Der tägliche Kampf der Überlebenden der Loveparade

Annika Fischer
Schulhöfe, Kaufhäuser, Umkleidekabinen - alle Räume, die eng sind oder wo Gedränge herrscht, sind für viele traumatisierte Überlebende der Loveparade noch immer eine Qual. Beim Selbsthilfeverein Loveparade finden diese Menschen Hilfe. Auch zwei Jahre nach der Tragödie gibt es viel zu tun.

Duisburg. Kürzlich meldete sich ein Mann bei Angelika Köhler, der hatte gute Nachrichten. „Ich war im Kaufhaus, habe eine neue Hose gekauft!“ Er hatte es geschafft, zum ersten Mal: allein ins Gedränge, Anprobe in der engen Kabine, Schlange stehen an der Kasse und wieder hinaus, als sei nichts geschehen. Dabei ist etwas geschehen: die Loveparade in Duisburg.

Zwei Jahre liegt sie am Dienstag zurück, und unter denen, die dabei waren, als in der Massenpanik 21 Menschen starben und Hunderte verletzt wurden an Leib und Seele, sind noch viele, die solche Dinge nicht können: in einen Laden gehen und einkaufen. Dorthin, wo andere Leute sind, Geräusche, Gerüche. Und es werden immer noch mehr. Seit Angelika Köhler für sie da ist, in der im Mai eröffneten Kontaktstelle für Loveparade-Betroffene, hat sie Opfer kennengelernt, die erst jetzt merken, dass sie Opfer sind. „Viele haben gedacht, sie brauchen keine Hilfe. Sie haben es allein versucht und schaffen es dann doch nicht.“

Schmerz und Erinnerungwerden unterdrückt

Oder sie haben verdrängt, dass sie dabei waren, den Schmerz unterdrückt, die Erinnerung verschwiegen. Jugendliche sind darunter, die sich lange nicht trauten, ihren Eltern zu erzählen, dass sie in Duisburg waren. Pubertierende, die sich niemandem öffnen wollten. Ältere, die sich schämten. Wie wohl auch der Mann (50), der in einer Suchtklinik behandelt wird und erst durch die Therapie in seinem Gedächtnis auf das Erlebte stieß. „Er hat sich betäubt, um zu vergessen“, sagt Angelika Köhler.

Die Helfer des Vereins Loveparade Selbsthilfe lernen tragische Schicksale kennen 

Die Mutter von drei Kindern hat selbst erst durch ihre Arbeit im Verein Loveparade Selbsthilfe gelernt, wie Menschen seit dem 24. Juli 2010 an ihrem eigenen Alltag scheitern. Hat Kinder gesehen, die die Schule abbrachen, weil sie den Pausenhof nicht ertrugen. Hat Hilfesuchende erlebt, die sich vor Rettungswagen die Ohren zuhalten. Die es beim Jahrestag nicht schaffen werden, in einen Bus zu steigen, der sie zum Unglückstunnel bringt.

So viele Schicksale, die in keiner Statistik stehen: der 20-jährige Angestellte, der erst arbeits-, dann obdachlos wurde, „der ist so fertig, das kann man sich nicht vorstellen“. Der Mann, der für seinen ersten Gang zur Rampe eine halbe Stunde brauchte, nass geschwitzt. Ein Mädchen, das tagein, tagaus schweigend auf seinem Bett liegt. Ein anderes, das sich versuchte, das Leben zu nehmen; das die Klinik inzwischen verlassen musste, aber noch längst nicht allein sein kann.

Angelika Köhler ist keine Therapeutin, aber sie kann eine suchen. Anfangs, direkt nach der Loveparade, hatten Psychologen Kontingente geschaffen, aber wer fängt heute die auf, die jetzt erst um Hilfe rufen? In einem Fall rief die Duisburgerin 42 Ärzte an, bis sie einen Therapieplatz fand. Mit einer anderen Patientin sammelt sie schriftliche Absagen – wenn sie nur genug davon habe, hat die Krankenkasse die Finanzierung eines Privatarztes zugesagt. Sie schreibt Briefe und Beschwerden, denn: „Ein Betroffener hält das nicht durch. Ich will nicht wissen, wie viele mehr Tabletten kriegen als Therapie.“

Verein übt Kritik anden Versicherungen

Ohnehin übt der Selbsthilfe-Verein von Anfang an Kritik an den Versicherungen, namentlich der Axa, bei der die Loveparade versichert war. Axa blockiere Forderungen mit dem Hinweis auf die noch nicht abgeschlossene juristische Aufarbeitung; von „Zermürbungstaktik“ spricht der Vereinsvorsitzende Jürgen Hagemann. „Unakzeptabel niedrig“ seien die Zahlungen, wenn sie denn überhaupt erfolgten: Die Versicherung verlange immer wieder neue Gutachten und Belege, auch solche, die gar nicht beizubringen seien – wie etwa die Bestätigung eines Arbeitgebers, jemanden wegen der Loveparade-Folgen entlassen zu haben.

Die Axa wehrt sich gegen die Vorwürfe: „Auch uns hat das Schicksal der Betroffenen sehr berührt“, heißt es in einer Stellungnahme für die WAZ. „Wir haben uns deshalb bewusst dafür entschieden, das Ergebnis der staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen und eines sich anschließenden Strafverfahrens nicht abzuwarten – und gehen damit weit über das hinaus, was üblicherweise getan wird. Wir haben außerdem klargestellt, dass wir selbst dann Entschädigungen nicht zurückfordern, wenn kein Schuldiger ermittelt werden kann.“ Die Axa geht von 430 Geschädigten aus, „die überwiegende Anzahl aller Ansprüche konnten wir zwischenzeitlich bereits einvernehmlich abschließen“.

Um mit der Loveparade abzuschließen, haben den Betroffenen zwei Jahre noch lange nicht gereicht. Und für manchen, ahnen sie in Duisburg, ist vielleicht ein Leben nicht genug, um mit dem Erlebten, dem Überlebten fertig zu werden.

Duisburgs Ex-Oberbürgermeister Adolf Sauerland hat sich zurückgezogen 

An dem Tag, an dem Adolf Sauerland abgewählt wurde, trat er ein letztes Mal vor die Medien. Seitdem hat er sich aus dem öffentlichen Leben der Stadt zurückgezogen. Er müsse sich natürlich erst einmal an die neue Situation gewöhnen, ist aus seinem Umfeld zu vernehmen.

Auf den Veranstaltungen seiner Partei ist Adolf durchaus dabei. So war er auch zugegen, als sein Parteifreund Benno Lensdorf als OB-Kandidat nominiert wurde. Lensdorf unterlag bekanntlich in der Stichwahl dem ehemaligen SPD-Landtagsabgeordneten Sören Link. Für einige CDU-Anhänger ist Sauerlands Abwahl immer noch unverständlich, weil sie vermuten, dass man Sauerland dadurch die alleinige Schuld an der Tragödie geben wollte.

Polizeiseelsorger führte viele Gespräche

Seit der Loveparade-Katastrophe hat Folkhard Werth (52) viele Gespräche geführt. Rund 50 Beamte waren es, die in den vergangenen zwei Jahren mit dem Polizeiseelsorger zusammengesessen haben, ihm ihr Herz ausschütteten, sich eines guten Zuhörers erfreuten. Und fast alle Einsatzkräfte, die an jenem 24. Juli 2010 die tragischen Ereignisse rund um die Rampe und den Tunnel an der Karl-Lehr-Straße miterleben mussten, klagten in ihrer persönlichen Aufarbeitung über dasselbe, tief in ihnen nagende Gefühl. Das Gefühl, einem in Not geratenen Menschen helfen zu wollen, es wegen der äußeren Umstände aber nicht zu können. „Die meisten Polizisten wollen helfen. Für sie ist das Geschehene besonders schwer zu ertragen und zu verkraften“, weiß Werth.

Mahnmarsch startet an der Unglücksstelle

Bis 15.45 Uhr können am Dienstag alle Interessierten den Unglücksort besuchen. Danach ist er Hinterbliebenen und den damals Verletzten vorbehalten.

Um 18 Uhr ist ein Mahnmarsch von der Unglücksstelle am Karl-Lehr-Tunnel zum Stadttheater geplant. Er soll sich am Weg der Loveparade-Besucher vom Duisburger Hauptbahnhof zum Veranstaltungsgelände am alten Güterbahnhof orientieren.

Um 20 Uhr soll es vor dem Stadttheater am König-Heinrich-Platz eine etwa 75-minütige Gedenkfeier geben, die mit einem anschließenden Beisammensein aller Besucher ausklingen soll. An der Gedenkfeier sollen der Duisburger Oberbürgermeister Sören Link sowie NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (beide SPD) teilnehmen.