"Mutbürger" Harald Jochums kämpft für Abwahl von OB Sauerland

Harald Jochums (links) für „Neuanfang für Duisburg“ am Unterschriftsstand auf der Königstraße in Duisburg. Foto: Hayrettin Özcan
Harald Jochums (links) für „Neuanfang für Duisburg“ am Unterschriftsstand auf der Königstraße in Duisburg. Foto: Hayrettin Özcan
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Harald Jochums ist einer der Sprecher der Initiative "Neuanfang für Duisburg", die OB Sauerland abwählen will. Seine Kritik am OB beschränkt sich nicht alleine auf das Verhalten nach der Loveparade-Katastrophe. Auch in der Stadtentwicklung hapere es.

Duisburg. Harald Jochums ist einer der drei Sprecher der Initiative „Neuanfang für Duisburg“, die OB Adolf Sauerland abwählen will. Schon in den Achtzigern protestierte der Architekt für ökologisches Bauen gegen einen neuen Bebauungsplan für das alte Dorf Friemersheim und schlug Alternativpläne vor.

Jochums, der im Wasserturm in der linksrheinischen Eisenbahnsiedlung wohnt und arbeitet, sitzt als Bürger im Forensik-Beirat, engagiert sich beim Protest gegen das Containerterminal in Friemersheim und gehört auch zur Spitze der Kritiker-Phalanx gegen das Krefelder Kohlekraftwerk. Der Rheinhauser könnte daher als Paradebeispiel für den sogenannten „Wutbürger“ dienen. Über den Begriff, der es im Vorjahr zum Wort des Jahres schaffte, und die persönlichen Motive, die Jochums jetzt auch zum federführenden OB-Abwähler gemacht haben, spricht der 63-Jährige im NRZ-Interview.

Herr Jochums, sind Sie ein Wutbürger?

Harald Jochums: Ich war ein Wutbürger, jetzt bin ich ein Mutbürger.

Wo ist der Unterschied?

Jochums: Wut ist als Motiv kurzfristig ganz dienlich, muss sich aber dann langfristig zum Mut wandeln. Wut ist zu Anfang funktional, weil sie den Ausschlag geben kann, etwas in Bewegung zu versetzen. Langfristig ist Wut aber kein guter Ratgeber. Mut beinhaltet auch Selbstbewusstsein, Standfestigkeit und etwas mehr Gelassenheit.

Wer ständig protestiert, wird schnell als Berufsnörgler bezeichnet…

Jochums: Den Vorwurf hören wir häufig. Aber ich habe mich immer bei Gruppen beteiligt, die nicht einfach nur Nein sagen, sondern gleichzeitig auch Alternativen aufzeigen. Wie beim geplanten Kohlekraftwerk in Uerdingen, wo wir ein Gaskraftwerk fordern, das nun sehr wahrscheinlich auch gebaut wird. Nur einfach gegen etwas zu sein, das halte ich für falsch. Wir sind kreativ und haken nach, wo es etwas zu kritisieren gibt.

Forensik und Containerterminal liegen vor Ihrer Haustür, das Krefelder Kraftwerk könnten Sie vom Fenster aus sehen. In wie weit sind sie bei der Initiative für die OB-Abwahl direkt betroffen?

Jochums: Ich bin ja schließlich Duisburger. Und ich leide unter dem Mist, der hier gebaut wird.

Aber warum haben Sie sich federführend an der OB-Abwahl beteiligt?

Jochums: Es gibt mehrere Motive, unmittelbarer Anlass ist natürlich die Loveparade. Es geht nicht um die Schuldfrage, darüber müssen die Gerichte entscheiden. Das Fehlverhalten des Oberbürgermeisters und der gesamten Stadtspitze direkt nach der Tragödie war für mich ausschlaggebend. Die Pressekonferenz am nächsten Morgen war davon für mich das Unwürdigste. Und von da an ging es so weiter mit den Schuldabweisungen. Dagegen gab es gegenüber den Angehörigen und Verletzten kein einziges Signal des Mitgefühls.

Beschränkt sich Ihre Kritik allein auf das Verhalten des OB in Bezug auf die Loveparade?

Jochums: Nein. Die Stadtentwicklung wird immer mehr in die Hand von Investoren gelegt, die mit der Stadt nichts zu tun haben. Die verdienen Geld und dann sind sie wieder weg. Oder allein der Begriff City-Palais. Passt ein Palais zu Duisburg? Das hat diesen Anspruch, anders zu sein, als wir sind. Wir lieben’s lieber einfach, geradeaus und kreativ. Angeben ist nicht unser Ding. Ich nenne unsere Königstraße ja bewusst auch nicht Kö, weil Duisburg eben nicht Düsseldorf ist – Gott sei Dank.

Haben Sie ihre Kritik schon vor der jetzt laufenden OB-Abwahl geäußert?

Jochums: Jeder sollte sich ein friedliches Mittel suchen, das zu ihm passt. Ich habe z.B. dem Oberbürgermeister mehrfach persönlich geschrieben, unter vielem anderen. Aber mir war schnell klar, dass sich als Einzelkämpfer in dieser Sache nichts gewinnen lässt.

Hat der OB geantwortet?

Jochums: Ja, zweimal. Die Briefe hatte er persönlich unterschrieben. Aber ohne in die Details gehen zu wollen: Die Antworten waren für mich nicht zufriedenstellend, was ich ihm auch persönlich gesagt habe.

Hat man als federführender Mutbürger Zeit, berufstätig zu sein?

Jochums: Ich bin es ja noch und arbeite als Architekt an zwei Projekten und bin auch als Fotograf tätig. Die Zeit kann man sich nehmen, wenn einem die Sache wichtig ist. Wir haben zuletzt alle wenig geschlafen und waren sehr unruhig, weil in kurzer Zeit so viel passiert ist. Aber ich würde das als positiven Stress bezeichnen. Als die Unterschriften-Sammlung anlief, war es ein unglaubliches Gefühl, diese Woge der Zustimmung an unserem Stand zu erfahren. Da wussten wir, dass wir mit unserer Initiative richtig liegen.

Mitte der Woche waren es 10.000 Unterschriften. Wie viele sind es jetzt?

Jochums: Die Frage wird rund um die Uhr gestellt. Ich sage immer: Wir kommen mit dem Zählen gar nicht nach. Wir liegen bereits jetzt weit über der Zahl, die wir bis zum jetzigen Zeitpunkt erwartet haben.

Sie sind also sicher, dass die notwendigen Unterschriften für das anschließende Abwahl-Verfahren zusammen kommen?

Jochums: Ganz sicher. Wir wollen rund zehn Prozent mehr sammeln, damit wir auf der sicheren Seite liegen. Doppelte Unterschriften schließen wir aus, in dem wir intern jeweils Straße und Geburtsdatum per Computer vergleichen. So ist auch der Datenschutz gewährleistet.

Der Abwahl wird oft parteipolitisches Kalkül vorgeworfen. Gehören Sie einer Partei an?

Jochums: Nein. Und wir haben von Beginn an erklärt, dass unsere Initiative parteiunabhängig ist und ausschließlich Sache von uns Bürgern.

Sollte das Abwahlverfahren scheitern, gibt es Forderungen, dass dann ein Schlussstrich unter die OB-Debatte gezogen wird. Würden Sie dem folgen?

Jochums: Wir werden unsere inhaltlichen Forderungen weiter aufrecht erhalten. Wenn wir die Stimmen nicht zusammen bekommen sollten, sind die Tatsachen deshalb ja noch lange nicht aus der Welt.

 
 

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