„Missbrauch bleibt Grundrisiko einer Kindheit“

Für eine Verstärkung des Schutzes von Kindern und Jugendlichen vor sexuellem Missbrauch hat Dr. Christine Bergmann (SPD), Bundesfamilienministerin von 1998 bis 2002, am Dienstag vor Studenten und Wissenschaftlern der Universität Duisburg-Essen ausgesprochen. Die 76-Jährige referierte zum Abschluss ihrer Gastprofessur für Politikmanagement der Stiftung Mercator an der NRW School of Governance zum Thema: „Ein Tabu wird gebrochen – sexualisierte Gewalt an Kindern“.

Die Pharmazeutin und Familienpolitikerin war 2010 von der Bundesregierung zur Beauftragten für die Aufarbeitung des sexuellen Kindesmissbrauchs ernannt worden, nachdem in der Folge des Bekanntwerdens der Fälle an der Odenwaldschule weitere Skandale öffentlich wurden.

„Die öffentliche Debatte kam in Deutschland spät“, erinnerte Bergmann.Obwohl bereits die Frauenbewegung das Thema enttabuisierte, sei die Debatte erst in Gang gekommen, als Betroffene ihr Schweigen brachen. „Es war der Moment, in dem man etwas erreichen konnte“, so Christine Bergmann. Ein „runder Tisch“ formierte sich, infolge der Kampagne „Sprechen hilft“ von Wim Wenders gab es 20 000 Anrufe und 3000 Briefe und E-Mails von Opfern – viele sprachen erstmals nach Jahrzehnten über erlittenes Leid. „Diese Briefe zu lesen, war nicht einfach. Aber wir haben erreicht, was wir wollten. Darüber zu sprechen, zu erfahren, dass ihnen geglaubt wird, war das Wichtigste für die Betroffenen“, berichtete Bergmann.

Die zahlreichen Empfehlungen des rundes Tisches zur Aufarbeitung und Prävention seien in vielen Institutionen noch nicht umgesetzt wurden, Schutzkonzepte vielfach schlicht nicht vorhanden, beklagt die ehemalige Ministerin: „Sexuelle Gewalt an Kindern ist bis heute kaum eingedämmt. Beratungsstellen sind personell und finanziell nicht ausreichend ausgestattet. Sexueller Missbrauch gehört zum Grundrisiko einer Kindheit in Deutschland.“ Die Zahl der Kinder, die in Europa Missbrauch erleben, liegt laut einer WHO-Studie bei bis zu 12 Prozent – rund 1,5 Millionen Opfer sind das allein in Deutschland. „So häufig wie eine Volkskrankheit“, so Christine, „das Thema muss im Fokus bleiben. Denn es kommt wieder, das zeigt der Fall der Regensburger Domspatzen.“

 
 

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