Kritik an Stadt Duisburg - Zeltstadt wie in einem Krisenland

Ingo Blazejewski
In dieser Zeltstadt auf einem Ascheplatz im Duisburger Stadtteil Walsum sollen 150 Flüchtlinge übergangsweise untergebracht werden. Viele Duisburger finden diese Lösung beschämend.
In dieser Zeltstadt auf einem Ascheplatz im Duisburger Stadtteil Walsum sollen 150 Flüchtlinge übergangsweise untergebracht werden. Viele Duisburger finden diese Lösung beschämend.
Foto: Udo Milbret, WAZ/FotoPool
Das Asyl-Auffanglager auf dem Ascheplatz der Sportfreunde 09 in Duisburg gilt bundesweit als Negativ-Beispiel dafür, wie unzureichend eine Stadt auf die Welle an Flüchtlingen aus Krisengebieten eingestellt ist. In 20 Zelten sollen 150 Flüchtlinge untergebracht werden. Die Kritik an der Stadt wächst.

Duisburg. Die Zeltstadt in Walsum ist aufgebaut. Wann die ersten Flüchtlinge dort einziehen, ist noch unklar. 70 Personen hat das Land für die kommenden Tage angekündigt. Womöglich kommen sie bereits Ende dieser Woche, vielleicht erst am Montag. Klar ist: Das Asyl-Notlager auf dem alten Ascheplatz der Sportfreunde 09 muss inzwischen als bundesweites Negativ-Beispiel dafür herhalten, wie unzureichend eine Stadt auf die Welle an Flüchtlingen aus Krisengebieten eingestellt ist.

Das Medien-Interesse ist groß, es gab bei der Stadt sogar Anfragen von Journalisten, ob sie dort nicht zur Probe übernachten könnten. Die Stadt geht weitgehend restriktiv damit um. Das Gelände ist hoch umzäunt, der Bewuchs hält neugierige Blicke fern. Wachleute einer städtischen Tochterfirma patrouillieren rund um das Areal. Es gibt Auflagen, was fotografiert werden darf und was nicht.

150 Flüchtlinge in 20 Zelten in Duisburg

Mit dem Aufbau des Zeltlagers hat die Stadt den Landesverband des Deutschen Roten Kreuzes beauftragt. Bis zu 150 Menschen sollen dort Platz finden. Sie sollen in 20 Zelten mit je 30 Quadratmetern wohnen, hinzu kommen Aufenthaltszelte, eins dient zur Kinderbetreuung.

Auf der ausgedienten Asche zwischen den verrosteten Flutlichtmasten, wo seit Jahren kein Ball mehr rollt, versickert das Regenwasser der vergangenen Tage. „Wir haben lange darüber nachgedacht, ob wir diesen Auftrag annehmen sollen“, sagt Reginald Berndt von der DRK-Landesvorhaltung. „Aber wir helfen, wo Not ist. Und diesen Einsatz sehen wir auch als Nothilfe.“

1500 Asylbewerber in Duisburg

In Duisburg zählt die Stadt derzeit 1500 Asylbewerber, die Hälfte ist in Wohnungen untergebracht, die neuen Unterkünfte sind frühestens in einem Jahr fertig, derzeit prüft man die kurzfristige Umbau weiterer leerstehender Schulen. „Es ist doch auch nicht mein Wunsch, die Menschen in Zelte unterbringen“, sagte Stadtdirektor Reinhold Spaniel dieser Redaktion und wird nicht müde zu erklären, warum es nicht anders geht: „Es ist eine reine Notmaßnahme. Wir haben keine andere Möglichkeit mehr, die Kapazitäten sind erschöpft. Ich lebe bei der Unterbringung quasi von der Hand in den Mund.“

Das DRK bestellte am Mittwoch noch mehr Heizungen, bemühte sich um einen Boden für die Zelte. „Das ist nicht leicht, vor allem wegen der Kurzfristigkeit“, sagt Berndt. Bis zum Einzug der ersten Flüchtlinge soll auch der Boden da sein: „Die Zeltstadt kann maximal bis zum Wintereinbruch genutzt werden, länger auf keinen Fall. Alles andere wäre auch nicht mit unseren eigenen Grundsätzen vereinbar.“

Pfützen in der Zeltstadt mit Sand trocknen

Sollten in den kommenden Tagen noch Pfützen auf dem alten Ascheplatz der Sportfreunde 09 stehen, soll ein Radlader mit weiterer Asche oder Sand die Wege trocken legen: „Es ist nicht toll und es ist kein Standardkomfort. Aber es ist nun einmal eine Notlage“, sagt Reginald Berndts vom DRK.

Der Flüchtlingsrat NRW kritisiert die Duisburger Zeltstadt massiv. „Diese Lösung ist inakzeptabel und für die Stadt Duisburg beschämend, da es durchaus andere Möglichkeiten gäbe“, kommentiert Heinz Drucks, Vorstandsmitglied des Flüchtlingsrates NRW. Schon das Vorhaben der Stadt Duisburg, Turnhallen für die Unterbringung von Asylsuchenden zu nutzen, betrachtete der Flüchtlingsrat NRW mit großer Sorge. „Es ist uns ein Rätsel, wie es angesichts des in Duisburg vorhandenen Wohnungsleerstandes überhaupt zu dieser Notlösung kommen konnte“, so Drucks.

Herbe Kritik an Duisburgs Stadtdirektor Reinhold Spaniel 

Doch nicht nur außerhalb, auch in Duisburg selbst und im beschaulichen Walsum fragt man sich, ob eine Stadt im Wohlstandsdeutschland Flüchtlinge auf diese Art unterbringen sollte. „Nach der Loveparade-Katastrophe werden Bilder von Duisburger Zeltstädten um die Welt gehen, die wir sonst aus Flüchtlingslagern in Krisenländern gewohnt sind“, sagte Grünen-Fraktionssprecher Sait Keles.

Die Schelte dafür kassiert derzeit eben Sozialdezernent und Stadtdirektor Reinhold Spaniel. Dass die Debatte über die Unterbringung kein „Gewinner-Thema“ ist, hatte Spaniel schon vor fast einem Jahr erklärt, als Ortspolitiker und Anwohner Sturm liefen gegen den Umbau des Barbara-Hospitals zu einer Großunterkunft und die Stadt schließlich sieben dezentrale Standorte beschloss. Doch von denen sind erst zwei fertig, das nächste - ebenfalls in Walsum, an der Königstraße - kann irgendwann 2015 bezogen werden, gerade erst ist der Bauantrag eingereicht.

Traumatisierte Flüchtlinge

„Wir haben deshalb keine anderen Möglichkeiten. Ich lebe bei der Unterbringung quasi von der Hand in den Mund.“ Er habe bereits 200 Wohnungen in der Stadt beschlagnahmt, dort die Hälfte der rund 1500 Asylbewerber dezentral untergebracht. „Damit ist die Grenze erreicht. Man kann die Menschen dort ja auch nicht alleine lassen und sagen: Seht zu, wie ihr klarkommt.“ Der Betreuungsaufwand für die Unterbringung in den Wohnungen sei immens, Sozialarbeiter müssen die Familien alle einzeln aufsuchen. Manche Flüchtlinge sind traumatisiert, andere müssen sich in dem fremden Land erst einmal zurecht finden.

Doch warum dauert der Bau der Asylheime so lange? „Wir sind hier in Deutschland und haben nun einmal jede Menge Vorschriften zu beachten“, sagt Spaniel und listet auf: „Wenn wir endlich ein Grundstück gefunden haben, brauchen wir Lärmgutachten, eine Umweltverträglichkeitsprüfung, in einem Fall sogar ein Störfallgutachten, dann wird der Bauantrag geprüft, politisch beschlossen, erst dann läuft das Vergabeverfahren an. Das alles dauert bis zu neun Monate.“ Dass andere Städte auch keine Zelte aufstellen müssen und die Stadt selbst schließlich auch die Genehmigungsbehörde ist, ließ Spaniel unkommentiert.

Auch Baudezernat in der Kritik

Mit den schleppenden Verfahren und langwierigen Prüfungen gerät jetzt auch das Baudezernat zunehmend ins Visier der Kritik: Dass Bauherren lange auf Genehmigungen warten müssen, war bekannt. Dass aber die städtischen Dezernate untereinander solche Abläufe nicht beschleunigen können, ist kaum vermittelbar. Denn letztlich genehmigt die Stadt als Ganzes ja ihre eigenen Bauanträge. Doch offenbar will die Baubehörde um keinen Preis ein Risiko eingehen, was sich auch bei der Genehmigung des Holi-Festivals zeigt.

Entsprechende Auflagen verhindern auch, dass Flüchtlinge in den leerstehenden Gebäuden untergebracht werden können: Die Auflagen an den Brandschutz sind hoch, etliche Gutachten und Umbauten notwendig. Die Rheinhauser Grundschule an der Werthauser Straße, die im Oktober für den Einzug von Flüchtlingen umgebaut sein soll und deren Turnhalle bereits belegt ist, wird wohl dennoch nicht die einzige Schule bleiben, die als Unterkunft über den Winter dient. Wie Spaniel gegenüber der NRZ erklärte, lässt er derzeit drei weitere leerstehende Schulen zur schnellen Umnutzung prüfen.

Leeres Krankenhaus kommt als Alternative nicht in Frage

Dass jetzt plötzlich Kirchen mit Angeboten zur Unterbringung an die Öffentlichkeit gehen, kann der Sozialdezernent nicht nachvollziehen. „Die Situation ist doch seit Wochen bekannt. Ein Anruf bei uns hätte genügt.“ Die Forderung von Wohlfahrtsverbänden, das Barbara-Hospital oder gar die 200 leeren Wohnungen der Zinkhütten-Siedlung zu nutzen, die beide als politisch absolute Tabu-Standorte gelten, laufen offenbar vorerst noch ins Leere. „Diese Standort sind derzeit nicht in der Prüfung für eine Unterbringung“, sagt Spaniel.