Loveparade - Die Katastrophe war absehbar

Walter Bau
Kerzen und Blumen für die Opfer der Loveparade in Duisburg
Kerzen und Blumen für die Opfer der Loveparade in Duisburg
Foto: Getty Images
Es war eine Katastrophe mit Ansage: Zu diesem Ergebnis kommt der britische Panikforscher Keith Still in einem Gutachten über die Loveparade. Er sagt, die Veranstaltung habe so niemals stattfinden dürfen. Nicht einmal die zu erwartenden Besucherzahlen seien von den Verantwortlichen berechnet worden.

Duisburg. Der britische Panik-Forscher Keith Still erhebt in einem Gutachten zur Loveparade-Katastrophe in Duisburg schwere Vorwürfe. Das berichtet die „Süddeutsche Zeitung“ (SZ). Nach dem von der Stadt genehmigten Konzept sei es nicht einmal theoretisch möglich gewesen, den Umzug gefahrlos durchzuführen. Ein Sprecher der Duisburger Staatsanwaltschaft wollte den Bericht zunächst nicht kommentieren.

Still, Professor für Massendynamik und Massenmanagement an der Buckinghamshire New University, ist von der Staatsanwaltschaft mit der Untersuchung der Katastrophe beauftragt. Der SZ zufolge schreibt der Experte in seinem fast 90-seitigen Gutachten, die Verantwortlichen hätten vorher noch nicht einmal die erwarteten Besucherströme addiert. Schon mit einfachen Berechnungen hätte man feststellen können, dass die Rampe auf dem Veranstaltungsgelände für die erwartete Besucherzahl viel zu klein gewesen sei.

Lautsprecheranlage hätte Leben retten können

Jürgen Hagemann, Vorstandsmitglied des Vereins Loveparade-Selbsthilfe, sagte, das Gutachten zeige, dass sowohl der Veranstalter als auch die Stadt Duisburg für die Katastrophe mitverantwortlich seien. „Natürlich bin ich auch der Meinung, dass es zur Anklageerhebung kommen muss“, sagte Hagemann. „Es ist inzwischen absolut unstrittig, dass von Seiten der Hauptbeschuldigten eklatante Fehler gemacht worden sind.“

Als Beispiel nannte Hagemann das Fehlen einer Lautsprecheranlage. Eine solche Anlage hätte mit Sicherheit Leben gerettet, da man darüber Hinweise und Anweisungen hätte geben können. Offenbar um Kosten zu sparen, habe der Veranstalter sie nicht aufgebaut, und die Stadt habe das abgenommen.

Bei dem Techno-Spektakel in Duisburg waren am 24. Juli 2010 21 Menschen ums Leben gekommen, mehr als 500 wurden verletzt. Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen 15 Beschuldigte, darunter Mitarbeiter der Stadt Duisburg. Anklage hat die Behörde bisher nicht erhoben. Sie machte bislang keine Angaben dazu, wann mit einem Ergebnis der Ermittlungen zu rechnen ist.

Möglicherweise keine strafrechtliche Aufarbeitung

Nach Ansicht des Kriminologen Thomas Feltes könnte die Loveparade-Katastrophe wegen der schwierigen Beweisführung sogar gänzlich ohne strafrechtliche Aufarbeitung bleiben. „Die Staatsanwaltschaft wird nur dann Anklage erheben, wenn sie mit 99-prozentiger Sicherheit mit einer Verurteilung rechnet“, sagte der Professor für Kriminologie an der Ruhr-Universität Bochum. Feltes vertritt den Angehörigen eines Todesopfers der Loveparade-Katastrophe in strafrechtlichen Belangen.

„Für eine Verurteilung muss ich nachweisen, dass die Person wesentlich zum Tod oder zu Verletzungen beigetragen hat“, so Feltes. Aufgrund der komplexen Kette von Ereignissen bei der Katastrophe sei diese Beweisführung schwierig. Er selbst habe seinen Mandanten daher auf die Möglichkeit vorbereitet, dass es gar nicht zur Anklage kommen werde. Ein Strafverfahren sei nicht dazu da, Ereignisse aufzuklären, sondern individuelle Schuld festzustellen, erläuterte Feltes.