Menschen mit Demenz Kunst nahe bringen

Anne Horstmeier
Die Ausstellung „Blackbox“, die bis Anfang April im Lehmbruck-Museum bleibt, wurde von Sybille Kastner (und ihrer Kollegin Claudia Thümler) auch mit Blick auf besondere Zielgruppen entwickelt.
Die Ausstellung „Blackbox“, die bis Anfang April im Lehmbruck-Museum bleibt, wurde von Sybille Kastner (und ihrer Kollegin Claudia Thümler) auch mit Blick auf besondere Zielgruppen entwickelt.
Foto: FUNKE Foto Services
In Duisburg wurde ein Modell für Führungen entwickelt, das weit über Deutschland hinaus übernommen wird. Wissenschaftliche Studie ist abgeschlossen.

Duisburg.  Am Anfang stand die persönliche Betroffenheit: 2006 erkrankte die Mutter von Friederike Winkler, Kunstvermittlerin am Lehmbruck-Museum, an Demenz. Am Ende stehen jetzt die Ergebnisse einer Studie, die weit über Deutschland hinaus bewirkt, dass Museen Besuchern mit Demenz ein auf sie zugeschnittenes Angebot machen können. „Das wird irgendwann selbstverständlich“ sagt Museumspädagogin Sybille Kastner, die seit den ersten Schritten dabei ist und jetzt den wissenschaftlichen Forschungsbericht fertigstellt: Die „Entwicklung eines Modells zur gesellschaftlichen Teilhabe von Menschen mit Demenz im Museumsraum“ ist seit Oktober 2012 vom Hamburger Forschungsinstitut ISER mit dem Lehmbruck-Museum und der Gesellschaft Demenz Support Stuttgart betrieben worden; finanziert wurde die Studie vom Bundesforschungsministerium.

Aus Erfahrungen gelernt

„Wir hatten ja kein Marketing-Konzept“, sagt Sybille Kastner rückblickend. Anfangs wurden die Museumsmitarbeiterinnen von der Duisburger Alzheimer Gesellschaft beraten, die von der Idee begeistert war, Patienten und Kunst zusammenzubringen. Im Januar 2007 gab es die erste Führung für Menschen mit Demenz. Alles weitere sei dann auf sie zugekommen, sagt Sybille Kastner: von der Alzheimer Forschungsinitiave bis zum Fotografen Michael Hagedorn, der die Führungen dokumentiert hat. „Die Fotos haben viel transportiert“, sagt sie. Denn sprachlich können sich Menschen mit Demenz oft nicht gut verständlich machen. „Wir habe jede Führung zu Zweit gemacht: einer hat geführt, einer beobachtet“, schildert sie das Vorgehen, das auf dem Sammeln von Erfahrungen beruhte.

2012 stiegen die Hamburger Forscher ein. „Eine Wahnsinns-Herausforderung, aber für eine Kunstvermittlerin auch ein großes Geschenk, dass wirklich etwas fundiert untersucht wird“, sagt Sybille Kastner, für die eine unruhige Zeit begann. 13 Führungen wurden im Lehmbruck-Museum per Video festgehalten und analysiert. Dabei kam zum Beispiel heraus, dass Kunst, die sinnesorientiert und emotional ist, bei dieser Zielgruppe am besten ankommt. Eine andere Erkenntnis ist, dass die Kunstvermittler nicht – wie sonst — an Gesprächen den Erfolg ihrer Arbeit messen, sondern Mimik und Körpersprache der Teilnehmer beobachten. „Ich finde diese spezielle Ebene toll“, sagt Sybille Kastner. „Man muss Geschwindigkeit rausnehmen und total runterschalten, auch mal auf Antworten warten oder sich auf ungewöhnliche Antworten einstellen, neugierig bleiben und sich frei und offen machen.“

Sie gab ihre Erfahrungen und ein darauf basierendes Schulungsmodell weiter an elf kooperierende Museen zwischen Hamburg und München, die dann auch Führungen für Menschen mit Demenz anbieten konnten. Und sie wurde als Expertin für Demenz-Programme in Museen vom Museum of Modern Art in New York zu einem internationalen Austausch eingeladen. Außerdem beteiligen sich Museen in den Niederlanden, in Italien, Irland, Litauen und der Schweiz.

Museen im Ruhrgebiet sind dabei 

Auch in zahlreichen Museen des Ruhrgebiets können Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen und Begleiter Kunstwerke besonders sinnlich erleben. Die Führungen und Workshops für Gruppen und Einzelbesucher werden auf der Info-Karte „Ruhr-Kunst-Museen sinnlich erleben“ vorgestellt. Das Netzwerk ist im Rahmen des Bundesmodellprogramms „Lokale Allianzen für Menschen mit Demenz“ entstanden.

Auch diese Angebote gehen auf die Arbeit des Lehmbruck-Museums zurück. Ziel ist, dass Betroffene weiter am gesellschaftlichen und kulturellen Leben teilnehmen.

Als Ruhr-Kunst-Museen beteiligen sich das Quadrat in Bottrop, das Kunstmuseum Bochum, das Kunstmuseum Mülheim und Schloss Moyland. In den Startlöchern stehen das Museum Folkwang in Essen, die Ludwiggalerie in Oberhausen, das Gustav-Lübcke-Museum in Hamm sowie das Emschertal-Museum in Herne. Außerdem wollen die Kunsthalle Recklinghausen, die Flottmann-Hallen in Herne, das Lichtkunstzentrum in Unna, das Bergbau-Museum Bochum, die Museen der Stadt Krefeld, das Leder- und Gerber-Museum in Mülheim sowie das Kunstmuseum Gelsenkirchen dieses Angebot übernehmen.