Matsche macht schöne Beine

Stefanie Hain
In Duisburger Landschaftspark Nord ging es am Wochenende auf einen Rundkurs über 8.5 Kilometer. Foto: Lars Fröhlich
In Duisburger Landschaftspark Nord ging es am Wochenende auf einen Rundkurs über 8.5 Kilometer. Foto: Lars Fröhlich
Foto: WAZ FotoPool

Duisburg. Beim 24 Stunden Mountainbike-Rennen im Duisburger Landschaftspark Nord saßen 1900 Fahrer aus 500 Teams im Sattel.

Philipp Büttner schiebt sein Rad ins Fahrerlager der „Turbo-Biker“, glücklich, aber ein wenig erschöpft. Seine Beine sind tiefbraun – verkrustet mit undefinierbarem Schmutz und Erde. Büttner interessiert sein ästhetischer Zustand aber eher wenig, er ist auf der wichtigen Suche nach etwas Essbarem. Kuchen, Brötchen, Gegrilltes – alles ist da. „Ich zähle zwar keine Kalorien, aber man hat das Gefühl, ständig zu essen“, grinst er, während er genüsslich in ein Wurstbrötchen beißt. Für viel mehr bleibt auch kaum Zeit. „In einer Stunde bin ich wieder dran.“

Philipp Büttner ist einer von 1900 Mountainbikefahrern aus 500 Teams, die am Wochenende beim „Mountain Bike24 Stunden der Stadtwerke Duisburg“ quasi am Stück durch den Landschaftspark strampelten. Mehr oder weniger ausdauernd über einen Rundkurs von 8,5 Kilometern, durch Matsche, Wald, Treppen, den berüchtigten Monte Schlacko rauf und runter und vorbei an atemberaubender Industrie- und Naturkulisse. Wahlweise allein oder in Zweier-, Vierer- und Achterteams. Am Ende sind es die absolvierten Runden, die zum Sieg führen. Büttner gehört zu den Ausdauernden im Teilnehmerfeld. „Naja, ich fahre schon regelmäßig, vor dem Rennen natürlich etwas mehr“, stapelt der drahtige 28-Jährige erstmal tief, bevor er dann erzählt: „Sonst halte ich mich bloß mit Triathlon fit.“

Schlafmangel kommt gegen drei, vier Uhr

Und fit sollte man sein, um fast einen Tag lang immer und immer wieder dieselbe Strecke abzufahren, auf der laut Peter Bongartz die Sturzgefahr bei Übermut relativ hoch sei. Am Tag und auch mitten in der Nacht, fast ohne Schlaf, ist das eine Herausforderung. „Irgendwann nimmt man nur noch bestimmte Details an der Strecke wahr. Dann fängt man an, die Kurven zu optimieren, überlegt, in welchem Gang man am besten rumkommt. Und so gegen drei, vier Uhr rum, da merkt man dann langsam den Schlafmangel.“ Nicht nur Büttner ist gerade ins Lager zurückgekehrt: Im Fahrerlager, das einem großen, bunten Campingplatz gleicht, herrscht am frühen Abend ein beständiges Kommen und Gehen, schlammverkrustete Fahrer radeln aus der Wechselzone, umkurven schlendernde Passanten und Freunde, die große Körbe mit Verpflegung anschleppen.

Ein Geruch von Männerschweiß und Gegrilltem liegt über dem Landschaftspark, es nieselt leicht, müßige Zuschauer drängen sich unter Regenschirmen und feuern – gerade an heiklen Stellen - an. „Matsche macht doch schöne Beine“, schallt es fröhlich über die Strecke, als ein braun gesprenkelter Fahrer eintrudelt, während sich andere lautstark über zehn verschenkte Sekunden ärgern. Die Stimme des Moderators ätzt zeitgleich aus den Boxen: „Für alle Fahrer, die jetzt auf die Strecke gehen: zieht euch nichts Weißes an!“

Vanessa Diel, eine der „Quotenfrauen“ beim Rennen, biegt um eine Ecke, sie hat ihre ersten Runden absolviert und strahlt, obwohl sie aussieht, als hätte sie sich gerade im Schlamm gewälzt. „Super!“, bringt sie atemlos hervor. „Einfach eine geile Stimmung hier.“ Seit drei Jahren fährt die junge Lehrerin schon Mountainbike, in diesem Jahr zusammen mit ihrem Mann im „7Hills Radon and Friends“-Team. Und sie freut sich auf das Nachtfahren. „Da ist alles beleuchtet, eine wunderschöne Atmosphäre.“

Aber mitten in der Nacht aufs Fahrrad ist ja auch nicht gerade eine Wunschvorstellung, oder? „Das geht eigentlich. Man wird geweckt, fängt mit seinem Isogetränk an und dann schießt das Adrenalin ja auch schon ins Blut. Nur um drei Uhr nachts wird es heftig“, beschreibt sie und macht sich dann auf die Suche nach der Dusche. Ihr Bike ist bereits sorgfältig an der Fahrrad-Dusche gesäubert worden, jetzt sind die Beine dran.

Die anderen genießen den Tag

Und während die Fahrer sich scheinbar unendliche Steigungen hochquälen und durch verspritze Sonnenbrillen kaum noch einen Weg erkennen können, genießen andere den Tag. Rund um den Start- und Zielpunkt gleicht das Gelände einem Rummelplatz: Fahrradzubehör vom Outfit bis zur Kette geht über den Tisch, auf der Bühne und im Festzelt wird zu Live-Musik und fast pausenlosem Programm gefeiert. Eine Sportsbar lockt die Müßiggänger mit bunten Cocktails und Red Bull. Einige der Fahrer werden es brauchen können.

Walter Klaas und Renate Petry bummeln gemütlich über das Gelände. „Wir fahren ja auch mit dem Fahrrad, aber nur für den Hausgebrauch. Was die hier leisten ist enorm“, sind sich die Duisburger einig. „Aber mal ganz ehrlich: wer hier nicht im Team fährt, muss doch verrückt sein.“ Verrückt, oder enorm gut. Frank (39) und Sven (27), ebenfalls Mountainbikefans, haben sich an einer fiesen Steigung postiert, an der Technobeats für entsprechende Anfeuerung sorgen, und beobachten entzückt die sichtbaren Leistungsunterschiede. „Gerade hier müssen einige absteigen“, meint Frank und starrt bewundernd einem Fahrer nach, der offensichtlich mühelos drei andere überholt. „Wir sind auch viel mit dem Bike im Wald unterwegs, aber 24 Stunden ist krass“, meint Sven. Krass genug, dass vor ein paar Jahren sogar Joey Kelly mitgefahren ist. „Als Einzelkämpfer. Und er hat, glaube ich, sogar gewonnen“, lacht Frank.