Duisburg

Nach Steinmeier-Besuch ändert sich nichts: Diese Frau will Marxloh retten, weil sie hier aufgewachsen ist

Sylvia Brennemann ist in Marxloh aufgewachsen und setzt sich für den Stadtteil ein.
Sylvia Brennemann ist in Marxloh aufgewachsen und setzt sich für den Stadtteil ein.
Foto: Morris Willner / FUNKE Foto Services.  

Duisburg. Sylvia Brennemann (46) ist in Marxloh aufgewachsen, ein echtes Arbeiterkind. Und sie wohnt noch heute mit ihrer Familie in der Nähe der Moschee. Mit ihren drei Kindern, ihrem Mann, zwei Hunden und Katzen lässt sie sich auf den Stadtteil mit seinen Problemen ein.

Wir treffen Sylvia Brennemann in Marxloh und sprechen mit ihr über die No-go-Area, Problemhäuser und die Entwicklung des Stadtteils, der mittlerweile in ganz Deutschland bekannt ist. Sie setzt sich für die Ärmsten der Armen ein, machte sich für den Bau der Moschee stark und will Menschen helfen sich zu integrieren.

Sie hilft den Menschen

Sylvia Brennemann arbeitet im Petershof, einem Sozialpastoralen Zentrum in Marxloh. Die Menschen, die hier hinkommen, brauchen manchmal eine warme Mahlzeit, einen warmen Mantel oder auch eine Impfung.

Aber auch bei Behördengängen hilft Sylvia Peters einigen Familien, die damit überfordert sind. Sie erzählt, dass arme Menschen, die kein Geld haben, von Marxloh nach Stadtmitte kommen müssen, um dort eine Behörde aufzusuchen. Doch ihnen fehlt oft schon das Geld für en Busticket. Da kann der Petershof helfen.

Im Jahr 2014 gründen Ärzte und Pflegekräfte im Petershof eine Praxis für Menschen ohne Krankenversicherung. Da war Sylvia Brennemann als gelernte Krankenschwester sofort dabei. Mittlerweile hätten aber die Malteser diese Praxis übernommen, erzählt sie.

Andere Probleme tauchen auf

Sylvia Brennemann berichtet aber auch von anderen Problemen, auf die die Zuwanderer treffen: „In Bulgarien wachsen Schulden nicht von Jahr zu Jahr. Da kann man auch mal einen Brief wegschmeißen oder verbrennen. Das kann in Deutschland ein echtes Problem werden. Wenn dann aus 100 Euro nach einigen Monaten Tausende werden.‟

Die Marxloherin hilft vielen Roma, die plötzliche Schulden haben oder keine Krankenversicherung. Doch Sylvia Brennemann merkt, die Probleme werden nicht weniger.

Sie hat keine Angst hier

Sie kennt den Stadtteil wie ihre Westentasche. Auch wenn hier wilde Müllkippen, Aggressivität und Armut ein ständiger Begleiter sind, sagt sie: „Hier muss man keine Angst haben. An gar keiner Ecke." Und das sagt die blonde Dreifachmutter überzeugend und voller Kraft.

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Steinmeier-Besuch war interessant

Der Besuch des Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier Mitte März war für Sylvia Brennemann eher unspannend. Sie weiß, dass sich hier nicht viel ändern wird. „Viele wollten ja nur die No-go-Area sehen und nach den ganzen „gefährlichen Menschen‟ schauen. Hier wohnen 70 Prozent Zuwanderer. Viele haben schlimme Kriegserinnerungen oder sind durch ihre Armut traumatisiert‟, erzählt sie.

„Als Steinmeier kam, war es eigentlich langweilig. Das war nicht Tagesbild, das wir hier haben. Hier boomt eigentlich das Leben. Junge Menschen sind auf den Straßen. Allerdings waren die Absperrungen auch sehr großzügig‟, erzählt die Maxloherin.

Und trotzdem meint sie: „Wissen Sie, wenn ich Besuch bekomme, dann räume ich vorher ja auch auf.‟

Vielen wird einfach nicht geholfen

Doch für Sylvia Brennemann ist klar, dass ein Besuch eines Politikers noch keine Lösung bringt. „Ich konstatiere, dass die Regierenden kaum politisches Interesse haben, die Menschen hier wirklich zu integrieren. Die Räumung der Problemhäuser ist ja nur eine Verschiebung. Die Menschen müssen ja dann auch irgendwohin.‟

Für Sylvia Brennemann is klar: „Die Menschen müssten existentielle Leistungen wie Kindergeld oder eine Grundsicherung bekommen. Dann wäre auch für viele ehrliche Vermieter klar, dass Miete rein käme. Jeder will noch ein bisschen Geld verdienen, an den Ärmsten der Armen.‟

Mit leerem Magen in die Schule

Sie erzählt, dass Kinder hungernd zur Schule gehen und fragt: „Wie soll ein Kind, dem der Magen knurrt, sich konzentrieren und etwas lernen? Manche Kinder wissen nicht mal, wo sie am nächsten Tag schlafen werden. Da fehlt es doch einfach am Nötigsten. In einer Immobilie von 50 Quadratemetern mit 10 oder 15 Menschen, kann man nicht lernen.‟

„Das was mich massiv geprägt hat ist, dass es immer institutionellen und Alltags-Rassimus gab. Zuwanderer wurden immer schlechter behandelt“, setzt Sylvia Brennemann fort.

Marxloh war mal hip

Und sie erinnert sich weiter: „In den 70ern war Marxloh ein Hipster-Stadtteil. Meine Verwandtschaft aus Holland kam, um hier einzukaufen. Dann haben wir die Montankrise erlebt. Viele unserer Väter wurden arbeitslos. Der Stadtteil war zum Aussterben verurteilt. In den 80ern und 90ern ist die Kaufkraft zurück gegangen und da erinnere ich mich noch an die Geisterstadt, viele Läden standen einfach leer. Dann gab es einen Aufbruch und die Brautmodenmeile entstand, weil die Marxloher sie entwickelt haben. Das war ein Segen. So kann sich ein Teil der Menschen hier halten.‟

Heute ziehen die Brautmodenläden

Und dann sagt sie: „Wir haben heute Touristen hier aus Belgien, Holland, Luxemburg. Die kommen, weil die die Brautmodenmeile sehen wollen.‟

Sylvia Brennemann wünscht sich, dass hier endlich Ruhe einkehren würde, den Menschen hier geholfen wird und sie integriert werden. Dafür setzt sie sich weiter ein und hilft den Ärmsten unserer Gesellschaft.