Psychoterror krimineller Clans: Seniorin massiv bedroht – Rat der Polizei verwundert

Kriminelle Clans haben eine Ladenbesitzerin mit Psychoterror eingeschüchtert, um an ihre Immobilie zu kommen, heißt es im Buch „Schreiend ungerecht“.
Kriminelle Clans haben eine Ladenbesitzerin mit Psychoterror eingeschüchtert, um an ihre Immobilie zu kommen, heißt es im Buch „Schreiend ungerecht“.
Foto: dpa

Mehr als 40 Jahre führte Hildegard S.* in einer Ruhrgebietsstadt einen kleinen Feinkostladen.

Auch als ihr Mann gestorben war, gab die Seniorin nicht auf. Erst ein krimineller Clan sorgte für das Ende des Ladens.

Krimineller Clan schüchtert Seniorin mit Psychoterror ein

Von dieser Geschichte berichtet das neue Buch des bekannten Anwalts Burkhard Benecken aus Marl. „Schreiend ungerecht“ heißt es.

Der Anwalt, der schon Promis wie Frank Rosin, Ralf Fährmann oder Gina-Lisa Lohfink vertrat, beschreibt darin, wie ein krimineller Clan einen ganzen Straßenzug aufkaufte.

Um welche Stadt es sich handelt, nennt er nicht. Während Buchläden, Kindermodengeschäfte und Bäckereien verschwanden, eröffneten Teestuben, Spiel-Casinos und Shisha-Bars.

Die Seniorin, im Buch Hildegard S. genannt, erlebte im Sommer 2018 einen echten Alptraum. Ali M., Mitglied eines kriminellen Clans und Betreiber der Shisha-Bar nebenan, tauchte am 14. Mai vergangenen Jahres in ihrem Laden auf und bedrängte die ältere Dame, ihren Laden an ihn zu verkaufen.

Doch Hildegard S. dachte nicht daran. Ihr gefiel ihr Job, es war ihr Lebensinhalt. Auch dann noch als der junge Mann ihr 500.000 Euro anbot, mehr, als das Geschäft wert war.

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Buttersäure-Anschlag und Schüsse auf ihren Wagen

Es war der Start eines perfiden Psychoterrors, dem die ältere Dame ausgesetzt war. Wenig später standen eine Handvoll Clan-Mitglieder in ihrem Laden. „Frau S., das ist unsere Straße. Hier haben wir das Sagen“, sagte der Mann. „Sie werden an uns verkaufen.“ Dann zeigte er ihr Bilder von ihren Enkeln, aufgenommen auf dem Schulhof und im Kindergarten.

Kurz darauf wurde ihr Laden von einem Buttersäure-Anschlag heimgesucht. Doch erst nachdem auf ihr Auto geschossen worden war, vertraute sie sich der Polizei an. Ein Nachbar hatte den Vorfall beobachtet. Und Ali M. wiederkannt. Jetzt hatte sie etwas gegen den Mann in der Hand, der ihren Laden kaufen wollte, glaubte die Seniorin.

Polizei weiht Zeugen ein

Der Nachbar versicherte ihr seine volle Unterstützung. Auf der Polizeiwache sollte er Bilder des vermeintlichen Täters wiedererkennen. Kein Problem für den Mann, sagte der noch zuvor.

Doch die Worte des Polizeibeamten ließen ihn stutzig werden. „Sie wissen, dass es sich bei dem Tatverdächtigen um Ali M. handelt. Der gehört zu den berüchtigten M.s, einem kurdisch-türkischen Familienclan. Dieser Großfamilie schreiben wir zahlreiche schwere Straftaten zu. Geldwäsche. Drogenhandel. Schutzgelderpressung. Mit diesen Leuten ist nicht zu spaßen“, zitiert das Buch den Beamten.

Seniorin gibt auf

Weiter heißt es: „Bei diesem Fall geht es bloß um Sachbeschädigung, also um ein Delikt der untersten Kriminalität. Und jetzt frage ich Sie: Wollen Sie diesen Mann wirklich wiedererkennen? Wollen Sie sich den Unmut dieses Clans wegen einer solchen Lappalie zuziehen? Ich glaube, Sie wissen nicht, wozu die fähig sind. Es wäre für Sie und Ihre Gesundheit besser, wenn Sie den Täter nicht wiedererkennen.“ Der Zeuge wollte sich nicht mehr erinnern.

Der Fall wurde eingestellt. Und Hildegard S. gab auf. Sie verkaufte ihren Laden - für 100.000 Euro weniger als der zuvor angebotenen halben Millionen Euro. Seitdem ist die Dame in psychotherapeutischer Behandlung.

Das rät der Anwalt

Doch was tun in solchen Fällen? Wie handeln, wenn man Opfer einer Straftat wird oder auch nur zufällig eine beobachtet? Burkhard Benecken rät grundsätzlich in seinem Buch: „Ich empfehle die Alphabet-Regel: A wie Anwalt – vor P wie Polizei.“ Denn zeige man eine Straftat an, müssten Polizei und Staatsanwaltschaft dem nachgehen. Dann gäbe es kein zurück mehr, auch wenn Geschädigte oder Zeugen massiv bedroht werden.

Absoluter Ausnahmefall

Dass ein Kriminalbeamter empfiehlt, sich besser nicht zu erinnern, sei zwar der Ausnahmefall, dennoch versichert Benecken: „Auch das gibt es immer wieder.“

Ein großes Problem sei, dass persönliche Daten von Zeugen in amtliche Ermittlungen aufgenommen würden. So würden Anschriften und Telefonnummern von wichtigen Zeugen über deren Verteidiger zum Teil Kriminellen auf dem Silbertablett serviert. Und Einschüchterungen Tür und Tor geöffnet.

Der Anwalt, der schon diverse Schwerverbrecher vor Gericht verteidigte, beschreibt sein eigenes moralisches Dilemma: „Es fällt mir als Anwalt schwer, Opfern einer Straftat von einer Anzeige abzuraten. Mein gesamtes Rechtsempfinden und mein trotz aller Mängel unerschütterlicher Glaube an unser Rechtssystem sträuben sich dagegen. Dennoch: Manchmal ist dies der beste Rat, den ich einem Geschädigten geben kann.“ (ms)

* Namen wurden im Buch geändert

 
 

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