Mauerweg war nicht seine Grenze

Ingo Blazejewski

Die 100 Meilen entlang der ehemaligen West-Berliner Grenze haben bei Martin Jansen Spuren hinterlassen. An den Füßen und Knöcheln, die noch vier Tage stark geschwollen waren. Und im Gedächtnis. „Wenn man dort im Dunkeln auf die Gedenkstelen mit den Bildern der Mauertoten trifft, bekommt man sofort eine Gänsehaut. Vor vielen Jahren waren sie hier ebenfalls nachts unterwegs und wurden erschossen“, sagt Jansen, der den legendären Mauerweglauf hinter sich hat.

Ihr Gedenken tragen die 340 Läufer auf der Brust: Auf der Startnummer findet sich ein Bild von Marienetta Jirkowsky, die 1980 an der Mauer erschossen wurde. Der Weg des Laufwettbewerbs führt knapp 161 Kilometer auf historischen Wegen. „Es war ein episches Abenteuer“, sagt Jansen und hat dabei vor allem die 42 innerstädtischen Kilometer im Blick. „Die meiste Zeit ist es mehr ein Landschaftslauf. Der Großteil der Strecke führt durch Wälder, Wiesen und kleine Vororte, da denkt man gar nicht mehr, dass man in Berlin ist.“ Nach mehr als einem Tag und einer Nacht, nach genau 28 Stunden und sieben Minuten, kam er ins Ziel: Platz 150. Prominentester Starter war Joey Kelly – der kam allerdings nicht ins Ziel.

Doch wie hält man es überhaupt durch, so weit an einem Stück zu laufen? „Es macht Sinn immer nur von Verpflegungspunkt bis zu Verpflegungspunkt zu denken. Das hat mir definitiv geholfen. Sonst ist die Strecke einfach viel zu lang.“

Jansen hat sich in diesem Sommer zudem lange vorbereitet und dabei jegliche Witterungsverhältnisse miterlebt: Ob den Dauerregen auf 100 Kilometern beim „Zugspitz-Ultratrail“, oder der Hitze auf den 100km beim „Thüringen-Ultra-Lauf“ oder der lückenhaften Wolkendecke auf den 107 Kilometern entlang der Römischen Weinstraße. Bei allen drei Wettbewerben geht nicht nur die Distanz in die Beine: Insgesamt hat Jansen bei den Läufen mehr als 10.000 Höhenmeter überwunden.

Seit über vier Jahren berichtet die NRZ in jährlichen Abständen über die Lauf-Abenteuer von Martin Jansen. „Meine Grenzen bestimme ich“, ist die Devise des 37-Jährigen, der bei seinen Läufen keinen Gipfel und keine Wüste scheut. Er ist 64 mal einen Marathon gelaufen, 28 mal einen Ultramarathon, neunmal einen 100km-Wettbewerb und jetzt einmal die 100 Meilen. Aber wo sind denn nun seine Grenzen? Und macht der Körper das alles problemlos mit? „Ich kenne einige Läufer, die es ernsthaft übertrieben haben und nun operiert werden müssen oder nur noch unter Schmerzen laufen können. So etwas möchte ich natürlich vermeiden“, sagt Jansen. „Nachdem ich zuletzt wirklich sehr viel gelaufen bin, habe ich für mich persönlich festgestellt, dass eine Woche Pause zwischen den Läufen zu wenig wäre, aber im Zwei-Wochen-Rhythmus war es okay.“ Was körperlich im Laufe der letzten Wochen am meisten gelitten habe, seien definitiv seine Füße. „Aber auch die werden wieder heilen.“ Ein Patentrezept, wie sich Blasen und Druckstellen vermeiden lassen, habe er noch nicht gefunden. „Aber ich lerne jedes Mal dazu.“

Die letzte große Mammut-Aufgabe

Eine Schwierigkeit, sich nach der Vielzahl an absolvierten Herausforderungen zu motivieren, sieht Jansen nicht. Mit den 100 Meilen von Berlin habe er „natürlich einen Meilenstein“ geschafft, sagt er, will nächstes Jahr vielleicht aber erneut starten. „Der Veranstalter macht das ganz geschickt und ändert jedes Jahr die Laufrichtung, Schafft man es zwei Jahre hintereinander ins Ziel, erhält man zusätzlich eine ,Back-to-back’-Medaille.“ Die Planung und Zielsetzung beginnt für Jansen an jedem Jahresende. „Mit diesem Ziel setze ich mich dann quasi täglich auseinander und definiere Teilschritte.“

Der Mauerweg war für ihn jedenfalls noch nicht die Grenze. Aber bleibt denn jetzt noch überhaupt ein Wettbewerb, bei dem die Distanz noch weiter oder die Gipfel noch höher sind? Was letztlich die ultimative Herausforderung wäre? „Ja, der UTMB, der als inoffizielle Weltmeisterschaft gilt“, sagt Jansen. Der „Ultra Trail de Mont Blanc“ verbindet die Strecke von 100 Meilen mit 9100 Höhenmeter im alpinen Gelände. Selbst Jansen nennt das „eine Mammut-Aufgabe“. Für diesen Lauf muss man sich erst einmal qualifizieren und dann noch auf das Losglück hoffen, da es immer deutlich mehr Bewerber als Startplätze gibt. Letztes Jahr hatte Jansen kein Glück. „Ich hoffe für 2016 auf eine Zusage. Die nötigen Qualifikationspunkte habe ich erreicht.“ Die Entscheidung fällt im Januar. „Dann hätte ich sieben Monate Zeit für die Vorbereitung. Ohne entsprechendes Training hätte ich da keine Chance, dafür ist es viel zu anspruchsvoll.“

Jetzt ist erst einmal eine längere Laufpause angesagt. In zwei Monaten fliegt Jansen nach Venezuela: „Ich habe vor, mir einiges vor Ort anzusehen und Land und Leute kennenzulernen.“ Klingt nach Urlaub. Jansen wäre nicht Jansen, wenn er daraus nicht eher einen „sehr schönen Aktivurlaub“ machen würde: Er plant die Besteigung des 2810 Meter hohen Tafelberges Roraima Tepui. Durch den Regenwald bis oben auf den Gipfel dauert es fünf Tage.