterzüge hat sich inzwischen gewöhnt und auch daran, dass die Wohnungen nicht mehr dem neuesten Standard entsprechen. Eine Dusche darf zum Beispiel offiziell gar nicht eingebaut werden, weil es die in den 1920er Jahren auch nicht in den Wohnungen gab. Geheizt wird noch mit Kohle und Holz. „Das finde ich aber auch gemütlich.“ Ein Ingenieur habe ihr bestätigt, dass die Grundsubstanz der Häuser gut sei. Die Wände sind dick. „Im Sommer ist es schön kühl und im Winter bleibt die Wärme drinnen.“ In einigen Gebäuden gebe es inzwischen Schimmel. „Das kam aber erst, nachdem die Gebag die Häuser wärmegedämmt habe“, weiß Thiele. Sie und die anderen werfen der Gebag außerdem vor, die Wohnungen vorsätzlich verkommen zu lassen. „Immer, wenn jemand ausgezogen ist, kam niemand mehr nach, auch wenn es Interessenten gab“, schildert ein Nachbar.

Auf Nachfrage unserer Zeitung gibt Bernd Wortmeyer, Geschäftsführer der Gebag zu, dass man die eine oder andere Sanierung vielleicht hätte „fachmännischer“ ausführen können. „Allerdings liegen die Sanierungskosten im Bestand weit über denen eines Neubaus“, sagt Wortmeyer. Deshalb habe sich die Gebag entschlossen, auch über einen Abriss nachzudenken. Der Denkmalschutz ist keinesfalls aufgehoben, betonen Vertreter der Stadt. „Der Denkmalschutz muss sich aber auch der Wirtschaftlichkeit beugen“, hofft Wortmeyer auf das Verständnis der Stadt. Die Wohnungen seien derzeit auf einem Stand, dass man sie noch nicht einmal Flüchtlingen angeboten hätte. Außerdem entsprächen die Grundrisse nicht mehr den heutigen Wünschen der Mieter – die Räume seien zu klein und einige außerdem „gefangen“, liegen also hinter einem Durchgangszimmer. Wortmeyer schwebt vor, einige denkmalwerte Gebäude zu erhalten und das Quartier ansonsten mit neuen Mehrfamilienhäusern auszustatten. „Die Lage in der Nähe der Universität hat Qualitäten“, ist sich der Geschäftsführer sicher.

Schöne Lage – nur die Bahn stört

Die Lage schätzen auch die Bewohner. „Wir sind schnell im Sportpark und im Wald“, erklärt Petra Thiele. Außerdem gebe es einen dementen Nachbarn. Sogar der Arzt habe der Familie attestiert, dass sie mit dem Mann besser nicht umziehen sollen. „Den Weg zu seiner alten Wohnung findet er immer wieder.“ Außerdem glauben Thiele und die anderen nicht, dass die Lage bei neuen Familien gefragt sei – der Lärm sei deutlich zu hören.

Vor 2018 soll sich ohnehin nichts am Quartier ändern. Eines hat Wortmeyer allerdings gelernt: „Wir werden die Mieter künftig besser informieren.“