Merkel in Marxloh: Nicht jeder, der will, kann kommen

Bilder, wie man sie selten sieht: Bei ihrem Besuch in Duisburg-Marxloh nahm Bundeskanzlerin Angela Merkel ein Bad in der Menge.
Bilder, wie man sie selten sieht: Bei ihrem Besuch in Duisburg-Marxloh nahm Bundeskanzlerin Angela Merkel ein Bad in der Menge.
Foto: dpa
Besuch im Problemviertel: Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat den Bürgern des sozial gebeutelten Duisburger Stadtteils Marxloh Hilfe versprochen.

Duisburg. Bei ihrem Marxloh-Besuch im Rahmen der „Bürgerdialoge“ sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) Vertretern von Initiativen zu, Mitarbeiter aus Ministerien nach Duisburg zu schicken. Sie sollen helfen, Bürokratie bei Förderprogrammen abzubauen, damit das Geld vor Ort sinnvoll genutzt werden kann. Die Kanzlerin diskutierte in der Reihe „Gut leben in Deutschland“ in einem Marxloher Hotel knapp zwei Stunden mit 50 von der Stadt ausgewählten Anwohnern des Stadtteils.

Merkel will zudem Gesetzeslücken prüfen lassen, um das Geschäftsmodell zu zerstören, mit überbelegten und vermüllten Schrotthäusern Geld zu machen. „Menschen werden dort wie Ware behandelt und ausgebeutet“, sagte sie. Man müsse transparent machen, wer diese Häuser zur Verfügung stelle. Zudem gelte es, Schlepper zu bekämpfen, die von der Not anderer profitierten.

Bewohner klagen über die negative Berichterstattung

Mit Blick auf rumänische und bulgarische Kinder, die nicht zur Schule gingen, sagte Merkel, dass man „die Menschen, die zu uns kommen, an die Regeln erinnern muss“. Toleranz sei nicht mit Regellosigkeit zu verwechseln.

Auf die Klagen über die negative Berichterstattung über Marxloh im Vorfeld ihres Besuchs erwiderte die Kanzlerin, es sei „wichtig, dass über die Probleme berichtet wird, damit sie wahrgenommen werden“. So habe NRW-Innenminister Ralf Jäger (SPD) zu Recht eine Hundertschaft der Polizei als Verstärkung in den Duisburger Norden geschickt. „Wie ich ihn kenne, wird er den Einsatz verlängern.“

In der Flüchtlingsfrage blieb Merkel auf Kurs. Als Pater Oliver, der in einer Sprechstunde jede Woche Dutzende Bedürftige ohne Krankenversicherung mit einem Ärzteteam betreut, um Hilfe bat, „weil wir das nicht mehr schaffen“, entgegnete sie: „Es ist nicht machbar, dass wir alle krankenversichern, die zu uns kommen.“ Man dürfe nicht die Botschaft aussenden, dass jeder, der wolle, kommen könne. „Wir müssen uns mit Rumänien und Bulgarien darüber unterhalten.“ Hilfe habe sich an die zu richten, die aus Kriegsgebieten nach Europa fliehen.

Merkel in Marxloh: "Die Mutti kommt zu Multikulti" 

Marxloh mag in der öffentlichen Wahrnehmung nicht gut abschneiden. „Aber es hat viele kreative Köpfe“, beteuert Deniz Güner, der Vorsitzende der Türkischen Gemeinde. Zum Beispiel sein Friseur, der bei ihm zur Feier des Tages die Haarschneidemaschine nochmal auf geschätzte zwei Millimeter eingestellt hat. Denn der Mann hatte gleich ein Motto für den Besuch der Bundeskanzlerin im Duisburger Stadtteil parat, in dem mehr als 60 Prozent der Bevölkerung einen Migrationshintergrund aufweisen: „Die Mutti kommt zu Multikulti.“

Angela Merkel, trotz einiger Wolken am Himmel im blauen Sommerblazer samt weißer Hose, lächelt über den Spruch, das Eis hat sie selbst schon gebrochen, als sie den bulligen Sozialarbeiter Erkan Üstünay im Saal des Hotel Montan kurz zuvor aufgefordert hat, doch mal ein Stück zu rücken, damit sie sich neben ihn setzen kann. Sie will ja mit den Menschen ins Gespräch kommen, das ist der Sinn der „Bürgerdialoge“, die den Titel „Gut leben in Deutschland“ tragen.

Keine harten Kontroversen

Bis dahin, das weiß die Kanzlerin nicht erst seit gestern Nachmittag, ist es für Marxloh allerdings noch ein sehr weiter Weg. Immerhin verspricht sie, dass man die Ergebnisse „wissenschaftlich auswertet“, und ein Aktionsprogramm daraus entwickelt werde. Marxloh darf hoffen. Ein bisschen wenigstens.

Mitte Juli erregte einer ihrer Bürgerbesuche Aufsehen, als ein palästinensisches Flüchtlingsmädchen in Rostock in Tränen ausbrach. Manche warfen Angela Merkel ungelenkes Verhalten vor, das hat sie nicht vergessen und gelernt. Als sich eine junge Frau gleich zu Beginn der Gesprächsrunde vor laufenden „Phoenix“-Kameras über fehlende Unterstützung bei ihrer Ausbildung beklagt, weiß zwar niemand unter den 50 Zuhörern im Halbrund, wie die Regierungschefin das überhaupt lösen könnte. Aber Merkel sagt: „Ich würd’s mir gerne ansehen.“ Und schnell setzt sie hinzu: „Ohne dass ich was verspreche.“ Die Frau nickt. Sie scheint zufrieden. Die erste Klippe ist genommen.

Dialog bleibt stets freundlich

Ungemach muss Merkel nicht fürchten in diesen 90 Minuten, an harten Kontroversen sind ihre Gesprächspartner nicht interessiert, der Dialog bleibt stets freundlich im Ton und konstruktiv in der Sache. „Wir haben bei der Auswahl der Gäste nicht Hand angelegt und auch kein anderes Körperteil“, beteuert Merkel, nein, es war die Duisburger Entwicklungsgesellschaft, die Vereine, Einrichtungen und Initiativen anschrieb und letztlich filterte.

Ein wenig zielführendes Vorbereitungstreffen am Morgen lässt eher Langeweile befürchten, aber dann servieren die Marxloher Merkel doch die ganze Palette von Problemen, die den Stadtteil seit Jahren durchschütteln: Flüchtlinge, Zuwanderung, Kriminalität, mangelhafte Infrastruktur. „Ich erwarte große Ohren von Ihnen“, flachst Pater Oliver, so etwas wie die gute Seele des Stadtteils.

Das Wort Hilfe fällt mehrfach, Merkel weiß, dass sie sich nicht aufs Glatteis begeben darf und vermeidet allzu konkrete Zugeständnisse. Der Bund bezahle Impfstoffe, aber man könne nicht alle Bulgaren und Rumänen krankenversichern, bescheidet sie den Pater, der von den hoffnungslos überfüllten Sprechstunden erzählt, die er mit einem Ärzteteam eingerichtet hat. Er sagt: „Wir schaffen das bald nicht mehr“ – er wird weiter kämpfen müssen.

Kanzlerin will Schlepper bekämpfen

Marxloh erlebe eine Integrationswelle nach der anderen, sagt ein Lehrer und klagt über Häuser, „in denen zwanzig Leute auf achtzig Quadratmetern leben“ und Schlepper den Bedürftigen sogar noch das Kindergeld wegnähmen. Das müsse man bekämpfen, bestätigt die Kanzlerin – man wird irgendwann vielleicht sehen, wie.

Frustrierten Stimmen über negative Schlagzeilen zu Marxloh entgegnet sie: Nur wenn etwas bekannt werde, könne sich etwas ändern. In einem öffentlichen Appell hatte die Gewerkschaft der Polizei vor dem Entstehen von rechtsfreien Räumen gewarnt. Auch Marxloh zählt demnach zu den Brennpunkten.

Merkel allerdings lobt das Engagement der Menschen im Stadtteil und schließt immerhin doch noch mit einem Versprechen: „Ich werde draußen eher über das reden, was hier klappt, als das was nicht klappt.“ Ein bisschen Werbung könnte Marxloh gut gebrauchen.

 
 

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